# taz.de -- Die Wahrheit: Von Kopf bis Fuß gelb ins neue Jahr
> Es ist wieder Zeit für Illusionen, denn der Januar ist gekommen, um uns
> an unseren Neujahrsvorsätzen scheitern zu lassen.
Januar ist doof. Kaum hat man am Neujahrstag gute Vorsätze gefasst, da hat
man sie auch schon gebrochen. Dabei halten die Zeitungen jede Menge
Vorschläge bereit, wie 2026 ein besseres Jahr werden kann. Der Guardian und
die Irish Times haben eine Liste ausgeheckt: „Von alltäglichen Aufgaben bis
hin zur Zukunftsplanung – hier sind 52 Tipps, die Ihnen das Leben in diesem
Jahr erleichtern werden.“
Manche Ratschläge habe ich schon immer beherzigt, zum Beispiel: „Lassen Sie
Ihren Garten sich selbst versorgen.“ Das macht er allerdings mehr schlecht
als recht, aber ich habe gelernt, die kritischen Bemerkungen der
hobbygärtnernden Nachbarn zu ignorieren. Auch Multivitamine habe ich stets
gemieden, und meine altersdiskriminierenden Überzeugungen habe ich längst
aus Eigeninteresse abgelegt. Ratschlag Nummer 38 ist ebenfalls leicht zu
befolgen: „Wenn Sie sich in einer schwierigen Lage befinden, hören Sie mit
Diäten auf.“ Ich fühle mich auf der Stelle in eine schwierige Lage
versetzt, sobald das Wort „Diät“ fällt.
Die Profi-Organisatorin Susan C. Pinsky sagt, dass man nicht jedes
Kleidungsstück falten muss: „Eine Schublade mit durcheinandergewürfelter
Unterwäsche ist ausreichend organisiert.“ Einverstanden, ich werde
demnächst damit aufhören, meine Unterhosen und Socken zu falten, und ich
werde meine „Wäsche nicht mit handelsüblichen Fleckenentfernern“ überladen.
Andere Punkte auf der Liste sind schwieriger: „Füttern Sie Ihr Haustier
nicht vor einem Besuch beim Tierarzt.“ Ich habe kein Haustier, aber gilt
das möglicherweise auch für Menschen? Muss ich mit leerem Magen zum
Hausarzt?
Manches erscheint widersprüchlich. „Der einfachste Weg, gut gekleidet
auszusehen, ist, von Kopf bis Fuß die gleiche Farbe zu tragen“, heißt es.
An anderer Stelle empfiehlt man: „Tragen Sie leuchtende Farben. Zeigen Sie
Ihre Arme.“ Gelb vielleicht? Dann sehe ich aus wie ein fettleibiger
Kanarienvogel.
Der Januar sei die Hochsaison für die immer wiederkehrende Illusion, dass
man sein Leben durch kleine Änderungen und Optimierungen verbessern könne,
schreibt Finn McRedmond in der Irish Times. Oscar Wilde, der allem
widerstehen konnte außer der Versuchung, meinte dazu: „Gute Vorsätze haben
eine fatale Eigenschaft – sie werden immer zu spät gefasst.“ Wenigstens
haben die Zeitungen auf die üblichen Aufforderungen verzichtet, ins
Fitness-Studio zu gehen, täglich ein Salatbeet abzugrasen oder mehr Wasser
und weniger Wein zu trinken.
Trotzdem wird 2026 wieder eine Pleite, das steht schon fest, denn ich werde
es nicht schaffen, die Ursache für meine nicht existierenden Fußschmerzen
zu finden, weniger Gewürze für meine südasiatischen Gerichte zu verwenden
und meine eigene Darmflora aufzubauen.
Aber Ratschlag Nummer 21 gilt allemal: „Alles verliert seinen Reiz, sobald
es auf einer To-do-Liste landet.“
12 Jan 2026
## AUTOREN
(DIR) Ralf Sotscheck
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