# taz.de -- „White Tiger“-Prozess in Hamburg: Das Internet als Missbrauchsort
       
       > In Hamburg beginnt am Freitag der Prozess gegen einen 21-Jährigen: Er
       > soll Minderjährige im Internet zum Suizid gedrängt haben.
       
 (IMG) Bild: Shahriar J. hat übers Internet gezielt Kontakte geknüpft: Er soll Opfer zu Selbstverletzungen und einige zum Suizid gedrängt haben
       
       Am Freitag beginnt am Hamburger Landgericht der Prozess gegen den
       21-jährigen Shahriar J. wegen Mordes und fünffachen versuchten Mordes. Laut
       Anklage werden ihm 204 pädokriminelle Straftaten im Internet „gegen das
       Leben, die körperliche Unversehrtheit und die sexuelle Selbstbestimmung“
       von mehr als 30 Kindern und Jugendlichen vorgeworfen. Da J. die Taten als
       Heranwachsender zwischen Januar 2021 und September 2023 begangen haben
       soll, findet der Prozess unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.
       
       J. bestreitet die Vorwürfe. Er ist Deutsch-Iraner, Abiturient und lebte bei
       seiner Festnahme eher isoliert bei seinem Vater in Marienthal, einem
       bürgerlichen Stadtteil im Hamburger Osten. Seit Juni 2025 sitzt er im
       Hamburger Jugendgefängnis in Untersuchungshaft.
       
       Der Fall hat schon vor Prozessbeginn Aufsehen erregt: wegen der
       Grausamkeit, die sich in den beschlagnahmten Aufnahmen zeigt und die von
       den Ermittelnden als beispiellos beschrieben wurde. Shahriar J. ist über
       [1][sogenanntes Cybergrooming] vorgegangen, das bedeutet eine [2][gezielte
       Kontaktaufnahme übers Internet, um sexuellen Missbrauch zu begehen]. Dabei
       suchen sich die Täter vor allem Kinder, die bereits Probleme haben und
       möglicherweise labil sind, und bauen rasch eine emotionale Beziehung auf,
       um sie gefügig zu machen. Im nächsten Schritt versuchen sie, intime Fotos
       und möglichst viele persönliche Daten zu erhalten, um die Opfer erpressen
       zu können.
       
       Shahriar J., der unter dem Namen „White Tiger“ im Netz agierte, soll seine
       Opfer zu Selbstverletzungen und einige auch zum Suizid gedrängt haben. Die
       Kontaktaufnahme lief über Foren zum Thema [3][Suizid], über Social Media
       wie Snapchat oder Online-Games. Später wechselten Täter und Opfer dann zu
       verschlüsselten Plattformen wie Discord oder Telegram. Ein 13-Jähriger in
       den USA hat sich im Januar 2022, so die Anklage, auf J.’s Druck hin
       erhängt. J. habe ein minderjähriges Mädchen zusätzlich auf den Jungen
       angesetzt. Den Suizid hat J. live verfolgt.
       
       ## Bei deutschen Ermittler:innen noch kein Alarmsignal
       
       Hinweise darauf, dass J. Kindesmissbrauch im Internet betrieb, hatte es
       schon 2021 gegeben. Damals erhielten die Hamburger Behörden laut der
       Wochenzeitung Die Zeit einen Bericht des National Center for Missing &
       Exploited Children (NCMEC), einer gemeinnützigen Organisation, die Hinweise
       auf Kindesmissbrauch im Internet sammelt. Darin aufgelistet waren Chats des
       „White Tiger“ auf dem Onlinedienst Discord, in denen er zwei minderjährige
       Mädchen auffordert, Bilder von sich zu schicken und eine der beiden zum
       Suizid drängt.
       
       Ebenfalls darin enthalten ist der Hinweis, dass J. zu dem international
       operierenden, sadistisch-pädokriminellen Netzwerk 764 gehörte. In den USA
       wird es als Terrororganisation eingestuft. Doch 2021 war diese Information
       zumindest bei den deutschen Ermittler:innen noch kein Alarmsignal.
       
       Die Staatsanwaltschaft leitete ein Verfahren wegen jugendpornografischer
       Schriften ein, das nach einer Vernehmung und einer Gefährderansprache im
       November 2021 eingestellt wurde. J. hat sie augenscheinlich nicht
       beeindruckt.
       
