# taz.de -- Pariser Erklärung zum Ukrainekrieg: Zu geringe Abschreckungskraft
> Die Vorstellung, eine multinationale Streitmacht könnte Moskau
> beeindrucken, trügt. Statt auf Abschreckung sollte Europa auf
> Deeskalation setzen.
(IMG) Bild: Gipfeltreffen der Willigen im Elysee Palast in Paris, am 6.1.2026
Die Koalition der Willigen hat kürzlich in Paris [1][Sicherheitsgarantien
für die Ukraine] formuliert. So soll eine multinationale Streitmacht eine
Waffenruhe in der Ukraine absichern. Dieses Angebot ist aus drei Gründen
gefährlich. Russland wird sich durch eine zu kleine Friedenstruppe nicht
abschrecken lassen. Die [2][Pariser Erklärung] macht einen Krieg zwischen
der Nato und Russland vorstellbarer. Und sie reduziert den Druck auf
Europa, die Ukraine stärker militärisch zu unterstützen.
Das Problem ist nicht, dass Putin der Stationierung von Truppen aus
Nato-Staaten nicht zustimmt. Das Problem wäre, wenn er zustimmt. Er könnte
einen Deal mit US-Präsident Donald Trump machen und eine Falle aufbauen:
eine zu kleine Truppe in die Ukraine locken. Die KGB-Trickkiste bietet
viele Möglichkeiten, die Präsenz des Feindes vor der eigenen Haustür
gegenüber der russischen Öffentlichkeit als schlauen eigenen Zug
darzustellen.
Sehr wahrscheinlich wäre, dass Putin die Truppe dann militärisch testet.
Der [3][Revisionismus des Kreml] erlaubt keine souveräne Ukraine, und die
Truppe wäre zu klein, um abzuschrecken. Frankreich und Großbritannien
können keinen wesentlichen Teil einer großen, robusten Truppe mit etwa
[4][150.000 Soldaten] stellen. So ist die British Army auf rund 70.000
Soldaten geschrumpft, der [5][niedrigste Stand seit 200 Jahren]. Eine
kleine Truppe kann zwar im Falle russischer Angriffe zurückschießen, aber
nicht aus dem Gefecht die Entscheidung suchen, also angreifende Verbände
zerschlagen.
Selbst wenn Zehntausende westliche Soldaten samt Munition und Material vom
Himmel fallen sollten, wäre Abschreckung nicht garantiert. Schließlich
glaubt Russland, durch nukleare Drohungen und mangelnde Einigkeit
westlicher Staaten die Eskalationsdominanz zu haben. Angriffe auf eigene
Soldaten würden westliche Truppensteller vor ein Dilemma stellen. Sie
könnten entweder militärisch antworten und damit wahrscheinlich einen Krieg
zwischen Nato-Staaten und Russland auslösen. Oder sie könnten nicht
militärisch antworten und damit die Ukraine preisgeben sowie die
Glaubwürdigkeit und den Fortbestand der Nato infrage stellen.
## Krieg zwischen Russland und der Nato wahrscheinlicher
Die Pariser Erklärung hat damit eine weitere Folge: Sie macht einen Krieg
zwischen Russland und Nato-Staaten vorstellbarer. Die Koalition der
Willigen droht im Falle russischer Angriffe den Einsatz militärischer
Mittel an. Dies ist ein Tabu-Bruch: Bisher war diese Drohung darauf
beschränkt, dass Nato-Gebiet angegriffen wird. Es verschwindet damit eine
rote Linie der bisherigen Ukraine-Politik: Es darf keinen Krieg zwischen
Russland und der Nato geben.
In früheren Einsätzen bemühten sich Politiker und Militärs, dieses Risiko
gegen null zu halten. So vermied die Nato eine Konfrontation, als russische
Fallschirmjäger im Jahr 1999 plötzlich den [6][Flughafen im Kosovo
besetzten]. In Syrien stimmten sich US-amerikanische und russische Militärs
ab, um eine [7][ungewollte Eskalation] zu vermeiden. Die Pariser Erklärung
dagegen setzt auf Abschreckung und nicht auf Deeskalation.
Die Erklärung ist aus einem dritten Grund fragwürdig. Sie reduziert den
Druck auf Europa, an der einzigen nachhaltigen Sicherheitsgarantie zu
arbeiten: der ausreichenden militärischen Befähigung der Ukraine. Solange
der Kreml revisionistisch bleibt, wird sich die Ukraine wehren müssen.
Damit sie irgendwann nicht mehr wie jetzt kämpfen muss, muss sie Russland
selbst abschrecken können.
