# taz.de -- Fehlfarben-Bassist Micha Kemner ist tot: Funky Punk ohne Personalpronomen
       
       > Mit Deutsch Amerikanische Freundschaft und Fehlfarben begründete er den
       > Punk in Westdeutschland. Nachruf auf den Bassisten Michael Kemner.
       
 (IMG) Bild: Die Fehlfarben 2023, Michael Kemner ganz rechts
       
       Der Gasthof hieß „Grün Inn“, der Ort war Gevelsberg-Silschede am Rande des
       Ruhrgebiets, dort wohnten 1978 der Bassist Michael Kemner, Gitarrist
       Wolfgang Spelmans, Keyboarder Kurt „Pyrolator“ Dahlke und der Schlagzeuger
       Robert Görl in einer WG und spielten zunächst noch angetörnten Jazzrock
       unter dem Namen You.
       
       Dann kam Punk, das Personalpronomen war passé. Die langen Haare waren ab
       und die Vier nannten sich Deutsch Amerikanische Freundschaft und
       [1][spielten das sperrig-krautige Industrial-Wave-Debütalbum „Ein Produkt
       der Deutsch Amerikanischen Freundschaft“ ein, aufgenommen im Autonomen
       Jugendzentrum Wuppertaler Börse.] Der erste Auftritt der britischen Band
       Wire im „Ratinger Hof“ in Düsseldorf im November 1978 flashte die
       Jungspunde derart, dass sie den Sänger Gabi Delgado Lopez verpflichteten.
       
       DAF wollten es wissen, gingen 1979 nach London und nahmen dort die Single
       „Kebabträume“ für das angesagte Label Mute auf, mitkomponiert von Kemner
       und Dahlke. Ein großartiger, verzinkter New Wave-Tango über die paranoide
       Atmosphäre der Frontstadt Westberlin, mit der Kopfzeile „In jeder
       Imbissstube ein Spion“, die bis heute Überschriftspotenzial hat und einen
       kernigen, funky Bass, gespielt von Michael Kemner.
       
       ## Legendäre Zahnschmerzen
       
       Unter dem Titel „Militürk“ findet sich dieser Song etwas später auch auf
       „Monarchie und Alltag“, [2][dem Debütalbum der Fehlfarben (veröffentlicht
       im Oktober 1980)]. Kemner war es in England, wo DAF in einem besetzten Haus
       ohne Heizung wohnten, zu krass. Eines Nachts verschwand er spurlos, weil er
       seine Freundin vermisste und seine Zahnschmerzen in Gevelsberg behandelt
       haben wollte.
       
       Kurz danach gründete er mit Peter Hein, Thomas Schwebel, Uwe Bauer, dem
       Maler Markus Oehlen, [3][Kurt Dahlke] und Frank Fenstermacher (beide auch
       bei der Der Plan) die Fehlfarben, zunächst als Funband, deren Debütsingle
       „Abenteuer & Freiheit“ zeitgleich zum einsetzenden Skarevival
       veröffentlicht wurde.
       
       Peter Hein hatte bereits mit der Vorgängerband Mittagspause deutsche Texte
       im Punk etabliert. Mit den Fehlfarben vervollkommnete Hein [4][Sound und
       Vortragsstil] und schuf in Stein gemeißelte Gleichnisse von „Paul ist tot“
       bis „Es geht voran“. Natürlich eingebettet in den schepprigen, leicht funky
       Postpunkstil der Fehlfarben. Klar im Punk grundiert, aber durchaus mit
       Blick für Eleganz und Ausschweifung, wie sie die Disco-Welle in den USA
       vorgemacht hatte.
       
       ## Krankfunk-Postpunk
       
       Der unerwartete Erfolg von „Monarchie und Alltag“ brachte kommerziellen
       Druck vom Majorlabel EMI einerseits und Selloutvorwürfe aus der Punkszene
       andererseits. Peter Hein wollte bei seinem bürgerlichen Beruf bleiben und
       stieg aus. 1981 folgte ihm Michael Kemner und gründete mit Wolfgang
       Spelmans und weiteren die Band Mau Mau. Deren seltsame
       Postpunk-Krankfunk-Kreationen auf mehreren Singles und zwei Alben (das
       zweite gibt es nur auf einer japanischen Version als Bonus) gehören zu den
       am meisten unterschätzten Zeugnissen der Neuen Welle.
       
       Anfang der 1990er rauften sich die Fehlfarben dann wieder zusammen,
       spielten in der Folge teils in der Urbelegschaft neue Alben ein und gingen
       auf Tour. Bis zuletzt blieb Michael Kemner Teil der Band. Wie jetzt bekannt
       wurde, ist der Musiker im Alter von 72 Jahren am 3. Januar 2026 an den
       Folgen einer Krebserkrankung gestorben. „Einer der nettesten, coolsten und
       verbindlichsten Kollegen, die ich kennenlernen durfte“, rief ihm der
       Musiker und Künstler Moritz Reichelt (Der Plan) auf seiner Facebook-Seite
       hinterher.
       
       11 Jan 2026
       
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