# taz.de -- Ein Protokoll aus Iran: „Ich rieche Blut“
       
       > Raha* gehörte bei den Protesten im Iran zu denen, die auf die Straße
       > gingen. Doch mit Mohammads* Tod starb auch die Zuversicht.
       
 (IMG) Bild: Protestierende in Teheran am 9. Januar 2026
       
       Mehr als 300 Stunden sind seit Beginn der Internetsperre im Iran vergangen.
       An Tagen, an denen die Menschen nicht mal über das Festnetztelefon
       kommunizieren können, gelingt es Raha*, das Haus eines Verwandten zu
       erreichen, der über ein Starlink-Modem verfügt. In aller Eile schickt sie
       mehrere Sprachnachrichten über Telegram, um zu berichten, was in den
       vergangenen 13 Tagen geschehen ist. Es ist erschütternd: Einer ihrer nahen
       Verwandten ist getötet worden. Unter Tränen rezitiert sie ein Gedicht und
       erzählt von ihren Erlebnissen. 
       
       „Wie kann ich begreifen, dass eine einzige Kugel dich mir entrissen hat?
       Der Fluss wollte nur das Band um deine Taille sein, und der Regen fiel so,
       als wäre er eigens für deine rechte Hand bestimmt. […] Der Frühling kam, um
       die Namen der Dörfer aus deiner rechten Hand zu pflücken. Du wurdest
       getötet und musstest deinen Traum aufgeben. […] Sie brachten die Nachricht
       von deinem Tod wie einen Kirschzweig in voller Blüte und legten sie mitten
       in den Hof. […]
       
       Ich weiß nicht, wie ich das sagen soll. Ich hätte nie gedacht, dass ich
       einmal das Blut eines anderen Menschen berühren würde. Der Gedanke, dass
       ich es stundenlang nicht von meinen Händen waschen konnte, dass es nicht
       mehr aus meiner Kleidung herausgeht, treibt mich in den Wahnsinn. Ich kann
       nicht schlafen. Ich kann nicht essen. Ich kann nicht leben. Immer wenn ich
       auch nur für einen Moment wegdrifte, kommen diese Bilder zurück.
       
       Mohammad* wurde direkt neben mir erschossen. Die erste Kugel traf ihn in
       den Oberschenkel. Und in dem Moment, als er sich umdrehen wollte, wurde er
       erneut angeschossen, dieses Mal direkt in den Bauch. Blut lief ihm aus dem
       Mund. Jemand, den ich nicht kannte, öffnete seinen Gürtel und überreichte
       ihn mir schnell. Er sagte zu mir, ich solle ihn über Mohammads Oberschenkel
       binden, und verschwand.
       
       ## Wir dachten, wir verändern etwas
       
       Ich hielt Mohammads Kopf mit meinen Händen. Ich erinnere mich nicht mehr
       genau. Ich erinnere mich nur noch an sein Gesicht und seine Augen und an
       das Blut, das wie eine nicht versiegende Quelle aus seinem Mund quoll.
       Mohammad hustete ein wenig, dann hörte er auf, sich zu bewegen. […] Die
       Leute halfen mir dabei, ihn mehrere Straßen weiterzuschleppen. Danach
       verstand ich nichts mehr. Meine Nase ist immer noch voller Blutgeruch. […]
       
       Unsere Wut hatte am Tag vor dem ersten Demonstrationsaufruf ihren Höhepunkt
       erreicht. Die Menschen warteten auf eine Gelegenheit, diese Wut zu zeigen.
       Wir alle gingen zum nächstgelegenen Ort unserer Nachbarschaft. Wir alle
       waren uns sicher, dass wir im Begriff waren, etwas zu verändern. Aber
       unsere Zuversicht hielt nicht einmal drei Stunden an. […]
       
       Die Menschen waren überall auf den Straßen, obwohl von Anfang an auf sie
       geschossen wurde. Wir wollten auf der Straße bleiben, aber wir konnten
       nicht. […] Sie hatten Scharfschützen mitgebracht und richteten Laser auf
       die Köpfe der Menschen. Eine Person richtete den Laser aus, und jemand
       weiter oben schoss.
       
       Wir wissen gar nichts mehr. Die Satelliten sind blockiert. Das Internet ist
       unterbrochen. Wir sind alle deprimiert und machtlos. Wir können nicht mehr
       zu unserem normalen Leben zurückkehren. […] Ich muss gehen. […] Mir geht es
       nicht gut. […] Ich rieche Blut. Den Geruch von Leichen.“
       
       Protokoll: Mahtab Qolizadeh 
       
       * Die Namen wurden aus Sicherheitsgründen geändert.
       
       27 Jan 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Mahtab Qolizadeh
       
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