# taz.de -- Expertin über Trumps Kriegs-Choreografie: „Tanz dient hier als Machtdemonstration“
       
       > Ein Traum des choreografischen Theaters war stets, politisch zu wirken:
       > Zum Albtraum wird er in den Kriegstänzen von Trump und Maduro.
       
 (IMG) Bild: Plump, ja täppisch wirken Trumps Tanzschritte. Wer darüber lacht, wird eingemacht
       
       taz: Frau Härtel sollte Tanz politisch sein? 
       
       Heide-Marie Härtel: Ich denke, zu tanzen hat immer eine politische Aussage.
       Selbst wenn es so ungestalt ist wie das Tanzen von Donald Trump und Nicolás
       Maduro, erzählt es viel über die Befindlichkeiten und die charakterlichen
       Eigenschaften der Tanzenden.
       
       taz: Maduros Tanzvideos sollen eine Rolle als Auslöser für den Überfall auf
       Venezuela gespielt haben. Diese Vermutung wird von Trump selbst gestützt:
       In einer Ansprache, bei der er sich für die Invasion feiern lässt, hat er
       gesagt, [1][Maduro sei ein schlimmer gewalttätiger Kerl, „and he tries to
       imitate my dance a little bit“,] also: Er versucht ein bisschen, meinen,
       also Trumps, Tanz zu imitieren. 
       
       Härtel: Das beschreibt genau das, was Tanz kann – nämlich eine unglaubliche
       Wirksamkeit entfalten.
       
       taz: Wäre das die politische Wirksamkeit, [2][von der das Tanztheater der
       1970er geträumt hatte,] aus dem auch Sie kommen? 
       
       Härtel: Nein, nicht wirklich. Was wir im politischen Tanztheater versucht
       haben, hatte ja starke analytische Momente. Da wurde auf die Bühne
       gestellt, wie Potentaten reagieren und wie Machtverhältnisse sich
       darstellen lassen, um sie dadurch irgendwie auch präsenter zu machen und zu
       sagen: Hey, das kann auch anders gehen.
       
       taz: Der Tanz von Trump ist dagegen selbst ein Tanz der Macht und Maduros
       Reprise direkte politische Kommunikation: Der venezolanische Präsident hat
       [3][im Herbst in Caracas zu einem Remix seiner „no crazy war“-Rede auf
       einer großen Kundgebung] und erneut am 31. Dezember im Präsidentenpalast
       Trumps ungelenke Tanzweise ironisch aufgegriffen, beide Male vom
       staatlichen TV übertragen … 
       
       Härtel: Ich glaube, das war wirklich für Trump unerträglich, wie Maduro ihn
       diskreditiert hat, indem er seine Schritte aufgreift und verändert. Damit
       wird auch die persönliche Lage des jeweiligen Diktators in Szene gesetzt:
       Also Maduro ist für mich so eine Art Vollblutdiktator, während Trump wie
       ein gestörter Neurotiker wirkt. Und gerade das hat Maduro recht gut in
       seinem Tanz wiedergegeben. [4][Maduros Tanz geht ihm durch den ganzen Leib,
       in der Trump-Karrikatur hat er aber darin einfach bestimmte Körperteile
       abgeschaltet]: Es sieht aus, als agiere er zwanghaft, eben wie ein
       Neurotiker. Es trifft also genau die Charaktermerkmale, die man schon bei
       Trump erkennt und spitzt sie zu. Das macht es so verletzend.
       
       taz: Andererseits ist es Trumps eigene Erzählung. Er sagt ja: Der hat
       getanzt, um mich zu ärgern, also habe ich ihn plattgemacht. Kommt die
       unterkomplexe Deutung des Konflikts als Kriegstanz [5][nicht gerade Trump
       entgegen]? 
       
       Härtel: Möglicherweise ja. Und sicher war das vor allem ein gesuchter und
       willkommener Anlass. Trotzdem ist da dieser Aspekt der Bloßstellung durch
       Maduro. In dessen Tanz muss Trump selber erkennen, wie peinlich sein
       körperliches Verhalten ist. Da sieht man ja wirklich sofort, dass dieser
       Typ alles nur kaputt machen und nur sich selber präsentieren will. Wenn das
       so ausgestellt wird, dann muss der beleidigt sein.
       
       taz: Weil der Körper des Herrschers unantastbar im Zentrum stehen muss? 
       
       Härtel: Ja, das erinnert an die Darstellung eines Sonnenkönigs, der sich
       als Mitte des Universums versteht: Es war Ludwig XIV., der 1661 in Paris
       die königliche Tanz-Akademie eröffnet und damit das klassische Ballett
       begründet hat, mit einer Formensprache, die natürlich heutzutage Gott sei
       Dank enorm weiterentwickelt worden ist.
       
       taz: Trump baut [6][einen Ballsaal]. Aber einen neuen Ballettstil wird er
       nicht schaffen. 
       