## Aufrüstung und Sanktionen
Das Versprechen von Paris weckt die falsche Hoffnung, dass westliche
Staaten diese Abschreckung übernehmen können. Es braucht das
[8][Stachelschwein]: Europäische Staaten sollten die Ukraine schneller und
umfassender aufrüsten, auch wenn das teuer und unpopulär ist. Eine
hochgerüstete Ukraine, verbunden mit noch schärferen westlichen Sanktionen,
kann das Kalkül des Kreml ändern, durch Weiterkämpfen mehr zu erreichen als
durch Verhandeln.
Angesichts dieser Risiken stellt sich die Frage, warum Frankreichs
[9][Präsident Macron und der britische Premierminister Keir Starmer]
vorgeprescht sind. Die Pariser Erklärung ist vor allem ein politisches
Symbol, geboren aus der Not Europas. Einerseits geht es um Appeasement der
USA. Trump will einen schnellen Erfolg, und Europa muss sich zum
US-Aktionismus verhalten. Sollte Europa darauf bestehen, dass die
Voraussetzungen für einen stabilen Frieden nicht gegeben sind, würden sie
den MAGAs einen Vorwand liefern, keine Waffen mehr an die Ukraine zu
liefern (selbst wenn die Europäer wie schon jetzt dafür zahlen), oder einen
Deal mit Putin zu machen, der Europa völlig ignoriert.
Ein weiterer Adressat von Paris ist Putin. Europa signalisiert, sich nicht
auf eine Art [10][Minsk 2.0-Abkommen] einzulassen. So war ein Hauptproblem
der OSZE-Sonderbeobachtungsmission von 2014 bis 2022, dass sie nicht publik
machen konnte, wer – meist Russland – den Waffenstillstand verletzte. Die
Pariser Erklärung sieht eine Kommission vor, die Verantwortung benennt.
Es gibt einen dritten Adressaten: die Ukraine. Europäer signalisierten in
Paris, die Ukraine nicht allein zu lassen. Ukrainische Soldaten brauchen
solche Signale, um weiterzukämpfen. Die Zivilbevölkerung braucht sie, um
durchzuhalten, unter Raketen- und Drohnenterror und ohne Strom im
ukrainischen Winter.
Doch auch wenn es „nur“ um Symbolpolitik geht: Es ist gefährlich, gleich
drei Geister aus einer Flasche zu lassen: die Vorstellungen, dass
Abschreckung mit wenig Kräften funktioniert, dass ein Krieg gegen Russland
möglich ist und dass es billige Alternativen zu langfristiger, massiver
Aufrüstung der Ukraine gibt.
Angesichts dieser Risiken ist es gut, dass die Bundesregierung sich bedeckt
hält, was eine Beteiligung der Bundeswehr angeht. Dass Merz eine
Beteiligung nicht ganz ablehnen kann, liegt an Europas selbstverschuldeter
Abhängigkeit von den USA, die sich gegen Europa gewendet haben.
15 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.consilium.europa.eu/en/press/press-releases/2026/01/06/robust-security-guarantees-for-a-solid-and-lasting-peace-in-ukraine-statement-of-the-coalition-of-the-willing-issued-by-france/
(DIR) [2] https://www.consilium.europa.eu/en/press/press-releases/2026/01/06/robust-security-guarantees-for-a-solid-and-lasting-peace-in-ukraine-statement-of-the-coalition-of-the-willing-issued-by-france/
(DIR) [3] https://www.zebis.eu/veroeffentlichungen/positionen/trumps-schulterschluss-mit-putin-und-deutsche-sicherheitspolitik-von-dr-habil-cornelius-friesendorf-und-dr-wolfgang-zellner/
(DIR) [4] https://www.swp-berlin.org/publications/products/arbeitspapiere/Arbeitspapier_FG03_02_2025_C_Major_A_Kleemann.pdf
(DIR) [5] https://www.theguardian.com/world/2026/jan/08/coalition-of-the-willing-must-be-robust-to-deal-with-russia-warns-ex-us-general
(DIR) [6] https://www.spiegel.de/politik/ausland/russischer-einmarsch-1999-showdown-in-pristina-a-535801.html
(DIR) [7] https://europeanleadershipnetwork.org/commentary/the-us-russia-military-hotline-in-europe-key-principles-for-risk-reduction-from-the-us-russia-deconfliction-measures-in-syria/
(DIR) [8] https://www.focus.de/politik/ausland/europa-zahlt-die-ukraine-ruestet-auf-wie-die-stachelschwein-strategie-die-ukraine-jetzt-vor-putin-schuetzen-soll_215cf561-03c3-4c72-8f55-e8f7d41765ab.html
(DIR) [9] https://www.spiegel.de/ausland/keir-starmer-und-emmanuel-macron-planen-stuetzpunkte-in-der-ukraine-a-7b036b1c-3a17-44d6-b66b-8c8938d91ab9
(DIR) [10] /Minsker-Abkommen/!t5010670
## AUTOREN
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