# taz.de -- Die Wahrheit: Land der Hymnen
> Lebenslänglich Bayer: Markus Söder hat eine neue fantastische Idee und
> stellt die gesangliche Textsicherheit seiner Untertanen auf die Probe.
Es ist wirklich lächerlich, was der bayerische Ministerpräsident da so
absondert. Und doch muss man ernst nehmen, was Markus Söder sagt. Man kann
ja auch über Donald Trumps Grönlandfantasien lachen, auch wenn es dem
US-Präsidenten ernst ist. Alle Schüler mögen bald die Hymnen von Europa,
Deutschland und Bayern singen, hat Söder also vorgeschlagen. Bei der
Zeugnisvergabe im Juli soll schon geträllert werden, um „Identität“ zu
schaffen. Die Texte hätten die meisten ja in der Grundschule schon gelernt,
das sei also alles kein Problem, so Söder.
Wirklich? Das wüssten wir doch allzu gern, ob Söder den Text der
Europahymne parat hat. Schwer ist er nicht. Denn die Hymne wird ohne Text
gesungen, wie es auf der Seite der Europäischen Union erklärt wird. „Nur in
der universellen Sprache der Musik, bringt sie die europäischen Werte
Freiheit, Frieden und Solidarität zum Ausdruck“, heißt es da. Aber
vielleicht ist das in Bayern ja anders und man drangsaliert die Kinder
gleich in der ersten Klasse mit einem Wort wie Elysium und singt die Ode an
die Freude, die ja eine Tochter aus eben jenem Elysium sein soll, wie es in
Friedrich Schillers Text heißt, den Ludwig van Beethoven in seiner 9.
Symphonie vertont hat.
Und gern wüsste man auch, ob Söder weiß, wer oder was dieser oder dieses
Cherub ist, von dem es in Schillers Text heißt, er oder es stehe vor Gott.
Eine bayerische Schweinefleischspezialität ist es jedenfalls nicht. Auch
von Döner Cherub werden selbst die imbisssüchtigsten Fleischvertilger noch
nie etwas gehört haben. Wer es nicht weiß, kann ja mal bei einem
bayerischen Grundschüler nachfragen. Egal, was es bedeutet, es gehört auf
jeden Fall zu den besseren Entscheidungen aus Brüssel, die Hymne ohne Text
abspielen zu lassen.
## Hundsmiserable Textsicherheit
Und wie sieht es mit der Textsicherheit bei der Bayernhymne aus?
Hundsmiserabel. Bei den meisten Bewohnerinnen und Bewohnern des Freistaats
reicht sie nicht weiter als bis zum Ende der ersten Zeile: „Gott mit dir,
du Land der Bayern!“ Auch Altministerpräsident Edmund Stoiber ist mal dabei
erwischt worden, wie er hilflos den Mund bewegt hat, weil er danach einfach
nicht weitergewusst hat. Eine Hymnendebatte, wie sie Fußballnationalspieler
mit Migrationsgeschichte in solchen Fällen über sich ergehen lassen müssen,
hat da übrigens nicht zu toben begonnen.
Das Problem der mangelnden Textsicherheit gibt es schon lange. Ein gewisser
Rudolf Hierl, Schlossermeister zu München, hat es einst weitgehend
vergeblich zu bekämpfen versucht. Der CSUler, der von 1972 bis 2006 satte
34 Jahre als ehrenamtlicher Stadtrat seiner Heimatkommune gedient hat,
verteilte im Lauf seines Lebens mehr als 500.000 Kärtchen mit dem Text der
Hymne auf der einen und seinem Konterfei auf der anderen Seite. In den
Nachrufen auf den 2010 im Alter von 88 Jahren verstorbenen Hierl fehlte nie
der Hinweis, dass er es damit ins Guinnessbuch der Rekorde geschafft hat.
Bis nach China sollen die Kärtchen gereist sein. Ob da wohl jemand den Text
kann?
16 Jan 2026
## AUTOREN
(DIR) Andreas Rüttenauer
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