# taz.de -- Frankreich: Ein Staatshaushalt mit unlauteren Mitteln
> Mit dem Verfassungsartikel 49.3 boxt Frankreichs Regierung einen
> umstrittenen Haushaltsplan durch. Das ist nicht demokratisch.
(IMG) Bild: Lecornu hat seinen Trick nicht im Ärmel, sondern in der Innentasche seines Jacketts
Der französische Premierminister Sébastien Lecornu benutzt nun doch,
ausdrücklich mit Krokodilstränen des Bedauerns, den Verfassungsartikel
49.3, damit Frankreich noch einen Staatshaushalt für das laufende Jahr
erhält. Damit wird der in monatelangen Debatten ergänzte und korrigierte
Entwurf ohne Votum für angenommen erklärt. Die Linkspartei „La France
insoumise“ (LFI) hat gegen dieses Vorgehen sofort einen Misstrauensantrag
angekündigt. Die Initiative wird auch von den Kommunisten und den Grünen
unterstützt.
LFI-Fraktionschefin Mathilde Panot bezichtigt den Regierungschef der
„Lüge“, weil er stets versichert hatte, er wolle diese undemokratische
Hintertür des Verfassungsartikels 49.3 nicht benutzen, sondern in
Diskussionen eine Einigung finden. Dieses Versprechen konnte Lecornu nun
doch nicht halten. Seiner Darstellung zufolge sind daran die „Extremisten“
der Opposition mit ihrer „Sabotage“ und „Obstruktion“ schuld.
Die rund 60 Abgeordneten des Parti Socialiste (PS) werden als einzige linke
Fraktion nicht gegen Lecornu und für einen Sturz der Regierung stimmen. Das
hat der PS-Vorsitzende Olivier Faure am Dienstagmittag bestätigt. Mit
politischen Konzessionen in letzter Minute ist es Lecornu gelungen, mit den
Sozialisten ein Stillhalteabkommen bei der Vertrauensabstimmung
auszuhandeln. Das kreiden die übrigen linken Fraktionen der PS-Führung
jetzt als Bruch mit der bereits zerbrechlichen Allianz der „Neuen
Volksfront“ an.
Die [1][Haltung der Sozialisten] ist aus wahltaktischen Interessen
verständlich. Bei einem erneuten Sturz der Regierung würden nämlich
parlamentarische Neuwahlen unvermeidlich. Und bei einer Erneuerung der
Abgeordnetenkammer hätten derzeit die Rechtspopulisten des RN einerseits
und die linke LFI am meisten zu gewinnen. Die Sozialisten dagegen müssten
zusammen mit dem Regierungslager der Macronisten (Renaissance, Horizons,
MoDem) und den Konservativen mit schweren Verlusten rechnen.
## Rechtes Misstrauen
Parallel zum Vorstoß der Linken reicht auch das rechtsextreme Rassemblement
National einen Misstrauensantrag ein, der allerdings noch weniger Aussicht
auf Erfolg haben dürfte als der LFI-Antrag. In der Vergangenheit hatte das
rechtsextreme Lager in der Nationalversammlung mehrfach für
Misstrauensanträge der Linken gestimmt. Ohne die Unterstützung der
PS-Abgeordneten ergibt sich für keinen der beiden Anträge die erforderliche
Mehrheit von 288 Stimmen gegen die Regierung.
Lecornu und sein Ministerkabinett dürften also aller Voraussicht nach die
[2][Kraftprobe der Vertrauensabstimmungen] noch mal überstehen. Das ist ein
Sieg und eine Kapitulation zugleich für die Regierung, die in der
Nationalversammlung nicht über eine Mehrheit verfügt. Eine Niederlage ist
es, weil es Lecornu nicht gelungen ist, mit Konzessionen an die Opposition
einen Kompromiss auszuhandeln, der in nützlicher Frist und auf dem normalen
Weg (ohne 49.3) mit einer Debatte und Abstimmung durch die Abgeordneten und
den Senat in Kraft treten könnte.
Ein Sieg hingegen ist es am Ende für ihn, wenn er trotz eines übermächtigen
Widerstands der Opposition von links und rechts [3][eine Vorlage für den
Staatshaushalt durchboxen kann], die von seinem ursprünglichen Entwurf
nicht allzu weit entfernt ist. Und nicht zuletzt dürfte er, allen
Unkenrufen zum Trotz, seinen Posten als Regierungschef ein Mal mehr über
die Runden retten.
20 Jan 2026
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