# taz.de -- Stellenabbau bei Zalando in Erfurt: Bestellt und nicht abgeholt
       
       > 2.700-Zalando-Mitarbeitende werden wegen kapitalistischer
       > Konzerninteressen gekündigt. Es braucht wieder funktionierende
       > Betriebsräte – und Solidarität.
       
 (IMG) Bild: Gewerkschaftlich organisiert oder nicht: bald gibt es hier gar keine Beschäftigten mehr: Halle im Zalando-Logistikzentrum Erfurt
       
       Zunächst einmal habe es „ewig gedauert“, bis beim Erfurter Standort Zalando
       ein Betriebsrat aufgebaut war, so der Thüringer Linken-Politiker Julian
       Degen. Die Belegschaft ging dann letztes Jahr in einen Warnstreik für
       höhere Tarife. Letzte Woche folgte ein Schlag gegen sie, den man als nichts
       anderes als ein Spucken auf solidarische Bestrebungen der Mitarbeitenden
       und Gewerkschaften verstehen kann. [1][Zalando schließt sein
       Logistikzentrum Ende September 2026]. Rund 2.700 Beschäftigte verlieren
       ihre Jobs, während das Unternehmen parallel ein neues Werk in Gießen
       eröffnet – das noch keinen Betriebsrat hat.
       
       Das ist mehr als ein schockierender Einzelfall, denn es zeigt, wie einfach
       Konzerne ihre wirtschaftlichen Interessen über die Belange von
       Mitarbeitenden stellen können. Sowohl der Zeitpunkt als auch die Art der
       Ankündigung, dass das Werk schließen wird, sind dabei perfide: Schön
       durften die Beschäftigten noch das stressige Weihnachtsgeschäft mitmachen.
       Im neuen Jahr soll dann laut der Gewerkschaft Verdi der Zalando-Vorstand
       nach Erfurt gereist sein und unter dem Motto „Neujahrsgrüße“ den
       Mitarbeitenden von der bevorstehenden Kündigung berichtet haben.
       
       [2][Der Erfurter Standort erhielt 2014 22,4 Millionen Euro an Subventionen
       vom Freistaat Thüringen] – für die Schaffung von Arbeitsplätzen, die nun
       verschwinden. Das Geld floss in den Aufbau eines
       Niedriglohn-Logistikzentrums, und jetzt bleibt von diesem öffentlich
       finanzierten Engagement für die Region nur die Kündigung der Beschäftigten.
       Dass der Konzern sich aus der Verantwortung stiehlt, ist ein klares Signal
       kapitalistischer Interessen: Profit und Expansion stehen über Menschenleben
       und regionaler Stabilität.
       
       „Auf allen Betriebsversammlungen der letzten Monate wurde die
       Zukunftsfähigkeit und das Bekenntnis Zalandos zum Standort Erfurt
       gepriesen. Kein Verdacht sollte aufkommen, dass die Kolleginnen und
       Kollegen bereits auf der Abschussliste standen“, sagt Matthias Adorf,
       Verdi-Gewerkschaftssekretär im Fachbereich Handel. Die Beschäftigten wurden
       gezielt in Sicherheit gewogen, während die Entscheidung längst gefallen
       sein muss.
       
       ## Welches Mitgefühl?
       
       Zalando spricht inzwischen von einer „schwierigen, aber notwendigen
       Entscheidung“ und verspricht, die Mitarbeitenden mit „Integrität und
       Mitgefühl“ zu begleiten. Mitgefühl? Die Realität sieht anders aus: 2.700
       Menschen stehen vor der Tür, mit noch unklarer Zukunft. Während
       gleichzeitig in Gießen eine neue Logistikhalle mit 1.700 Stellen entsteht.
       Das Mitbestimmungsrecht müssen sich die Mitarbeitenden hier erst aufbauen.
       Und wird es von Hessen wieder Subventionen für das Unternehmen geben?
       
       Die Schließung ist symptomatisch für ein System, in dem Unternehmen ihre
       sozialen Verpflichtungen ignorieren können, wenn es wirtschaftlich opportun
       erscheint. Der Aufbau eines neuen Werks in Gießen zeigt auch: Es geht nicht
       um wirtschaftliche Notwendigkeit, sondern um strategische Interessen und
       Subventionslogik. Die Beschäftigten von Erfurt werden zu Kollateralschäden,
       ihre Jahre der Arbeit und Loyalität sind lediglich Mittel zur
       Gewinnmaximierung.
       
       Es ist bemerkenswert, wie wenig Öffentlichkeit derartige Entscheidungen
       erzeugen. [3][Der Verlust von 2.700 Arbeitsplätzen] ist eine Dimension, die
       in anderen Ländern als Skandal gelten würde. In Deutschland berichtet man
       dagegen darüber, als handele es sich um ein Randereignis.
       
       Gleichzeitig wird die Bedeutung von Betriebsräten und Gewerkschaften klar:
       Nur Organisation, Solidarität und kollektive Interessenvertretung können
       verhindern, dass solche Entscheidungen vollständig ungefiltert und
       unkontrolliert umgesetzt werden. Genau deswegen ist ein weiterer
       Betriebsrat für das neue Zentrum in Gießen unerlässlich.
       
       ## Brutale Konzernlogik
       
       Die Konzernlogik hinter Zalando ist brutal: Mitarbeitende werden
       ausgewechselt, Subventionen abgeschöpft, Standorte verschoben, während der
       Profit besteht. Wie viele Menschen müssen noch auf der Strecke bleiben,
       bevor das gesellschaftliche System darauf reagiert?
       
       Die Mentalität des Konzerns wird noch einmal deutlich, wenn man sich die
       Worte des Co-Chefs David Schröder anhört, der im Gespräch mit der
       Frankfurter Allgemeinen Zeitung sagt, dass „relativ viele Jobs zumindest im
       Nachbarbundesland“ angeboten werden könnten und Zalando die Mitarbeitenden
       bei einem Umzug unterstütze. Wie lebensfern diese Vorstellung ist, und dass
       selbst im besten Fall 1.000 Menschen ohne Job dastünden, zeigt, wie
       skrupellos die Entscheidung ist.
       
       Zalando zeigt, dass die Strukturen von Macht und Kapital stärker sind als
       individuelle Sicherheit, lokale Bindungen und soziale Verantwortung. Wer
       auf die Beschäftigten schaut, sieht nicht nur die 2.700 Menschen in Erfurt,
       sondern die gesamten Mechanismen, die solche Massenkündigungen ermöglichen
       – und die zwingend kritische Öffentlichkeit, Solidarität und
       organisationale Gegenmacht erfordern.
       
       12 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Zalando-schliesst-Erfurter-Standort/!6144638
 (DIR) [2] https://www.mdr.de/nachrichten/thueringen/mitte-thueringen/erfurt/zalando-schliesst-standort-kuendigungen-100.html
 (DIR) [3] /Massenentlassungen-bei-Zalando/!6143874
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ann-Kathrin Leclere
       
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