# taz.de -- ICE-Razzien in Los Angeles: „Es geht darum, Obdachlose unsichtbar zu machen“
> In Los Angeles nehmen die Razzien der US-Einwanderungsbehörde ICE zu.
> Pete White engagiert sich dagegen.
(IMG) Bild: Ein Protest in Los Angeles im Januar gegen tödliche ICE-Einsätze
taz: Die Bilder von [1][Razzien der US-Einwanderungsbehörde ICE] in Los
Angeles sind auch in den deutschen Nachrichten überall zu sehen. Hat sich
die Lage mittlerweile beruhigt?
Pete White: Nein. Es gibt immer noch täglich Razzien. Unsere Freunde,
Familienangehörigen und Nachbarn werden entführt! Darüber hinaus werden
auch Menschen aus unseren Communitys, die nicht direkt durch ICE
verschleppt werden, oftmals misshandelt oder vertrieben. Das hinterlässt
eine Stimmung der Angst in der Stadt.
taz: Warum steht [2][besonders Los Angeles im Fokus] der Durchsuchungen?
White: Los Angeles wird als eher progressiv und linksgerichtet
wahrgenommen. Deswegen ist die Stadt ins Visier geraten. Wir rechnen daher
nicht damit, dass sich die Lage in nächster Zeit beruhigen wird. Neben
einer großen Angst und Unsicherheit gibt es aber auch viel Wut und
Widerstand.
taz: Wie sieht dieser Widerstand genau aus?
White: Der Widerstand nimmt ganz unterschiedliche Formen an. Ein großer
Teil besteht darin, die Razzien zu monitoren und Alarm zu schlagen, sobald
irgendwo ICE-Agenten gesichtet werden. Das ist sehr gut organisiert. Eine
große Rolle spielen dabei „Ring-Cameras“, die viele Menschen an ihren
Haustüren installiert haben. Die Kameras sind mit einer App verbunden und
Leute posten online, wenn irgendwo ICE-Agenten unterwegs sind. Es gibt aber
auch spontanen Widerstand von Menschen, die intervenieren, wenn sie
zufällig mitbekommen, dass in ihrer Gegend eine Razzia stattfindet.
taz: Ist diese Strategie erfolgreich?
White: Zum Teil sehr. Zumindest vorübergehend ist es so gelungen, ICE
[3][aus bestimmten Stadtteilen zu vertreiben]. Doch es ist wie bei einem
Wasserballon: Wenn man den Ballon an einer Stelle zusammendrückt, verlagert
sich das Wasser an eine andere Stelle. Sobald der Widerstand an einem Ort
zu groß wird, nehmen Razzien in anderen Teilen der Stadt zu.
taz: Wie ist das Los Angeles Community Action Network (LA Can), dem Sie
angehören, an den Protesten beteiligt?
White: Wir organisieren beispielsweise Patrouillen, die nach ICE-Agenten
Ausschau halten, und wir haben Teams, die Razzien mit Kameras dokumentieren
und mit Zeugen sprechen. Wir versuchen dann, wenn möglich, Kontakt zu
Betroffenen aufzunehmen und Anwält*innen oder sonstige Unterstützung zu
vermitteln. Darüber hinaus betreibt LA Can ein Community-Zentrum, das
Menschen offensteht, die Zuflucht suchen.
taz: Trump hat den Einsatz der Nationalgarde angeordnet, um hart gegen die
Proteste vorzugehen. Sind viele Menschen seitdem überhaupt noch bereit,
sich an Protesten zu beteiligen?
White: Es gab es einige Zusammenstöße mit der Nationalgarde, aber viele
sind immer noch bereit, sich solchen Situationen zu stellen. Ich denke, am
Anfang war Los Angeles ein interessanter Ort, weil sich der Gouverneur
gegen ICE und gegen den Einsatz der Nationalgarde ausgesprochen hat. Die
lokale Polizei ist auf dem Papier nicht verpflichtet, ICE zu unterstützen.
