# taz.de -- Verkehrswende in Hamburg: Die Luft ist raus
       
       > Nur noch 50 Kilometer Radwege wurden vergangenes Jahr in Hamburg aus-
       > oder neugebaut. Am „Parkplatz-Moratorium“ liegt das laut Senat aber
       > nicht.
       
 (IMG) Bild: Räumlich zugeteiltes Machtverhältnis: Dem Hamburger Senat ist der Kfz-Verkehr ziemlich wichtig
       
       Will die regierende Koalition aus SPD und Grünen wirklich noch das
       selbstgesteckte Ziel erreichen, aus Hamburg eine Fahrradstadt zu machen?
       Angesichts des permanenten Fokussierens des Senats auf die Belange der
       Autofahrer:innen, das auch schon den Bürgerschaftswahlkampf zu Beginn des
       vergangenen Jahres prägte, wuchsen bei Verkehrswende-Aktivist:innen daran
       zuletzt immer mehr Zweifel.
       
       Nun zeigt sich auch erstmals anhand einer konkreten Zahl, dass der
       Fortschritt beim Ausbau zur Fahrradstadt an Dynamik verloren hat: Im
       vergangenen Jahr wurden in Hamburg nur noch 50 Kilometer Radwege aus- oder
       neugebaut – so wenig wie zuletzt vor sechs Jahren.
       
       „Wir machen Hamburg Schritt für Schritt fahrradfreundlicher“, freute sich
       am Freitag dennoch Verkehrssenator Anjes Tjarks (Grüne). Mit den 2025
       umgesetzten Baumaßnahmen seien wichtige Verbindungen für den Radverkehr
       geschaffen und verbessert worden.
       
       Und: Neben der Kilometerzahl stünden vor allem die Qualität und Innovation
       der Maßnahmen im Fokus – die Stadt setze gezielt auf „sichere, komfortable
       und zukunftsfähige Radwege“. Demnach sei erfreulich, dass 66 Prozent der
       gebauten oder sanierten Radwege getrennt sind vom Kfz- beziehungsweise
       Fußverkehr. „Das Fahrrad hat eine zentrale Bedeutung in unserer
       Verkehrsplanung und -strategie“, sagte Tjarks.
       
       ## Moratorium gegen Parkdruck
       
       Dabei bedeuten die 50 Kilometer einen Rückgang um mehr als 20 Prozent
       gegenüber dem Vorjahr: 2024 waren 65 Kilometer fertiggestellt worden; auch
       von 2020 bis 2023 lag die Zahl zwischen 53 und 62 Kilometern. Der Rückgang
       liege allerdings „nicht am Unwillen oder fehlenden Mitteln“, wie ein
       Sprecher der Verkehrsbehörde auf Nachfrage erklärt. Vielmehr seien
       Schwankungen bei der Zahl fertig gestellter Bauprojekte üblich, etwa durch
       Witterungseinflüsse, die zu Verzögerung führten.
       
       Doch soll ein neuer Radweg entstehen, muss in der Regel [1][dem Kfz-Verkehr
       Platz weggenommen werden.] Das kann eine Fahrspur sein – oder Parkplätze.
       Um den Abbau von Parkplätzen zu verhindern, gilt seit dem vergangenen
       Frühling auf Drängen der SPD allerdings das sogenannte
       Parkplatz-Moratorium. Seither sind alle städtischen Baumaßnahmen, bei denen
       Parkplätze wegfallen würden, ausgesetzt.
       
       Nur wenn eine von Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) geführte
       Senatskommission Planungen überprüft, gegebenenfalls Nachbesserung
       zugunsten des Erhalts von Parkplätzen eingefordert und dann abschließend
       keine Einwände mehr erhoben hat, darf mit dem Bau begonnen werden. [2][Alle
       weiteren Planungen liegen so lange auf Eis], bis ein sogenannter
       „Masterplan Parken“, der den „Parkdruck“ auf Hamburger
       Autofahrer:innen lindern soll, vom Senat erarbeitet wurde.
       
       Dieses Moratorium mag „im Einzellfall“, so der Sprecher, eine Rolle bei im
       vergangenen Jahr nicht fertiggestellten Radwegprojekten gespielt haben, sei
       aber „sicher nicht der Hauptgrund“ für den Rückgang.
       
       Zwar sind bislang noch keine Zahlen öffentlich, wie viele Bauprojekte für
       den Radverkehr im vergangenen Jahr wegen des Moratoriums insgesamt
       angehalten wurden – von einem negativen Einfluss auf den Ausbau des
       Radnetzes gehen sowohl die oppositionelle Linksfraktion wie auch der
       Allgemeine Deutsche Fahrradclub ADFC aus. „Das rückwärtsgewandte
       Parkplatz-Moratorium des Senats blockiert [3][den dringend notwendigen
       Radwegeausbau]“, sagt Heike Sudmann von der Linksfraktion. Schließlich
       seien laut dem Haushaltsplan des Senats für 2025 sogar 75 Kilometer
       angepeilt worden.
       
       ## Mehr Sanierungen für den KFZ-Verkehr
       
       Auch Jörg Lau vom ADFC zufolge hemmt das Moratorium. So sollte etwa ein
       Radwegprojekt im Bezirk Nord vergangenes Jahr fertiggestellt werden – wurde
       jedoch wegen des Abbaus von fünf Parkplätzen gestoppt. Und im Stadtteil
       Hoheluft war im vergangenen Mai die Baustelle zur Umgestaltung einer Straße
       zugunsten des Fuß- und Radverkehrs schon eingerichtet worden – und dann
       kurzfristig unterbrochen worden.
       
       „Mit dem Moratorium ist der Senat bei solchen Projekten richtig auf die
       Bremse getreten“, kritisiert Lau. Von einer tatsächlichen Verkehrswende
       könne er in der Stadt noch nichts erkennen – solange Hamburg parallel
       jährlich die drei- bis fünffache Zahl an Fahrstreifen für den Kfz-Verkehr
       saniert.
       
       16 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
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