# taz.de -- Streit um Härtefallverordnung: Trickreich zu weniger Härtefällen
> Für viele Geflüchtete ist die Härtefallkommission die letzte Hoffnung.
> Doch jetzt will Niedersachsen die Zahl der Anträge reduzieren.
(IMG) Bild: Riesenaufwand: Beamte der Bundespolizei und der europäischen Grenzschutzagentur Frontex bewachen einen Mann, der abgeschoben wird
Am Mittwoch ist der Nigerianer Onyemaechi M. abgeschoben worden. Seit dem
18. Dezember hatte er in der Abschiebehaft in Hannover-Langenhagen
gesessen. [1][Seine Unterstützer halten das für einen Skandal.]
Denn Onyemaechi M. hatte mit ihrer Hilfe eine Eingabe bei der
niedersächsischen Härtefallkommission eingereicht. Und eigentlich sollte
die Abschiebung ausgesetzt werden – zumindest, bis die Kommission sich mit
dieser Eingabe befasst hat.
Doch die Vorsitzende der Härtefallkommission hat seine Eingabe aussortiert
– infolge einer „behördlichen Intrige“, so die Einschätzung des
Flüchtlingsrates: Offenkundig sei ein „Untertauchen“ von Onyemaechi M. von
der Ausländerbehörde in Leer inszeniert worden, „um einen Grund dafür zu
schaffen, das laufende Härtefallverfahren einzustellen“, [2][teilte
Flüchtlingsrats-Geschäftsführer Kai Weber mit.]
Am 1. Dezember nämlich wollen [3][Sozialarbeiter des Landkreises Leer]
tagsüber die abgelegene Flüchtlingsunterkunft in Westoverledingen
aufgesucht haben. Da war „Onye“, wie ihn seine Freunde nennen, gerade nicht
da. Und der Verwalter der Unterkunft konnte sich nicht erinnern, wann er
ihn das letzte Mal gesehen hatte.
## Gegenbeweise will die Behörde gar nicht sehen
Eine Sachbearbeiterin glaubt sich aber zu erinnern, dass das bei ihm ja
früher schon mal vorgekommen ist – dass er nicht auffindbar war. Das
reichte dann schon, um ihn von Amts wegen abzumelden. So steht es in einer
Aktennotiz, die seine Anwältin einsehen konnte.
Schon zwei Tage später erhält einer von M.s Unterstützern, der ihm geholfen
hat, den Härtefallantrag zu formulieren, Post von der Kommission. Der
Antrag werde abgelehnt, weil er ja unbekannt verzogen sei, heißt es darin.
M. und seine Unterstützer fallen aus allen Wolken. Immerhin hatten sie
große Hoffnung in das Verfahren gesetzt, ihm eine neue Arbeitsstelle
besorgt; seit Monaten warteten sie auf die Arbeitserlaubnis der
Ausländerbehörde.
Zunächst glauben sie noch an einen Irrtum. Sie schicken Fotos aus der
Unterkunft und Kassenzettel vom Supermarkt, markieren das Bett und die
Schränke mit M.s Kram, um zu belegen, dass er keinesfalls untergetaucht
ist. Später reichen sie noch ein mithilfe seiner Handydaten erstelltes
Bewegungsprofil nach, das ebenfalls belegt, dass er sich nicht weit
entfernt hat.
## Kein leichter Fall
M. ist allerdings kein ganz leichter Fall, räumen auch seine Unterstützer
ein. Er hat sich früher einige Mal nicht an Wohnsitzauflagen gehalten – oft
weil er gar nicht so recht verstanden hat, was die Behörden von ihm
wollten.
Immerhin hat er es aber irgendwie geschafft sich durchzuschlagen, einen
Freundeskreis aufzubauen, immer wieder Jobs an Land zu ziehen. In den
letzten drei Jahren hat er zum Beispiel in der Fleischindustrie gejobbt,
als Zeitarbeiter, später nachts in Oldenburg Züge geputzt.
Auch deshalb finden die Flüchtlingshelfer, die ihn betreuen, den Vorwurf,
er habe gegen diese Auflagen verstoßen, unfair. Es war eben oft schwierig,
nach der Schichtarbeit in die abgelegene Unterkunft zurückzukommen. Und das
hätte die Ausländerbehörde schon auch wissen können: Sie hat ja jeweils die
Arbeitserlaubnis erteilt.
Doch weder die Ausländerbehörde des Landkreises Leer noch die beim
niedersächsischen Innenministerium angesiedelte Härtefallkommission sind
bereit, ihre Entscheidung noch einmal zu überprüfen.
Eine Begründung oder Erklärung liefern sie dazu auch auf taz-Anfrage nicht.
Mit den üblichen Floskeln: Keine Auskünfte zu einem laufenden Verfahren,
keine Auskünfte zu Einzelfällen aufgrund des Datenschutzes, Entscheidungen
der Kommission werden grundsätzlich nicht begründet.
## Gremium soll weniger Fälle behandeln
Auch der Versuch, das Ganze vor dem Verwaltungsgericht in Oldenburg klären
zu lassen, scheitert. Das Härtefallverfahren ist eine Art Gnadenrecht. Es
gibt keinen Rechtsanspruch. Der Rechtsweg ist von vornherein
ausgeschlossen.
Dass gerade der Flüchtlingsrat so alarmiert und energisch auf diesen Fall
reagiert, hat aber möglicherweise noch einen anderen Grund. Niedersachsen
will die Härtefallkommissionsverordnung anpassen. Die Kommission sei
überlastet und die Verfahren dauern zu lange, heißt es aus dem Ministerium.
