# taz.de -- Fotoausstellung über Missbrauch: Unverschämte Bilder
> In der Domstadt Osnabrück ist das Thema Missbrauch sehr präsent. Die
> Fotoausstellung „Shame“ trifft genau ins Schwarze.
(IMG) Bild: Arnaud erlebte sexualisierte Gewalt durch Kleriker und in der Familie
Menschen sehen uns an. Alte, junge. Frauen, Männer. Ihre Blicke sind
Mahnung, Anklage. Fragende Blicke sind darunter, verzweifelte,
kämpferische, zerquälte, skeptische, herausfordernde. Einige sind
gespenstisch leer. Es ist schwer, diese Blicke auszuhalten.
Die 50 eindringlich großformatigen Schwarz-Weiß-Porträts der Serie „Shame –
European Stories“ des italienischen Fotografen und Journalisten Simone
Padovani, entstanden 2022 von Norwegen bis Rumänien, zeigen Opfer
sexualisierter Gewalt. Zu sehen sind sie in Osnabrück, im [1][Kunstraum
Hase29].
Das liegt nahe, denn die Domstadt ist einer der vielen Tatorte. Der
katholische Missbrauchsskandal hatte hier 2023 zu einem Bischofsrücktritt
geführt: In einem Zwischenbericht hatte die Kommission zur Untersuchung der
Taten des Klerus auch dem bis dahin als aufklärungswillig wahrgenommenen
Franz-Josef Bode Versäumnisse nachgewiesen. [2][Der räumte daraufhin seinen
Stuhl].
Vergangenen Sommer [3][war dann die schauspielerische Bearbeitung des
Skandals gescheitert], weil der Theaterintendant die geplante Aufführung
absagte. Dieser Hintergrund verleiht der jetzigen Schau zusätzliche
Dringlichkeit.
## Schwer erträgliche Texte
Texte gruppieren sich zu den Bildern, erzählen Lebens- und
Überlebensgeschichten von Schweigen und Trauma, von Aufklärungshoffnung und
Aufbegehren. Auch sie sind kaum erträglich. Aber sie öffnen Augen. Sie
zeigen: Scham lässt sich ablegen, Gerechtigkeit einfordern, und:
Sexualisierte Gewalt gibt es in allen Milieus.
Unter den Tätern sind Jesuitenpatres und Waisenhausdirektoren,
Fußballtrainer und Pfadfinderlagerpädagogen. Missbrauch haben die Opfer mal
in der Familie erfahren, mal in der militärischen Ausbildung.
„Es war Frühling“, gibt Agnes, 72, preis. „Ich war 9 Jahre, als der
Priester mich in sein Haus befahl und vergewaltigte. Das Leben zerbrach –
zersplitterte – lautlos.“
„Ich war acht, neun, zehn und elf Jahre alt, als ein Großonkel von mir, ein
Missionar, mich vergewaltigte“, erzählt Arnaud, 41. „Er verkaufte es mir
als eine Entdeckung meines Körpers, später als eine Form der sexuellen
Bildung. Was folgte, war eine fast zehn Jahre währende, teilweise
traumatische Amnesie.“
Francesco, 51, sagt: „Ich war 13 Jahre alt. Meine Mutter war sehr gläubig.
Sie schickte mich in die Kirche, und eines Tages vergewaltigte mich der
Priester. Das war 1981. Das ging so über Jahre.“
Die Fotos sind klug inszeniert, schlicht. Gleiches Format, gleicher
Bildaufbau, gleicher Hintergrund in symbolistischem Schwarz, keine
Accessoires. Wir sind viele, signalisiert das, wir sind Teil einer Gruppe,
wir sind stark, selbstbewusst. Alle Bilder hängen auf derselben Höhe. Sie
wirken wie eine Phalanx des Widerstands. Padovani will Langzeitfolgen des
Missbrauchs zeigen. Das gelingt ihm auf beklemmende Art.
Elisabeth Lumme, Vorsitzende des Kunstraums Hase29, begründet die
Präsentation von „Shame“ nicht zuletzt mit der lokalen Verdrängungshaltung.
Sie hatte [4][einen Kunstfreiheit fordernden offenen Brief an Osnabrücks
Oberbürgermeisterin Katharina Pötter mitinitiiert], als der
Theaterintendant Ulrich Mokrusch im Sommer das Stück „Ödipus Exzellenz“ vom
Spielplan nahm, noch vor der Premiere, angeblich aus Rücksicht auf die
Kirche.
[5][Ursprünglich hätte das Stück die Schauspielsaison eröffnen sollen]. Es
wollte auch die Düsternis thematisieren, die der Forschungsbericht
„Betroffene – Beschuldigte – Kirchenleitung. Sexualisierte Gewalt an
Minderjährigen sowie schutz- und hilfebedürftigen Erwachsenen durch
Kleriker im Bistum Osnabrück seit 1945“ [6][der Universität Osnabrück 2024
offengelegt hatte].
## Kontrapunkt zur gesellschaftlichen Reaktion
„Für Betroffene sexualisierter Gewalt war das ein Déjà-vu“, kommentiert
Lumme die Absage. „Einmal mehr wurden sie zu Betroffenen des Wegsehens, des
Schweigens. Eine Katatrophe!“ Padovani fülle diese Lücke, so Lumme zur taz.
„Was damals nicht erzählt werden konnte, wird jetzt erzählt.“
Co-Kurator von „Shame“ ist Karl Haucke. Er ist selbst unter den
Porträtierten und Mitgründer des Beratungsvereins Umsteuern! Robin
Sisterhood e. V. Der Verein betreut „Shame“ im Auftrag der Justice
Initiative der schweizerischen Guido Fluri Stiftung in Deutschland. Haucke
kennt viele der Abgebildeten und nennt die Schau bitter einen „Kontrapunkt
zur gesamtgesellschaftlichen Reaktion“, denn: „So was will ja keiner sehen,
keiner hören!“ Auch an „Ödipus Exzellenz“ war er beteiligt, in „Shame“
führt er nun Rundgänge.
Was das Bistum Osnabrück aus „Shame“ lernt, wird sich zeigen. Sein
Diözesanmuseum übernimmt die 50 Fotos und stellt in Aussicht, sie in
kleinen Gruppen durchs Bistum wandern zu lassen. Hoffnung macht, dass 2023
die Universität Osnabrück am Sitz des Museums, im Forum am Dom, die
Text-Foto-Ausstellung „Betroffene zeigen Gesicht“ zeigen konnte. Anklagende
Blicke ist man im Bistum also bereits gewohnt.
17 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://hase29.de/
(DIR) [2] /Osnabruecker-Bischof-Bode-geht-endlich/!5921880
(DIR) [3] /Debatte-ueber-Machtstrukturen-gefordert/!6115351
(DIR) [4] /Debatte-ueber-Machtstrukturen-gefordert/!6115351
(DIR) [5] /Keine-Inszenierung-zum-Thema-Missbrauch-/!6103110
(DIR) [6] https://www.s-gewalt.uni-osnabrueck.de/veroeffentlichungen/abschlussbericht_2024.html
## AUTOREN
(DIR) Harff-Peter Schönherr
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