       Härtel: Nein, ganz und gar nicht. Auf der Weltbühne spielt Trump seine
       durchsichtige menschenfeindliche Rolle, für einen Einfluss auf die
       Theaterbühnen reicht diese extrem reduzierte Bewegungssprache höchstens als
       Negativbeispiel. Tanz dient hier als Machtdemonstration. Und das hat es
       zumindest lange nicht mehr gegeben. Ich kann mir vorstellen, dass das einen
       Impuls in der Selbstdarstellung von Politikern auslöst, gerade auch, weil
       es seine Wirkmacht unter Beweis gestellt hat.
       
       taz: Bedeutet das auch, dass in diesem Imitations-Spiel – Trump macht seine
       plumpen Moves, Maduro karikiert sie, Trump haut ihm die Beine weg – selbst
       wieder choreografisches Futter für Tanztheater liegt? 
       
       Härtel: Auf jeden Fall. Aber man braucht auch dazu die Künstler, die das
       verstehen.
       
       taz: Was wäre dafür nötig? 
       
       Härtel: Dazu braucht es einen hochintelligenten Choreografen, der sich das
       traut und eine Bewegungssprache dafür findet. Man muss warten, wie die
       nächste Generation mit den neuen Möglichkeiten umgeht, die es ja gibt. Also
       ich glaube, es ginge, auch auf subtile Art und Weise. Aber auf den Bühnen
       sehe ich das leider gegenwärtig nicht, außer vielleicht [7][bei Yoshiko
       Waki und Bodytalk in Münster].
       
       taz: Bei Florentina Holzinger oder Marlene Monteiro Freitas würde ich das
       schon wahrnehmen. 
       
       Härtel: Also Holzinger finde ich fantastisch, ja.
       
       taz: Und es gibt auch junge Gruppen, deren Arbeiten, egal wo, in Jena, in
       Berlin, in Benneckenstein, ohne jedes Presseecho verpuffen und vergessen
       werden: Hatten Sie nicht auch gegen diese Vergänglichkeit [8][das Deutsche
       Tanzfilminstitut ins Leben gerufen]? 
       
       Härtel: Absolut. Wir als Tanzcompagnie waren ja seinerzeit in den 1970er
       Jahren mit Kresnik eingeklemmt zwischen den Rainer Werner Fassbinders und
       Steins und all diesen Regie-Stars, die hier unter dem Intendanten Kurt
       Hübner geboren wurden. Wir haben unsere Stücke teilweise nur zehnmal
       gezeigt, dann waren sie abgespielt. So etwas wie Repertoirepflege gab es
       nicht: Ich habe angefangen zu filmen, weil ich dachte, [9][es glaubt uns
       später keiner, was hier möglich war.]
       
       taz: Was macht die Verfilmung mit der Raumkunst Tanz? 
       
       Härtel: Die Mediatisierung verändert die Bewegungssprache total. Ein gutes
       Beispiel ist, wie in den USA mit dem bedeutenden Choreografen Merce
       Cunningham plötzlich alle anfingen, rückwärts zu tanzen. Das kam aus dem
       Film. Was den Fluss von Bewegung angeht, hat sich die Sprache des Tanzes
       seither durch Video und neue Medien sehr stark verändert, bis dahin, dass
       Leute mit ihren Avataranzügen und einer Bearbeitung durch Software und KI
       auch Bewegungen erfinden können, die es gar nicht gibt, die vielleicht ein
       Körper gar nicht ausführen kann, der nun mal aus zwei Beinen und zwei
       Armen, einem Kopf und einem Rumpf besteht.
       
       taz: Die Versuchung bleibt aber groß, diese realen Körper für einen
       renovierten Repräsentationstanz abzurichten und den Mächtigen zur Verfügung
       zu stellen? 
       
       Härtel: Das ist ein komplexes Thema, denn auch beim choreografischen
       Theater gehören synchrone Bewegungen von Tänzergruppen zum künstlerischen
       Handwerkskasten. Von Außen sieht das nicht selten wie bloße Gleichmacherei
       aus. Das hatte im klassischen Ballett früher tatsächlich etwas von Dressur.
       Aber das ist heute so nicht mehr möglich. Heute geht es nicht mehr ums
       Nachmachen einer äußeren Form, sondern darum, eine gemeinsame innere Form
       zu finden, ohne die Individualität der einzelnen Tänzer kaputtzumachen.
       Aber es stimmt, Tanz ist immer auch genutzt worden, um Leute fit zu machen
       und um Macht zu repräsentieren.
       
       taz: Attribute fürs Gelingen dieser Inszenierung waren meist Anmut und
       Eleganz. Davon kann aber bei Trump keine Rede sein. Dessen Bewegungen kann
       selbst ich, also jeder Tölpel, aufgreifen. Das produziert Nahbarkeit. 
       
       Härtel: Ja, im Gegensatz zu dem, was man auf Theaterbühnen sieht: Denn Tanz
       ist eine eigene Sprache. Was Trump dagegen daraus macht, das sind
       hingekotzte Wortbrocken. Das hat mit einer entwickelten Sprache gar nichts
       mehr zu tun. Es ist einfach auch eine Beleidigung, wie er sich bewegt.
       Also, mich beleidigt das.
       
       11 Jan 2026
       
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