# taz.de -- Tödlicher Brandanschlag in Lübeck: Mord verjährt nicht
> Am 18. Januar 1996 starben bei einem Anschlag auf eine Asylunterkunft in
> Lübeck zehn Menschen. Dafür verurteilt wurde bis heute niemand.
(IMG) Bild: Kameras vor der ausgebrannten Hafenstraße 52. Lübeck, 19. Januar 1996
Esperança Bunga kann nicht abschließen mit der Nacht vom 18. Januar 1996.
Als Kleinkind lebte sie damals mit ihrer Familie in einer
Geflüchtetenunterkunft in der Hafenstraße 52 in Lübeck. Dann [1][schlossen
Flammen mitten in der Nacht mehr als 50 Menschen ein]. In Todesangst
versuchte sich Bungas angolanische Mutter Monique Maiamba durch einen
Sprung aus dem dritten Stock zu retten, im Arm Bungas siebenjährige
Schwester Nsuzana. Beide überlebten den Sturz nicht. Esperança Bunga, ihren
Vater und ihre zweite Schwester konnte die Feuerwehr retten.
Heute ist Bunga Anfang 30 und sagt: „Seit vielen Jahren fahre ich am
Jahrestag nach Lübeck, um zu demonstrieren. Es ist sehr ermüdend, dass
unsere Forderungen nach Aufklärung noch immer abgewehrt werden.“
Drei Erwachsene und sieben Kinder starben damals, 38 Bewohner*innen wurden
teils schwer verletzt. Genau 30 Jahre liegt dieser [2][tödlichste
Brandanschlag in der Bundesrepublik] zurück. Doch wer das Feuer legte, ist
juristisch ungeklärt. Es ist diese Leerstelle, die Esperança Bunga und
weitere Hinterbliebene nicht loslässt. „Wir wollen nicht mehr warten“, sagt
Bunga. „Mein Vertrauen in die Justiz ist komplett erschüttert.“
Für die Justiz und die Politik in Schleswig-Holstein sind die Ermittlungen
abgeschlossen. Die Petition für einen Untersuchungsausschuss, die von der
Lübecker Initiative [3][Hafenstraße ’96] auf den Weg gebracht und von gut
10.000 Menschen unterzeichnet wurde, findet im Landtag keine Mehrheit. Jan
Kürschner, Grünen-Abgeordneter und Vorsitzender des Rechts- und
Innenausschusses, sagt: „Ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss ist
kein Ersatzgericht.“ Gerechtigkeit lasse sich darüber nicht herstellen.
„Ein Untersuchungsausschuss nach 30 Jahren kommt zu spät und brächte zu
wenig an wünschenswerter Aufklärung für die Hinterbliebenen, Überlebenden
und die Öffentlichkeit.“ Auch der SPD-Innenpolitiker Niclas Dürbrook ist
"skeptisch, ob ein Untersuchungsausschuss uns in der Sache wirklich weiter
bringen würde".
## Auch vier Rechtsextreme waren verdächtig
Dieser Einschätzung widerspricht der Rostocker Anwalt und Linke-Politiker
Michael Noetzel. Als Obmann seiner Fraktion im Untersuchungsausschuss
Rechtsterrorismus des Landtags Mecklenburg-Vorpommern hat er sich mit dem
damaligen Vorgehen der Behörden befasst. Bis heute steht nämlich die Frage
im Raum, ob vier Rechtsextreme aus Grevesmühlen in Mecklenburg-Vorpommern
für den Anschlag verantwortlich sind. Noetzel fordert: „Die vielen
Ungereimtheiten, die wir in den Akten gesehen haben, sollten Anlass für den
Landtag in Kiel sein, einen Untersuchungsausschuss einzusetzen.“
Bislang stand nur ein einziger Mann wegen des Anschlags vor Gericht, ein
damaliger Bewohner aus dem Libanon, weil ein Sanitäter behauptete, dieser
habe ihm die Tat gestanden, angeblich begangen wegen eines Streits mit
einem Mitbewohner. In zwei Instanzen wurde der damals 20-Jährige, der stets
seine Unschuld beteuerte, freigesprochen. Im Urteil vom November 1999 hieß
es, es sei unklar, ob das Geständnis wirklich so erfolgte. Einen Streit
unter den Bewohner*innen habe es nicht gegeben. Andere belastbare Indizien
gebe es nicht, auch kein erkennbares Motiv – sondern „gewichtige Umstände“,
die für seine Unschuld sprächen. Rechtsanwältin Gabriele Heinecke, die den
Libanesen verteidigt hatte, sagt heute: „Es hat nie ergebnisoffene
Ermittlungen in Richtung eines rechtsgerichteten, rassistischen Tatmotivs
gegeben.“
Dabei gab es früh auch andere Verdächtige: vier junge Männer aus der
rechten Szene im nahen Grevesmühlen. Noch in der Tatnacht waren drei von
ihnen von der Polizei unter den Schaulustigen vor der brennenden Unterkunft
kontrolliert worden. Am Folgetag nahmen Beamte das Quartett kurzzeitig
fest. An den Haaren, Augenbrauen und Gesichtern dreier der Männer waren
Brandspuren. Einer der Rechten, Maik W. – Spitzname „Klein Adolf“ – gestand
später mehrfach die Tat. Kurz darauf zog er seine Geständnisse wieder
zurück.
Maik W. saß im Frühjahr 1998 wegen anderer Straftaten in der JVA
Neustrelitz ein, als Vollzugsbeamte einen Brief abfingen. So geht es aus
Ermittlungsunterlagen hervor, die die taz einsehen konnte. Ein
Mitinhaftierter schrieb, W. habe gestanden, das „Asylantenheim“ in Lübeck
mit angezündet zu haben. Es sei „richtig geil“ gewesen, „wie die Mollis da
reingekracht sind“.