Die Praxis sieht aber anders aus. Wenn die Polizei auftaucht, behauptet sie
beispielsweise, sie sei nur wegen der Proteste da, nicht um die Razzien zu
unterstützen. De facto geht die Polizei aber ebenso wie die Nationalgarde
gegen die Proteste vor.
taz: Ihre Organisation ist sonst vor allem gegen Wohnungsnot und
Obdachlosigkeit in L. A. aktiv. Wie sieht diese Arbeit konkret aus?
White: LA Can versucht zum einen, durch gemeinnützige Arbeit betroffenen
Menschen im Alltag zu helfen. Dazu zählen juristische Arbeit, kulturelle
Angebote und materielle Unterstützung. Außerdem versuchen wir Netzwerke zu
bilden und unsere Communitys zu mobilisieren, um politischen Druck
aufzubauen und Forderungen zu stellen. Zum Beispiel haben wir uns fünf oder
sechs Jahre dafür eingesetzt, dass unbebaute Grundstücke im öffentlichen
Besitz an gemeinnützige Organisationen übergehen, die dort Wohnraum
schaffen. Letztes Jahr konnten wir diese Forderung endlich durchsetzen. Die
Stadt behauptet öffentlich, Wohnraum für alle schaffen zu wollen. Wie in
den meisten neoliberalen Städten geht es der Regierung von L. A. aber vor
allem darum, Armut unsichtbar zu machen.
taz: Hat sich seit der Trump-Regierung an den Problemen etwas verändert?
White: Schon vor Trump gab es Diskussionen darüber, auf öffentlichem Grund
gefängnisartige Lager für Obdachlose einzurichten. Mit Trumps Sieg und der
damit verbundenen politischen Dynamik in diesem Land werden wir
wahrscheinlich erneut kämpfen müssen, damit auf dem öffentlichen Grund, den
wir gerade für sozialen Wohnungsbau gewonnen haben, nichtgefängnisbezogene
Alternativen zu unserer Vision geschaffen werden.
taz: Es gibt Pläne, obdachlose Menschen in Gefängnissen einzusperren?
White: Nun, zunächst einmal geht es darum, Obdachlose unsichtbar zu machen.
Letztendlich ist aber unsere Befürchtung, dass es darauf hinauslaufen wird.
Es gibt in L. A. bereits sogenannte Brückenunterkünfte. Das ist eigentlich
eine Art von Notunterkunft, allerdings dürfen im Bereich von vierzehn
Blocks um diese Unterkünfte keine Zelte von Obdachlosen aufgestellt werden
und niemand, der obdachlos aussieht, darf sich in diesem Bereich aufhalten.
Die „Brückenunterkünfte“ selbst sind streng überwacht, mit dem Ziel, die
Menschen möglichst dort zu halten. Das hat schon teilweise gefängnisartige
Züge, auch wenn die Menschen nicht direkt eingesperrt sind. Diese
Vermischung von Fürsorge- und Strafvollzugsmentalität sehen wir immer
stärker im staatlichen Umgang mit armen Menschen.
taz: 2028 sollen die Olympischen Spiele in L. A. ausgetragen werden, dieses
Jahr die Fußball-WM und 2027 der Super Bowl. Welche Auswirkungen auf die
Stadt erwarten Sie dadurch?
White: Vor den Spielen 1984 in L. A. ließ die Stadt zehntausende, vor allem
schwarze Menschen verhaften. Vor den Spielen in Paris 2024 kam es zu einer
massiven Vertreibung von Obdachlosen, die mit Bussen aus der Stadt gebracht
wurden. Wir wissen also von vergangenen Olympiaden, was uns erwarten wird.
Es werden aber nicht nur Obdachlose von Verdrängung betroffen sein. Es geht
auch um Menschen, die in den Vierteln wohnen, in denen Olympische Dörfer
gebaut werden sollen – vor allem in Gegenden, in denen arme Menschen leben.
13 Jan 2026
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## AUTOREN
(DIR) Tim Döpke
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