# taz.de -- Byte FM auf UKW: Bildungsauftrag in Sachen Popmusik
> Seit dem neuen Jahr läuft der Musiksender Byte FM in Berlin auf UKW. Das
> geht auf Kosten freier Sender, könnte aber bei der Musiksozialisation
> helfen.
(IMG) Bild: Neues Medium: Ein frühes Radiogerät im Schulunterricht Anfang des letzten Jahrhunderts
Fröhliche Radiotage gibt es nicht mehr in diesen Zeiten. ARD, ZDF und
Deutschlandradio bauen ihre Radioprogramme seit dem 1. Dezember 2025
zurück. Ganze Sender und Frequenzen werden aufgegeben. Das liegt am
kürzlich verabschiedeten [1][Reformstaatsvertrag]. Demnach sollen ab 2027
nur noch 53 statt 69 öffentlich-rechtliche Sender über UKW ausgestrahlt
werden.
[2][Der MDR schaltete bereits im Juni einige UKW-Frequenzen ab], in manchen
Regionen können Sender jetzt nur digital über DAB+ empfangen werden. Der
Bayerische Rundfunk baut ganze Sender ab: die vier [3][Digitalsender Puls
Radio, BR Schlager, BR24 live, BR Verkehr]. MDR Klassik, MDR Schlagerwelt
und NDR Schlager sollen wegfallen, außerdem werden mehrere Jugendwellen
zusammengelegt. Auch [4][SWR aktuell und hr Info] sollen künftig
kooperieren.
Man kann darüber streiten, ob das grundsätzlich nur von Nachteil sein muss.
Die Jugend hört schon lange lieber [5][Spotify] und Konsorten statt dem
Quäkkasten in der Küche zu. Auch der Boom des Formats Podcast geht auf
Kosten des vorher üblichen Radiokonsums – [6][unter jungen Menschen gibt es
in Deutschland inzwischen mehr Podcast- als Radiohörer].
## Überraschung höchstens spätabends
Das Radio ist ein uraltes Medium, das sein 100-Jähriges jetzt schon eine
Weile hinter sich hat (offizieller Geburtstag in Deutschland: 23. Oktober
1923). Die Umstellung aufs Digitale funktioniert hier längst nicht überall
und reibungslos wie beim Fernsehen. Zwar hatten 2023 über zwei Drittel der
Menschen ab 14 Zugang zu digitalem Radio, allerdings hören genauso viel
immer noch lieber „terrestrisch“.
Herkömmliche Radiogeräte gibt es weiterhin noch und nöcher. Radio wird wohl
immer ein Hintergrundmedium sein und bleiben, etwas, das man gerne
anstellt, während man anderes erledigt: Haushalt, Autofahren, Gartenarbeit,
Kochen. Und nicht alle diese Tätigkeiten sind im Sterben begriffen.
Es gibt allerdings weitere Gründe, den Rückbau des öffentlich-rechtlichen
Radios nicht nur als traurige Tatsache anzusehen: Tatsächlich ist da ein
Überangebot, eine Verwässerung, eine Inflation an spezifizierten Sendern
bei gleichzeitig nachlassender Qualität. Seit dem Aufkommen der
[7][Formatradios] Mitte der 1990er Jahre, bei denen Musik, Moderation und
Programmfarbe zu jeder Zeit möglichst unverwechselbar sein sollen, ist
Überraschung und Herausforderung der Hörerschaft höchstens in
Spätabendstrecken zu finden.
Vermeintliche Jugendsender wie Radio Eins oder Eins Live sind mittlerweile
eher dad radios, also Sender für Leute ab 40. Selbst ein so lange als
„Underground“ oder Alternative geltender Sender wie FM4 aus Wien gilt
inzwischen als angestaubt, der Nachwuchs bleibt zunehmend weg.
## Mit Wermutstropfen
Umso erstaunlicher, dass Byte FM, ein bislang kleiner Sender aus Hamburg,
der außerhalb der Hansestadt lange ausschließlich digital empfangbar war,
jetzt den gegenteiligen Weg geht – jedenfalls in Berlin: [8][Auch dein
Radiowecker hat seit Neujahr diesen Sender zu bieten,] solltest du in der
Hauptstadt aufwachen.
Schwerer Wermutstropfen: Das geht auf Kosten der nicht kommerziellen,
freien Radiosender. Byte FM hat sich die Frequenz sichern können, die
vorher unter anderem dem [9][freien Berliner Sender Pi Radio] vorbehalten
war. Der kann künftig nur noch digital über DAB+ oder per Stream gehört
werden. Auf 88,4 MHz ist seit dem 2. Januar nun Byte FM zu hören. Jazz FM,
ebenso neu im Äther, sendet auf 90,7 – ebenfalls ein vorher den freien
Sendern zugeordneter Platz. Wirklich fröhliche Radiotage gehen eigentlich
anders.