       ## Ermittelnde psychologisch betreut
       
       Im Februar 2023 erhielten die Hamburger Behörden einen Hinweis vom FBI,
       dass „White Tiger“ und eine weitere Person einen 13-Jährigen beeinflusst
       haben sollen, seinen Suizid live zu streamen. Aber erst im September 2023
       hatten die Ermittler:innen genügend Indizien, um das Haus der Familie
       J. durchsuchen zu können. Sie stellten 12 Terabyte Daten sicher. Bis zu
       J.’s Verhaftung vergingen 21 Monate.
       
       In der [4][Wochenzeitung Die Zeit rechtfertigen die Behörden die lange Zeit
       damit, dass es gedauert habe], bis ein Sachverständiger die Daten habe
       vorsichten können. Laut NDR stützen sich die Vorwürfe auf 120 Stunden
       gesichertes Bild- und Videomaterial. Generalstaatsanwalt Jörg Fröhlich
       erklärte, dass die Analyse eines einzelnen 75-Minuten-Chats mit einer
       Suizidhandlung 17 Tage gedauert habe. Die Ermittelnden seien dabei
       psychologisch betreut worden.
       
       Nachdem das Ausmaß der Taten klar geworden sei, habe man im November 2024
       eine Sonderkommission gegründet. Eine Sprecherin der Hamburger
       Staatsanwaltschaft schreibt auf taz-Anfrage, dass man angesichts des
       „höchst komplexen Tatvorwurfs mit zwei hintereinandergeschalteten
       mittelbaren Täterschaften“ zureichende Hinweise gebraucht habe.
       
       Um J. des Mordes zu beschuldigen, mussten also Hinweise vorliegen, dass der
       Beschuldigte „sowohl das Handeln des als ‚Werkzeug‘ agierenden Mädchens als
       auch das des Verstorbenen in seinen Händen hielt“. Dafür musste es konkrete
       Anhaltspunkte dafür geben, dass J. „Kenntnis von den ‚Mängeln/Defiziten‘
       seiner Werkzeuge hatte und mithilfe dieser Defizite die Werkzeuge bewusst
       gesteuert hat“.
       
       ## Erste Konsequenzen aus dem Fall gezogen
       
       Das bedeutet unter anderem, dass J. die psychische Labilität seiner
       minderjährigen Opfer bewusst ausgenutzt hat.
       
       Ein Fall wie der von Shahriar J., in dem es um Mord durch zwei mittelbare
       Täterschaften im Internet geht, ist juristisches Neuland. In den USA wurde
       der 17-jährige Bradley Cadenhead, der Gründer des Netzwerks 764, wegen des
       Besitzes kinderpornografischer Schriften 2023 zu 80 Jahren Haft verurteilt.
       Er hatte in Chats wiederholt gehöhnt, dass mehrere Dutzend Meldungen der
       Betreiber der Online-Plattformen, auf denen er agierte, beim FBI
       wirkungslos geblieben waren.
       
       In Hamburg hat man aus dem Fall „White Tiger“ erste Konsequenzen gezogen:
       Laut Generalstaatsanwalt Jörg Fröhlich werden auch vage Gefahrenhinweise
       wie die 2021 erhaltenen heute aufmerksamer verfolgt. Innensenator Andy
       Grote (SPD) hat angekündigt, dass Bilderkennung mittels künstlicher
       Intelligenz Thema auf der nächsten Innenministerkonferenz sein soll – um
       damit künftig die Sichtung so riesiger Datenmengen wie im Fall von Shahriar
       J. zu erleichtern.
       
       9 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Sexueller-Kindesmissbrauch/!6114586
 (DIR) [2] https://www.bka.de/DE/UnsereAufgaben/Aufgabenbereiche/Zentralstellen/Kinderpornografie/Cybergrooming/Cybergrooming_node.html
 (DIR) [3] /Hilfsangebote-bei-suizidalen-Gedanken/!6009869
 (DIR) [4] https://www.zeit.de/hamburg/2025-07/white-tiger-internet-hamburg-kinder-jugendliche-suizid/komplettansicht
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Friederike Gräff
       
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