# taz.de -- Instrument des Jahres: Die schönste Akkordarbeit
       
       > Das Akkordeon ist Instrument des Jahres 2026. Zu Recht, findet unsere
       > Autorin. Doch ihre Akkordeonkarriere begann mit einem Missverständnis.
       
 (IMG) Bild: Die Knöpfe aus Perlmutt, so shiny!
       
       Das Beste ist der Luftknopf. Und das Knitterknatter-Geräusch des Balgs,
       wenn man ihn zum ersten Mal nach längerer Zeit wieder öffnet. Wie Lungen,
       die sich von null aufs Maximum füllen – ein richtig befriedigender Atemzug.
       Die meisten Instrumente brauchen Zuwendung, bevor man sie spielen kann.
       Einzelteile müssen zusammengesteckt, Saiten gestimmt, Bögen geharzt,
       Rohrblätter angefeuchtet werden. Akkordeonist:innen müssen einmal
       beherzt querlüften. Sonst knackt es.
       
       Der Luftknopf liegt ganz oben auf der linken Seite des Akkordeons, etwas
       entfernt von den anderen Knöpfen. Pffft, pfffffffft. Ihn zu beherrschen,
       habe ich als Erstes gelernt. Denn man braucht ihn auch, um das Instrument
       geräuschlos zu schließen.
       
       Damals hatte ich [1][musikalische Früherziehung und Blockflötenunterricht]
       gerade hinter mir und viel Zeit mit der Frage verbracht, welches
       Musikinstrument wohl am ehesten meiner siebenjährigen Persönlichkeit
       entsprechen würde. Die Kriterien: Es sollte weder Klavier, Gitarre noch
       Querflöte sein, diese Standarddreifaltigkeit, aus der die meisten Kinder im
       Flötenkreis wählten. Ich wollte etwas Besonderes, und vor allem wollte ich
       etwas, das man nach dem Spielen nicht saubermachen musste. Bloß kein Holz,
       das von innen verfaulen konnte, weil zu viel Speichel dran war. Überhaupt
       war mir wichtig, den Mund frei zu haben, [2][um singen zu können]. Oh ja!
       Ein Instrument, zu dem man singen kann! Das wäre doch was!
       
       Und so begann meine Akkordeonkarriere mit einem Missverständnis, denn
       singen kann man dazu wirklich nicht. Es ist schwer und laut, man spielt es
       im Sitzen und trägt es vor die Brust geschnallt. So schön sich der Balg
       auch entfaltet, die eigene Lunge hat dahinter nicht viel Spielraum. Aber
       weil ich niemand bin, der hinschmeißt, ging ich trotzdem jeden Mittwoch zum
       Unterricht. 13 Jahre lang. Und was soll ich sagen, es war die beste Zeit.
       
       Was ich am Akkordeon liebe: 
       
       • Dass es so körperlich ist. Wer Akkordeon spielt, trainiert dabei auch
       Haltung und Bizeps, man schaukelt und wippt und ruckelt und zuckelt, damit
       es sich nach was anhört. Gleichzeitig lernt man, ein bisschen dramatisch zu
       sein. Kann nicht schaden.
       
       • Die Knöpfe aus Perlmutt, so shiny!
       
       • Es ist super fürs Hirn. Rechte Hand Melodie, linke Hand Bass und Akkorde,
       ohne wirklich sehen zu können, was man da tut, dann noch den Balg bedienen
       und Noten lesen. Mehr Multitasking war in meinem Leben nie wieder.
       
       • Der Klang ist so viel wandelbarer als man denkt, allein die vielen
       Register. Und genremäßig ist auch so gut wie alles drin, von Bach bis
       „Because the Night“, von Piazzolla bis „Poker Face“.
       
       • Ich habe in Duos, Trios und im Orchester gespielt. Wir sind nicht viele,
       aber wir halten zusammen.
       
       • Meine Lehrerin. Die war fantastisch!
       
       Was ich am Akkordeon nicht so liebe: 
       
       • Es ist wirklich extrem unpraktisch im Transport, und als ich einmal
       vergaß, es in den Kofferraum zu räumen, dann mit dem Auto zurücksetzte und
       drüberfuhr, war mein Karriereende besiegelt. Das Instrument überstand es
       wie durch ein Wunder halbwegs unbeschadet, aber ich merkte, dass ich mit
       meinen Gedanken längst woanders war. In einer anderen Stadt und einem
       WG-Zimmer, wo kein Platz für mein Akkordeon sein würde.
       
       Mittlerweile lerne ich ein bisschen Klavier, nur so für mich. Man setzt
       sich einfach hin. Kein Pffffft, kein gar nichts. Meine Hände sind zu klein,
       um ohne Schmerzen eine Oktave zu greifen.
       
       Kürzlich wurde das Akkordeon [3][zum Instrument des Jahres] 2026 gekürt.
       Und ich daran erinnert, wem mein Herz gehört. Ich würde mein Akkordeon
       niemals verkaufen. Und sollte es dringend mal wieder querlüften.
       
       2 Feb 2026
       
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