Dessen Leute haben deshalb an der Verordnung gefeilt. Seit ein paar Wochen
kursiert der Entwurf unter den Verbänden, um ihnen Gelegenheit zur
Stellungnahme zu geben. Und nicht wenige wittern darin einen Versuch, vor
allem die Spielregeln so zu verschärfen, dass noch weniger Menschen nach
diesem letzten Strohhalm greifen können.
Das Prozedere, mit dem darüber entschieden wird, ob eine Eingabe überhaupt
zur Beratung angenommen wird, ist ein bisschen kompliziert: Zunächst
entscheidet die Vorsitzende und Leiterin der Geschäftsstelle allein, ob
eine Eingabe der Verordnung entspricht.
Abgewiesen wird sie etwa dann, wenn es noch eine Chance auf ein anderes
Aufenthaltsrecht gibt, ein anderes EU-Land zuständig wäre (Dublin-Fälle),
der Antragssteller straffällig geworden ist, nicht in Deutschland ansässig
oder auffindbar ist, seine Identität nicht hinreichend nachweisen kann.
Diese Regelungen sollen nun noch einmal präzisiert und verschärft werden.
Dagegen protestieren der Flüchtlingsrat, die Arbeiterwohlfahrt (AWO) und
die Linke. „Wir befürchten einen neuen, harten Stil auch in Niedersachsen
im Umgang mit Härtefällen“, sagt Kai Weber, Geschäftsführer des
Flüchtlingsrats Niedersachsen.
Bisher entscheidet ein Vorprüfungsgremium aus der Vorsitzenden und zwei
Kommissionsmitgliedern, ob sich die Härtefallkommission mit einem Fall
befassen soll. Erst dann beratschlagt die Kommission. Auch diese Vorprüfung
steht jetzt zur Disposition, befürchtet der Flüchtlingsrat.
„Die Härtefallkommission ist kein Verwaltungsfilter, sondern ein
humanitäres und gesellschaftliches [4][Korrektiv im Aufenthaltsrecht]“,
erklärt Rifat Fersahoglu-Weber, Geschäftsführer der AWO-
Niedersachsen-Landesarbeitsgemeinschaft in einer Presseerklärung: „Was hier
als Verfahrensvereinfachung verkauft wird, läuft in Wahrheit auf eine
massive Einschränkung der Rechte von Menschen in extremen Notlagen hinaus.“
Damit, findet auch die Partei Die Linke, hebelt das Innenministerium ein
wichtiges zivilgesellschaftliches Korrektiv aus. „Gerade eine rot-grün
geführte Landesregierung muss sich daran messen lassen, ob sie Menschen
schützt oder Abschiebezahlen optimiert“, findet Maren Kaminski,
Bundestagsabgeordnete der Linken.
## Eine restriktivere Politik führt zu mehr Härtefällen
Das Fallaufkommen hängt stark davon ab, wie sich die Rahmenbedingungen
entwickeln. Als die Ampelregierung neue Möglichkeiten schuf, an eine
Aufenthaltsgenehmigung oder Duldung zu kommen, musste die Kommission
weniger Einzelfälle beraten – allerdings stieg der Aufwand für
Beratungsgespräche im Vorfeld.
In 2024 hat sich die Anzahl der Eingaben mehr als verdoppelt. [5][Die
Kommission führt das in ihrem Tätigkeitsbericht] vor allem darauf zurück,
dass der Abschiebestopp in den Irak und den Iran aufgehoben wurde. Es
scheint also absehbar, dass eine restriktive Migrationspolitik auf
Bundesebene zu mehr [6][Arbeit für die Härtefallkommissionen] führen wird.
Auf die eine oder andere Art „erledigt“ (also abgelehnt, auf andere
Antragswege verwiesen oder abschließend beraten) hat die Kommission im Jahr
2024 insgesamt 837 Fälle, die allerdings zum Teil schon aus den Vorjahren
stammen.
Als Härtefall angenommen wurde in 2024 am Ende nur ein Bruchteil. Intensiv
beraten hat die Kommission 200 Einzelfälle, hinter denen zum Teil aber
ganze Familien stecken. In 103 Fällen hat sie danach ein Härtefallersuchen
an das Innenministerium gerichtet. In 57 Fällen hat das Ministerium diesem
Ersuchen entsprochen.
Anmerkung: Durch einen Redigierfehler war in einer früheren Version des
Artikels der Eindruck enstanden, der Flüchtlingsrat hätte der Vorsitzenden
der Härtefallkommission unterstellt an der behördlichen Intrige mitgewirkt
zu haben. Dieser Eindruck ist falsch. Die Passage wurde dementsprechend
umformuliert, d.Red.
8 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.facebook.com/AfrikanischeDiasporaOstfriesland
(DIR) [2] https://www.nds-fluerat.org/64036/aktuelles/auslaenderbehoerde-leer-hat-untertauchen-inszeniert-um-haertefallverfahren-beenden-zu-koennen/
(DIR) [3] /Abschiebungen-nach-Behoerdentermin/!6138458
(DIR) [4] /Kritik-am-Berliner-Einwanderungsamt/!6128888
(DIR) [5] https://www.mi.niedersachsen.de/startseite/themen/auslanderangelegenheiten/hartefallkommission/die-hartefallkommission-beim-niedersachsischen-ministerium-fur-inneres-sport-und-digitalisierung-63033.html
(DIR) [6] /20-Jahre-Haertefallkommission-in-Berlin/!6062441
## AUTOREN
(DIR) Nadine Conti
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