# taz.de -- Genozidgedenken in Namibia: Das ewige Warten auf Einsicht aus Deutschland
> Bis heute verweigert Deutschland Reparationen für den Völkermord an
> Namibias Herero und Nama während der Kolonialzeit. Die Ungeduld darüber
> nimmt zu.
(IMG) Bild: Die erste Gedenkfeier Namibias für die Opfer des Völkermords an den Herero und Nama, in Windhoek, am 28. Mai 2025
Es war ein warmer Morgen im Khomashochland von Namibia. Alte Aktivisten der
Volksgruppen der Herero und Nama standen feierlich vor Kerzenreihen. Es war
der erste nationale [1][Völkermordgedenktag in Namibia], am 28. Mai
vergangenen Jahres, eingerichtet zum Jahrestag der Schließung der deutschen
Konzentrationslager im ehemaligen Deutsch-Südwestafrika im Jahr 1908 nach
dem [2][Völkermord] vier Jahre zuvor.
In diesen Tagen wird auch des Beginns des Aufstands der Herero und Nama
gegen die Deutschen gedacht. Und jedes Gedenken in Namibia ruft nicht nur
die damaligen Ereignisse in Erinnerung, sondern erinnert auch daran, dass
die Nachfahren der Opfer immer noch darauf warten, dass Deutschland seine
wiederholten Versprechen erfüllt.
Am 11. und 12. Januar 1904 hatte der Aufstand der Herero gegen die
deutschen Siedler in der damaligen Kolonie begonnen, den die deutsche Armee
unter General Lothar von Trotha in den folgenden vier Jahren brutal
niederschlug. Sein berüchtigter „Vernichtungsbefehl“ („Innerhalb der
Deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh
erschossen“) trieb Zehntausende Menschen in die lebensfeindliche Wüste
Kalahari, wo sie verhungerten und verdursteten.
Dazu kamen systematische Hinrichtungen und Zwangsarbeit – nach Ansicht von
Historikern der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts. Schätzungsweise
65.000 Herero und 10.000 Nama – jeweils bis zu 80 und 50 Prozent der
Gesamtbevölkerung der beiden Volksgruppen – kamen ums Leben.
„Unsere Erwartungen an Gerechtigkeit sind noch nicht erfüllt“, sagt
Herero-Aktivist Israel Kaunatjike, Gründer der Kampagne „No Amnesty on
Genocide“. „Unsere Vorfahren wurden abgeschlachtet, Land wurde gestohlen,
und jetzt warten wir.“
## Deutschland bietet bloß Entwicklungshilfe an
Nach Jahrzehnten des Herumdrucksens erkannte Deutschland die kolonialen
Massaker 2021 endlich als Genozid an, wenn auch nicht im juristischen
Sinne. In einer [3][„gemeinsamen Erklärung“ mit der Regierung Namibias]
gestand die deutsche Bundesregierung, dass deutsche Truppen damals
genozidale Gewalt verübt hätten, und verpflichtete sich zur Zahlung von 1,1
Milliarden Euro über einen Zeitraum von 30 Jahren für die Entwicklung der
Regionen, wo die Nachfahren der Herero- und Nama-Opfer heute leben.
Deutsche Amtsträger präsentierten dies als eine Geste der Versöhnung, nicht
als eine rechtlich definierte Reparationszahlung. Der damalige
SPD-Außenminister Heiko Maas, eine Schlüsselfigur der Verhandlungen, bat um
Vergebung und erklärte: „Wir werden diese Ereignisse jetzt auch offiziell
als das bezeichnen, was sie aus heutiger Perspektive waren: ein
Völkermord.“ Aber das Auswärtige Amt präzisierte: „Rechtliche Ansprüche auf
Entschädigung lassen sich daraus nicht ableiten.“
Kritiker sagen, Reparationen und Entwicklungshilfe sind zwei verschiedene
Dinge, und zwar nicht nur sprachlich. Anders als bei den Opfern des
Holocausts an den europäischen Juden wird im Falle der Herero und Nama der
Begriff „Reparationen“ oder „Wiedergutmachung“ von deutscher Seite
vermieden, um keinen Präzedenzfall für Forderungen aus anderen ehemaligen
deutschen Kolonien zu schaffen.
Dazu kommt: Bis heute sind keine Zahlungen oder auch nur detaillierte
Umsetzungspläne auf der Grundlage der „Gemeinsamen Erklärung“ erfolgt. Erst
im Dezember 2025 stellte ein Bericht fest, dass noch keine Gelder an die
Opfer geflossen sind. Das liegt laut Analysten an bürokratischen und
politischen Hürden auf beiden Seiten und am deutschen Beharren darauf, dass
das Geld nicht als Entschädigung zu werten ist. In Namibia stieß das
Verhandlungsergebnis mit Deutschland auf breite Kritik, Nachfahren der
Opfer reichten Klage ein.
