# taz.de -- Künstlerinnen über Kolonialismus: „Dass Kunst keine große Wirkung hat, ist der größte Quatsch“
       
       > Der Hamburger Erinnerung an die Kolonialvergangenheit wollen Gifty Lartey
       > und Isabel Hagen mit ihrem Projekt „Performing Denkmal“ auf die Sprünge
       > helfen.
       
 (IMG) Bild: Weckt bei Hamburger:innen ganz unterschiedliche Erinnerungen: die Speicherstadt
       
       taz: Maria Isabel Hagen, Gifty Lartey, schweigt Hamburg seine koloniale
       Vergangenheit tot? Oder gibt es durchaus ein Erinnern, aber ein falsches? 
       
       Gifty Lartey: Es ist, glaube ich, schon ein guter Ansatz zu fragen: Woran
       erinnern sich Menschen? Die Menschen in Hamburg wissen, was die
       Speicherstadt ist. Sie gehen auch gerne hin. Aber wer erinnert sich an
       welche Orte? Marginalisierte Menschen haben andere Erinnerungen als weiße
       Menschen, die hier leben.
       
       Maria Isabel Hagen: Als ich mir Hamburg angeschaut habe, sind mir schon
       Beispiele aufgefallen für so ein seltsames Erinnern. Zum Beispiel [1][die
       Gefallenen-Gedenktafel in St. Michaelis] …
       
       taz: … seit 1906 gewidmet den Kolonialsoldaten, die in China und auf dem
       Gebiet der heutigen afrikanischen Staaten Namibia und Tansania „gefallen“
       sind. 
       
       Hagen: Vollkommen unreflektiert, ohne irgendeinen Zusatz oder Kontext – und
       hängt weiterhin da. Es gibt viele Orte, die eine Kolonialgeschichte haben,
       aber der ist den Leuten teilweise einfach nicht klar.
       
       taz: Was es umso mehr gibt, ist ein durchaus stolzes Erinnern an die große
       Handelstradition, an erfolgreiche Reeder. 
       
       Hagen: Zum Beispiel der Hafengeburtstag: Das ist eine Party, dafür kommen
       Leute extra in die Stadt. Die haben keine Lust, sich mit dunklen Aspekten
       der Hafengeschichte auseinanderzusetzen. Oder Hagenbecks Tierpark: Die
       Leute möchten in den Zoo gehen und sich nicht mit den „Völkerschauen“
       auseinandersetzen. Sie wollen nicht gestört werden.
       
       taz: Ihr Projekt setzt dem oftmals ja beinahe im Wortsinn versteinerten,
       auch in Metall gegossenen Gedenken etwas Temporäres, geradezu Flüchtiges
       entgegen. Was heißt das ganz praktisch? 
       
       Hagen: Die Idee war: anstelle der für die Ewigkeit gedachten Bronze- oder
       Steinstatuen etwas Lebendiges, Zeitgemäßes– etwas, das vielleicht den
       Leuten hinterherläuft, das Nicht-Erinnern verunmöglicht.
       
       Lartey: Was ich superinteressant finde: Bei Performance oder Tanz an sich
       bleiben Leute gerne stehen, gucken gerne zu, finden es schön. Dann bemerken
       sie den Kontext Denkmal und dann so: ach, gerade hier? Und wieso?
       
       taz: Haben Sie solche Reaktionen erlebt? 
       
       Lartey: Wir haben ein Denkmal performt an der U-Bahn-Station Hagenbecks
       Tierpark. Einige Menschen wollten diese Konfrontation nicht haben – wenn
       ich anfange, Dinge zu hinterfragen, muss ich mich womöglich selbst
       hinterfragen. Es steht so viel herum in dieser Stadt, warum muss das alles
       noch hier stehen? Warum können diese Orte nicht anders verwendet werden?
       
       Hagen: Die Kunsthistorikerin Julia Pelta Feldman hat mal geschrieben, dass
       Denkmäler ihren Auftrag verfehlt haben. [2][Dass sie uns im Stich gelassen
       haben], das ist, glaube ich, Ihre Wortwahl. Und wenn man dem Denkmal einen
       Bildungsauftrag zuschreibt, im Sinne eines Mahnmals, das man immer wieder
       aufsuchen kann, um sich zu erinnern und vielleicht Dinge nicht zu
       wiederholen: Aus dieser Perspektive betrachtet, haben sie versagt, dem
       würde ich zustimmen.
       
       taz: Was gab es denn noch für Performances? 
       
