# taz.de -- Ingenieur*in über KI und Klima: „Die Regierung nutzt den KI-Hype für neue Gaskraftwerke“
> Rechenzentren haben einen immensen Strom- und Wasserverbrauch, kritisiert
> Expert*in Joschi Wolf. Schwarz-rot nutze das für Anti-Klimapolitik.
(IMG) Bild: Rechenzentren brauchen extrem viel Strom – Gaskraftwerk gefällig?
taz: Joschi Wolf, was können Hacker*innen für das Klima tun?
Joschi Wolf: Die IT-Szene kann Alternativen zu Big Tech aufzeigen, indem
wir unabhängige Software- und Hardware-Lösungen vermitteln. Eine wichtige
Aufgabe ist außerdem, auf die Auswirkungen des KI-Hypes auf das Klima und
die Umwelt hinzuweisen. Für viele Menschen sind Clouds und Rechenzentren
Blackboxen. Davon profitiert die Tech-Industrie. Bis heute wird das
Transparenzregister für Rechenzentren nicht umgesetzt: Alle Daten zum
Energieverbrauch sind Schätzungen oder freiwillige Angaben der Konzerne.
taz: Sie meinen, wenn die Menschen verstehen, wie viel Strom es verbraucht,
andauernd [1][ChatGPT] zu befragen, sehen sie davon ab?
Wolf: Es ist natürlich auch eine Frage der Kommunikation. Fakten allein
führen selten zum Umdenken, dafür muss man auch Emotionen ansprechen. Aber
ich denke schon, dass es etwa beim Thema Wasser Aufklärungsbedarf über den
enormen Verbrauch durch Rechenzentren gibt. Vom Wassermangel sind bereits
viele Menschen spürbar betroffen, auch in Deutschland.
taz: Wie viel Wasser verbraucht denn eine Unterhaltung mit einer KI?
Wolf: Ein mittellanges Gespräch mit einem KI-Chatbot verbraucht etwa einen
halben Liter. Die Rechenzentren brauchen das Wasser vor allem für die
Kühlung. Die Zentren sind ja voller Server, die gekühlt werden müssen, um
nicht zu überhitzen. Laut einer Studie des Öko-Instituts im Auftrag von
Greenpeace wird sich der weltweite Wasserbedarf bis 2030 fast
vervierfachen, auf 664 Milliarden Liter pro Jahr. KI-Rechenzentren
verbrauchen etwa doppelt so viel Wasser wie konventionelle Rechenzentren.
[2][Und natürlich Unmengen an Strom].
taz: Laut ChatGPT ist Big Tech einer der größten Treiber für den Ausbau
erneuerbarer Energien. Halluziniert die KI hier?
Wolf: Natürlich kann die hohe Nachfrage einen positiven Effekt haben. Aber
der Stromverbrauch wird so immens sein, dass es mit Erneuerbaren nicht
machbar ist. Außerdem laufen die Server Tag und Nacht, während man bei
Wind-, Wasser- und Solarenergie immer das Problem hat, dass man sie
speichern muss, um eine konstante Versorgung sicherzustellen. Da sind
Gaskraftwerke auf kurze Sicht die attraktivere Lösung. So nutzt die
Bundesregierung zusammen mit der fossilen Industrie den Hype um
Rechenzentren, um den Bau neuer Gaskraftwerke zu rechtfertigen.
taz: Hat die Klimabewegung das Thema Big Tech auf der Agenda?
Wolf: Das ist gerade im Prozess. Der erste Schritt war die
Auseinandersetzung um Tesla in Grünheide. Im April findet in Berlin die
[3][„Cables of Resistance-Konferenz“] statt, wo es darum gehen wird, die
Klima- und die linke IT-Szene mehr zu verbinden. Zwar sind nicht wahnsinnig
viele Leute in der Klimabewegung technikaffin. Aber es gab schon immer
Überschneidungen.
taz: Wie anschlussfähig ist das für die breite Gesellschaft, wenn man den
Leuten erst ihr Auto, dann ihren Chatbot wegnehmen will?
