# taz.de -- Über Gleichzeitigkeit und ihre Grenzen: Applaus gegen das Ende der Zeit
       
       > Im Wohnzimmer läuft die Quizshow, im Kopf rauscht der Stream. Eine Suche
       > nach dem Moment, wo wir alle wirklich gleichzeitig präsent sind.
       
 (IMG) Bild: Alltag in der Endlosschleife der Bildschirme?
       
       Ein [1][„Tatort“]-Kommissar macht in der Quizshow einen Punkt gegen eine
       Lehrerin aus Meppen. Sie ist eine Person aus dem Volk und schäkert dennoch
       ganz locker mit den Promis. Das weckt im Moderator inszeniertes Entzücken.
       Er leitet den Affekt gekonnt an die Zuschauer weiter, die jetzt nach jeder
       Aussage der Frau frenetisch klatschen. Ich schaue zu meiner Mutter. Sollen
       wir nicht lieber die Sitcom in der Mediathek schauen?
       
       Wir leben in unterschiedlichen Zeiten. Auf ZDF dauert der Tag bis 1.35 Uhr
       – in den Streams hört er nie auf. Meine Mama lebt in der Wirklichkeit des
       linearen Fernsehens, ich in einer Art Wurmloch. Hier existiert die alte
       TV-Bundesrepublik nur noch als Meme, das ironisch weggelächelt wird. Wenn
       meine Mutter schlafen geht, weiß ich nie, wann Schluss ist. Endlose
       Gegenwart. Irgendwie einsam.
       
       Vielleicht war Gleichzeitigkeit nie echt – nur ein Symptom menschlicher
       Langsamkeit. Doch Langsamkeit ermöglicht, zusammen zu sein – und wenn es
       nur diese Quizshow ist und die anonyme Masse, die sie anschaut.
       
       Ich liebe diese Momente auf dem Sofa meiner Mama – hier wartet die Welt
       kurz, bevor sie weiterläuft. Dabei haben die Maschinen die Gegenwart längst
       übernommen. Und niemand hat dafür die [2][„Tagesschau“] unterbrochen. Der
       Körper hinkt hinterher, ein vergessenes Betriebssystem, das nur noch fühlt,
       was es nicht mehr versteht.
       
       Ich frage mich, wann ich aufgehört habe, Zeit zu spüren. Vielleicht, als
       alles gleichzeitig wurde. Als Kind hätte ich das aufregend gefunden. Da
       konnte ich nicht ahnen, dass ich eines Tages Sitcoms binge oder okay damit
       bin, meine Freund*innen mehr auf Fotos zu sehen als IRL. Oder dass ich
       Rituale liebe, Raves oder Beerdigungen, egal; Hauptsache, ein kollektives
       Jetzt. Wie zum Schluss einer Sitcom, wenn sich alle Figuren in derselben
       Küche treffen – bevor alle wieder ins eigene Leben verschwinden. So wie
       ich, wenn ich das Sofa meiner Mutter verlasse und damit eine Ära.
       
       ## Ich bereite mich auf das Sterben vor
       
       Meistens laufen die Zeiten nebeneinanderher – bis alles aufeinander zurast:
       Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Wie letztens im Flixbus nach Brüssel.
       Die Passagiere sind vertieft in ihre eigenen Zeiten. Regentropfen prasseln
       gegen die Fenster wie übertrieben lautes ASMR. Das Handy des Busfahrers
       klingelt. Hektisch zieht er das Headset auf.
       
       In dem Moment schwankt der Bus nach rechts, mein Körper kippt zur Seite.
       Ein schrilles Quietschen im ganzen Bus. Rote Funken spritzen im Fenster bis
       auf Kopfhöhe. Die Felgen schleifen über die Betonabsperrung. Jemand
       schreit.
       
       Ich bereite mich auf das Sterben vor. Wird das Letzte, was ich sehe, die
       deutsche Autobahn sein? Der Fahrer reißt das Lenkrad nach links. Wir sind
       wieder in der Spur. Ich drehe mich um, schaue in entrückte Gesichter. Für
       einen Moment teilen wir nicht nur den Raum, auch die Zeit. Dann greifen
       alle zu ihren Handys. Ich auch. Die Wirklichkeit ist irgendwie realer, wenn
       sie geteilt wird. Oder?
       
       Irgendwo klatschen sie jetzt sicher in einer [3][Quizshow], vielleicht ja
       auch für uns. Ich habe überlebt. Alle [4][Darstellerinnen von Sitcoms]
       werden irgendwann gestorben sein – und mit ihnen die Illusion von
       gemeinsamer Zeit. Ich scrolle. Und scrolle. Und scrolle. Der Regen hat
       aufgehört. Krass, es gibt voll viele Reels von Busunfällen.
       
       12 Oct 2025
       
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 (DIR) Philipp Rhensius
       
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