       Lartey: Unsere erste Performance war am Baakenhöft, da, wo die Kühne-Oper
       gebaut werden soll. Da sind Schiffe losgefahren nach Namibia. Der
       Völkermord an den Herero und Nama fängt genau an diesem Spot an. Ich
       glaube, es ist wichtig, dass da was gebaut wird. Und es ist wichtig, dass
       dieser Raum genutzt wird. Aber die Frage ist: wie genutzt und von wem? Wer
       entscheidet darüber? Es ist ja unsere Stadt.
       
       taz: Und was haben Sie da performt? 
       
       Lartey: Wir haben da eine Zeremonie abgehalten, mit der wir an die
       verschleppten und versklavten Menschen erinnern. Und auf dem
       Heiligengeistfeld haben wir ein Denkmal gehalten für [3][Marie Nejar]. Die
       ist letztes Jahr mit 95 verstorben. Eine afrodeutsche Frau, die in Hamburg
       geboren ist, die hier auf St. Pauli gelebt hat, vor den zwei Weltkriegen.
       Und die überlebt hat.
       
       taz: Als Kind musste Nejar in NS-Propagandafilmen mitspielen, [4][in der
       Nachkriegszeit tingelte sie als Sängerin „Leila Negra“ durch
       Westdeutschland.] 
       
       Lartey: Das ist für mich auch so krass, dass erst jetzt ihre Geschichte
       durchgekommen ist. Für mich persönlich als Schwarze Person, die auch auf
       St. Pauli aufgewachsen ist, wäre es so cool gewesen, von so jemand zu
       wissen; davon, dass es vor mir Schwarze Menschen hier gab. Und eben nicht
       erst seit den 1980er-Jahren, als Migrantinnen. Dann hatten wir auch eine
       Performance in der Rothesoodstraße, in Hafennähe. Dort residierte in den
       1920er-Jahren [5][das Hamburger Komitee].
       
       taz: Wer war das? 
       
       Lartey: Das war ein Zusammenschluss von Afrodeutschen. Die haben sich da
       versammelt und gegen Rassismus gekämpft und für bessere Zustände für
       Schwarze Menschen in der Zeit.
       
       Hagen: Für uns war wichtig, dass wir uns nicht nur auf die
       Kolonialgeschichte beschränken möchten, sondern Denkmäler aktiv einrichten,
       installieren, die an Menschen erinnern, die heute in Hamburg leben, für
       Angehörige der Afro-Diaspora.
       
       taz: Die Kunst gewährt gewisse Freiheiten, weil man nicht direkt
       beansprucht, historisch neue Fakten oder so zu liefern – aber vielleicht
       bleibt sie in manchen Augen immer wolkig, unscharf, verglichen mit der
       messerscharfen Quellenanalyse im Staatsarchiv … 
       
       Hagen: Ich habe mal mit Jürgen Zimmerer gesprochen, Historiker, der unter
       anderem mit Kim Todzi [6][die App „Koloniale Orte“] entwickelt und die
       [7][Forschungsstelle „Hamburgs (post-)koloniales Erbe“ an der Uni] geleitet
       hat. Der meinte: Das ist ja nur Kunst, das bewirkt nichts. Aus seiner
       Perspektive, einer aktivistisch motivierten, verstehe ich das. Trotzdem
       finde ich, es ist zu kurz gedacht.
       
       Lartey: Ich glaube, das ist einfach eine deutsche Haltung: Kunst und
       Kreativität ist nicht oben in der Prioritäten-Liste. Zu sagen, dass Kunst
       keine große Wirkung hat oder nicht politisch sein kann, ist einfach der
       größte Quatsch.
       
       taz: Nach mehreren Monaten gibt es nun einen Abschluss, das zehnte
       flüchtige Denkmal. Was passiert da? 
       
       Hagen: Wir werden in einem künstlerischen Prozess alle Denkmäler vorstellen
       und die Performenden re-enacten die Denkmäler teilweise. Ein gemeinsames
       Reflektieren mit dem Publikum.
       
       24 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://kolonialismus.blogs.uni-hamburg.de/2021/12/21/die-koloniale-gefallenengedenktafel-in-st-michaelis/
 (DIR) [2] https://www.deutschlandfunk.de/bildersturm-und-gerechtigkeit-warum-unsere-denkmaeler-uns-100.html
 (DIR) [3] /Jahrhundertleben-als-Schwarze-Deutsche/!6085907
 (DIR) [4] /Das-Maedchen-das-Leila-Negra-war/!5043956
 (DIR) [5] https://www.re-mapping.eu/de/erinnerungsorte/hamburger-komitee
 (DIR) [6] https://kolonialismus.blogs.uni-hamburg.de/app-koloniale-orte-ios-android/
 (DIR) [7] https://kolonialismus.blogs.uni-hamburg.de/2024/12/09/ueber-die-zukunft-der-forschungsstelle-ihre-abschlusstagung-und-die-aufarbeitung-des-kolonialismus-medienschau/
       
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