## Fragwürdiges Vorgehen der Polizei
Zehn Tage später gestand W. selbst die Tat bei seinem Abteilungsleiter in
der JVA. Er habe diese mit drei Freunden begangen, mit Dirk T., René B. und
Heiko P., sagte der damals 19-Jährige. Zwei seiner Kumpel seien von
Bewohnern des Heims bei Drogengeschäften „beschissen“ worden. Er selbst
habe am Tattag zwei Flaschen Feuerzeugbenzin geklaut. Zu viert hätten sie
dann einen Golf gestohlen und seien zur Unterkunft gefahren. Er habe, sagte
W., 100 Meter vor dem Heim die Straße überwacht, René B. und Heiko P. seien
durch ein Fenster ins Erdgeschoss eingestiegen und hätten mit dem Benzin
den Holzboden angezündet. Er sage aus, weil er Angst habe, dass das
„irgendwann sowieso mal rauskommen würde“, sagte W.
Einen Tag später wiederholte er sein Geständnis vor zwei Polizisten und
einem Staatsanwalt. Eindringlich ermahnten ihn die Polizisten, dass er die
Wahrheit sagen solle – mit Verweis auf die strafrechtlichen Folgen einer
Falschaussage. Er habe den Eindruck, man glaube ihm nicht, sagte W. darauf
verärgert. Dann sei es eben gelogen. Drei Tage später rief W. bei den
Ermittlern an und sagte, alles sei gelogen gewesen. Der Abteilungsleiter
der JVA sagte später, er habe den Eindruck gehabt, die Ermittler hätten W.
dessen Geständnis ausreden wollen.
Im Juli 1998 veröffentlichte der Spiegel ein Interview mit W., in dem
dieser erneut die Tat gestand: „Es ist eben passiert, fertig.“ Wieder
rückten die Ermittler in der JVA an – W. aber sagte, er hätte dem
Spiegel-Redakteur nur von seinem alten Geständnis berichtet und dafür 500
D-Mark bekommen. Er fühle sich „gelinkt“. Die anderen Rechten hatten die
Tat stets bestritten. Die Brandspuren an den Haaren hatten sie mit dem
Anheizen eines Ofens oder dem Anzünden eines Hunds begründet.
2001 stellte die Staatsanwaltschaft Lübeck die Ermittlungen gegen die vier
endgültig ein. Der Verdacht habe sich nicht erhärten lassen. Bis heute hält
sie an der von einem renommierten Brandgutachter widerlegten These fest,
der Brand sei im ersten Stock ausgebrochen. Das Oberlandesgericht
Schleswig-Holstein wies 2002 einen Antrag auf ein Klageerzwingungsverfahren
zurück. Anwältin Gabriele Heinecke hatte den gestellt. Heinecke sagt heute,
wichtige Beweise seien im Verantwortungsbereich der Staatsanwaltschaft
verschwunden – etwa die versengten Haare der vier Neonazis oder der Draht,
mit dem eine im Vorbau gefundene Leiche umwickelt war. Aber, sagt Heinecke:
„Mord verjährt nicht.“
## Gedenken und Demo am Tatort
Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Lübeck sagt auf taz-Anfrage, dass es
damals „erhebliche Zweifel“ an der Glaubwürdigkeit von Maik W.s
Geständnissen gab. Auch sonst hätten nicht die Voraussetzungen für eine
Anklage vorgelegen. Weitere Ermittlungsansätze habe es nicht gegeben.
Schleswig-Holsteins Justizministerin Kerstin von der Decken (CDU) sagt, es
sei für die Betroffenen und sie selbst „schwer zu ertragen“, dass die Tat
nicht aufgeklärt wurde. Die Frage nach dem Warum bleibe zentral – und die
Tat eine Mahnung, „für den Schutz aller Schutzbedürftigen einzutreten“. Ob
von der Decken aber für neue Ermittlungen und einen Untersuchungsausschuss
eintritt, ließ ein Sprecher offen.
Der Grünen-Abgeordnete Kürschner, dessen Partei in Schleswig-Holstein
mitregiert, will zumindest „darauf hinwirken“, dass der Fall noch mal durch
eine „Cold Case Unit“ geprüft wird. Auch SPD-Mann Dürbrook wünscht sich,
dass der Fall "nicht dauerhaft zu den Akten gelegt, sondern durch Polizei
und Staatsanwaltschaft regelmäßig auf neue Ermittlungsansätze überprüft
wird". Die Angehörigen der Anschlagsopfer hätten auch nach 30 Jahren noch
ein Recht auf Antworten verdient. Der ungeklärte Anschlag sei eine "offene
Wunde", so Dürbrook. Die Ermittlungspannen und Versäumnisse seien "nicht
nur aus heutiger Sicht extrem ärgerlich".
Die Initiative Hafenstraße ’96 startete derweil die Kampagne
[4][#zeitzureden] auf Social Media und mit Großplakaten in Lübeck. Alle,
die etwas zur Tat wüssten, sollten sich melden, fordern sie. Vielleicht
gebe es so doch noch die Chance auf neue Ermittlungen. Die Initiative lädt
am Jahrestag zu einem Gedenken am Tatort – und zu einer Demonstration. Auch
Esperança Bunga will daran teilnehmen, um Aufklärung zu fordern. Endlich
Aufklärung.
18 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Brandanschlag-in-Luebeck-1996/!5741659
(DIR) [2] /Brandanschlag-in-Luebeck-1996/!5741659
(DIR) [3] https://hafenstrasse96.org/
(DIR) [4] https://hafenstrasse96.org/pressemitteilung-zeitzureden/
## AUTOREN
(DIR) Konrad Litschko
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