Wolf: Die Anschlussfähigkeit liegt in der Kritik an den großen technischen
Unternehmen. Klar nutzen alle Instagram und ChatGPT. Aber die Frage, was
mit ihren Daten passiert, interessiert die Menschen durchaus. Spätestens
seit Beginn der zweiten Amtszeit von Donald Trump ist deutlich geworden,
wie viel Macht Tech-Konzerne haben und wie sie die Demokratie bedrohen.
taz: Bildet sich innerhalb der [4][Klimabewegung] eine neue Strömung, die
sich mit der Thematik beschäftigt?
Wolf: Die Bewegung steckt gerade in einem Tief, sozusagen im
Bewegungswinter. Aber langsam geht es wieder bergauf. 2026 wird es erstmals
seit 2022 wieder eine Massenaktion von Ende Gelände geben, die wird sich
gegen den Neubau von Gaskraftwerken richten. Es wurde auch diskutiert, ob
man sich im Großraum Frankfurt trifft und Rechenzentren adressiert.
taz: Welche Themen und Projekte stehen 2026 noch an?
Wolf: Zum Thema Wasser sind dieses Jahr viele Camps und Aktionen geplant,
da kann man durchaus von einer neuen Strömung innerhalb der Bewegung reden.
Die größte Strömung ist der Widerstand gegen fossiles Gas. Da beteiligen
sich auch NGOs, Fridays for Future und Ende Gelände. Neu ist eine stärkere
Vernetzung mit Akteur*innen aus der Landwirtschaft. 2026 wird ein
wichtiges Jahr für die Verhandlung der europäischen Agrarpolitik. Außerdem
engagieren sich viele Menschen aus der Klimabewegung aktuell in Gruppen wie
Klima4Palestina oder in der antifaschistischen Bewegung.
taz: Spielt [5][die Kollaps-Strömung] eine Rolle?
Wolf: Ja, immer mehr Menschen beschäftigen sich nicht mehr primär mit der
Frage, wie wir die Klimakrise eindämmen können, sondern mit der Frage nach
solidarischem Handeln in der Krise. Wir haben 2025 mit dem [6][Absterben
der Warmwasser-Korallen wahrscheinlich den ersten Kipppunkt überschritten].
Für die Kollapsbewegung geht es darum, wie wir uns innerhalb der
Klimakatastrophe solidarisch verhalten und uns vorbereiten können. Dieser
Teil der Bewegung nutzt teilweise ganz andere Narrative, was auch zu
Konflikten führt.
taz: Zu welchen Konflikten?
Wolf: Problematisch ist etwa, dass in der Kollaps-Debatte teilweise eine
eurozentristische Perspektive eingenommen wird. Weltweit kämpfen Menschen
seit vielen Jahren mit den Folgen der Klimakrise – wenn wir im globalen
Norden von Kollaps reden, anstatt die Stimmen aus dem globalen Süden zu
hören, wirkt das etwas verzerrt.
[7][Aber es geht bei der Kollapsbewegung auch um Ängste vor einer
faschistischen Regierungsbeteiligung]. Das ist vielerorts eine sehr
konkrete Bedrohung. [8][Die Kündigung der Bankkonten der Roten Hilfe] hat
gerade gezeigt, dass wir uns die Frage stellen müssen, wie wir
handlungsfähig bleiben können trotz faschistischer Einflüsse.
taz: Nochmal zurück zu Big Tech. Könnte das Thema ein Kitt für die
teilweise zerstrittene Bewegung sein und sie wieder interessanter für die
Breite der Gesellschaft machen?
Wolf: Die Konflikte um den Genozid in Palästina sind in der
deutschsprachigen Bewegung noch sehr aktuell. Einige Akteure der deutschen
Klimabewegung, insbesondere Fridays for Future Deutschland, sind mit ihren
Positionen sehr isoliert von der internationalen
Klimagerechtigkeitsbewegung.
Aber es könnte eine Chance sein: Wenn eine gute Zusammenarbeit zwischen IT-
und Klimaszene entsteht, kann der Klimadiskurs gesamtgesellschaftlich
wieder mehr in den Fokus kommen. Allein schafft die Klimabewegung es nicht,
in den KI-Diskurs einzugreifen. Dafür bräuchte es auch Gewerkschaften und
andere gesellschaftliche Player. Das ist viel Arbeit, aber ich denke, wir
können vorsichtig optimistisch sein.
12 Jan 2026
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## AUTOREN
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