„Entwicklungsprojekte sind vielen Namibiern willkommen, aber sie erfüllen
nicht die Forderungen nach Gerechtigkeit für den Völkermord an sich“, sagt
John Nakuta, Menschenrechtsjurist an der University of Namibia.
## Nachfahren der Überlebenden fühlen sich ausgegrenzt
[4][Die Herero- und Nama-Gemeinschaften] saßen nicht am Verhandlungstisch.
Namibias Regierung sagte, sie verhandle im Namen all ihrer Bürger, aber die
direkten Nachfahren der Überlebenden fühlten sich oft an den Rand gedrängt.
Amnesty International kritisiert, dass die deutsche Regierung nicht direkt
mit den betroffenen Gemeinschaften sprechen und sich nicht zu einer
rechtlich bindenden Entschädigungsverpflichtung bekennen will. „Es kann
keine echte Gerechtigkeit geben, wenn die Betroffenen aus den Gesprächen
ausgeschlossen sind.“ Deutschlands Umgang mit dem Völkermord bleibe über
ein Jahrhundert später eine „Schande“, so Amnesty-Regionaldirektor Tigere
Chagutah.
Die [5][Forderung nach Reparationen] umfasst Landrechte und die Restitution
aller nach Europa gebrachten menschlichen Überreste der Völkermordopfer.
Entwicklungsprojekte von außen hingegen werden eher als eine drohende
Fortsetzung kolonialer Machtverhältnisse gesehen, die das seit der
Kolonialzeit währende Unrecht nicht adressiert.
## Namibias neue Präsidentin will neu verhandeln
Namibias Regierung unter der neugewählten Präsidentin [6][Netumbo
Nandi‑Ndaitwah] hält den Druck auf Berlin aufrecht, mehr zu tun als
Symbolpolitik. Beim ersten offiziellen Völkermordgedenktag 2025
[7][bekräftigte sie] das Bestreben der Regierung, die Verhandlungen
weiterzuführen, bis ein zufriedenstellendes Ergebnis erreicht sei, das den
Völkermord anerkenne und Reparationen leiste. „Wir müssen dabei bleiben,
dass wir als Nation bis zum Endergebnis weiterkämpfen“, sagte sie.
Nandi-Ndaitwah hat sich optimistisch gezeigt, dass es bis 2026 eine neue
Vereinbarung geben kann. Namibia erwarte von Deutschland nicht bloß
Entwicklungshilfe, sondern eine vollumfängliche Anerkennung, Entschuldigung
und Entschädigung, sagt sie.
Deutschland bleibt dabei, dass es keine Reparationen für koloniale
Verbrechen geben kann, da die entsprechenden internationalen
Rechtsbestimmungen damals noch nicht existiert hätten und somit keine
Rechtsverletzung vorliege, für die Entschädigung zu leisten wäre. Der
Ansatz, moralische statt juristische Verantwortung geltend zu machen und
Versöhnung anstelle von Wiedergutmachung zu leisten, soll es vermeiden,
Forderungen aus weiteren Ländern Tür und Tor zu öffnen
Aber in Namibia werden die Forderungen nach Reparationen lauter und die
Einmütigkeit in der Gesellschaft steigt und kann immer schwerer ignoriert
werden. „Anerkennung ist wichtig, aber Entschädigung und Gerechtigkeit
müssen folgen“, sagt Kaunatjike.
Kann es Gerechtigkeit ohne Wiedergutmachung geben? Das ist die Frage, der
sich beide Regierungen jetzt stellen müssen. Tausenden Namibiern, deren
Familien die Wunden der Zerstörung von Leben, Land und Kultur in sich
tragen, ist die Antwort klar.
13 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Namibia-gedenkt-des-Voelkermords/!6090823
(DIR) [2] https://de.wikipedia.org/wiki/V%C3%B6lkermord_an_den_Herero_und_Nama
(DIR) [3] /Kolonialverbrechen-an-Herero-und-Nama/!5775510
(DIR) [4] /Anwaeltin-ueber-Abkommen-zum-Voelkermord/!6076664
(DIR) [5] https://en.wikipedia.org/wiki/Namibian_genocide_reparations
(DIR) [6] /Namibias-erste-Praesidentin/!6050286
(DIR) [7] https://www.namibia-botschaft.de/wp-content/uploads/2025/05/Statement-by-Her-Excellency-Dr.-Netumbo-Nandi-Ndaitwah-President-of-the-Republic-of-Namibia-on-The-Occasion-of-The-Genocide-Remembrance-Day-Parliament-Gardens-Windhoek-28-May-2025.pdf
## AUTOREN
(DIR) Alfred Shilongo
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nieder. Ein Gedenken an den Tag des Genozidbefehls ist nicht geplant.