Byte FM dürfte für die taz-Lesendenschaft jedoch kein unbekannter Sender
sein. Hier gibt es keine Werbespots, sondern kuratierte und moderierte
Musiksendungen – die so manches Spezialistinnenherz höher schlagen lassen.
Der Sender, einst vom Medienunternehmer Ruben Jonas Schnell fürs Webradio
gegründet, betont in der Hinsicht gerne, dass er eine Plattform – hier
fällt auch oft das Wort „Start-up“ – für guten Musikjournalismus sein
möchte – was auch immer das genau sein soll.
Seit mehr als zehn Jahren arbeitet Byte FM auch mit der taz-Musikredaktion
zusammen. Freitags zwischen 17 und 18 Uhr läuft das „[10][taz.mixtape]“,
moderiert von [11][Klaus Walter of hr-Fame („Der Ball ist rund“)].
[12][Angefangen hat das 2014]: Die Mitarbeitenden fuhren in den Prenzlauer
Berg, wo es ein kleines Aufnahmestudio im Souterrain eines Altbaus in der
Fehrbelliner Straße gab. Gerade noch keuchend vom Rad gestiegen, sprach man
möglichst beflissen und angeleitet von der umsichtigen Moderatorin Diviam
Hoffmann Ausschnitte der jüngsten Musikbesprechungen ein. Versendet wurde
das dann Tage später im Netz.
## Endlich so ’ne Musik
Erinnerlich ist auch eine Quasi-Livesendung im Kreuzberger Club Monarch,
bei der es allerdings lange warten hieß, bis man endlich sein
Lieblingsstück des Jahres unter der kundigen Moderation von Walter
anpreisen durfte. Endlich gab es mal wieder so ’ne Musik.
Insofern doch eine gute Sache, wenn UKW-Frequenzen den Profis überlassen
werden? Die lokalen Besonderheiten, den Charme der freien Sender, die in
ihrer Unprofessionalität Witz versprühen und echter, authentischer,
ungefiltert klingen konnten, erreicht Byte FM natürlich nicht. Dennoch kann
es nicht schaden, wenn analoges Radio auch einem Bildungsauftrag in Sachen
Popmusik nachgeht. Und die Hauptstadt bildet natürlich das beste Pflaster
dafür. Zwischen Flux FM und Radio Eins ist bestimmt noch Platz.
Schön wäre, man darf sich ja mal was wünschen, wenn Berlin nicht die letzte
Region für derartige Experimente bliebe. Besonders auf dem flachen Land
wüssten viele nicht, was gute Musik ist, wenn es nicht mitunter sehr gutes
Radio gäbe. Meine Musiksozialisation beispielsweise wäre ohne den
britischen Soldatensender [13][BFBS] (John Peel!) und den niederländischen
Sener VPRO gewiss eine ganz andere gewesen.
Auch an meine ersten Radiotage in Berlin erinnere ich mich: Wie ich das
Gerät an die Steckdose anschloss und es kam, ich glaube, es waren die
frühen Tage von Kiss FM, Technomusik heraus. Geballer, ganz ohne Gelaber
zwischendurch. In der Charlottenburger Wohnung, in der ich damals unterkam,
wurde ekstatisch und wortlos dem Prinzip von Joy Division entsprochen:
„dance, dance, dance to the radio.“ Schön war das. Und bildend.
12 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Reformstaatsvertrag-in-Kraft/!6134232
(DIR) [2] https://www.mdr.de/unternehmen/services/technische-beratung/faq-ukw-teilabschaltung-100.html
(DIR) [3] https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/vorgabe-der-politik-br-stellt-vier-radiosender-ein,Upxlr4v
(DIR) [4] https://www.dwdl.de/nachrichten/102855/ardradios_junge_wellen_sollen_kooperieren_andere_fallen_weg/
(DIR) [5] /Liebes-Spotify-es-ist-aus-mit-uns/!6099508
(DIR) [6] https://meedia.de/news/beitrag/19559-podcasts-erreichen-erstmals-mehr-18-bis-29-jaehrige-als-das-radio.html
(DIR) [7] https://www.quotenmeter.de/n/25747/das-vermeintliche-aus-des-formatradios
(DIR) [8] https://www.byte.fm/blog/news/bytefm-ab-januar-2026-auf-ukw-in-berlin-151505/
(DIR) [9] https://piradio.de/
(DIR) [10] https://www.byte.fm/sendungen/tazmixtape/
(DIR) [11] https://www.byte.fm/team/klaus-walter/
(DIR) [12] /Die-taz-im-Radio/!147615/
(DIR) [13] https://www.bfbs.com/radio/stations/bfbs-germany
## AUTOREN
(DIR) René Hamann
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