# taz.de -- Gespräch über linke Fußballkritik: „Wir sprechen von Ultras als Avantgarde“
> Die Kommerzialisierung des Fußballs findet kaum ein Fan gut. Wie geht
> Veränderung? Ein Gespräch mit den Autor:innen von „Matchplan Meuterei“.
(IMG) Bild: Ultras – zwischen Kommerz und Widerstand
taz: Raphael Molter, Lara Schauland, Sie haben eine „materialistische
Fußballkritik“ geschrieben. Was hat Fußball mit Marx zu tun?
Raphael Molter: Im Fußball werden Kämpfe geführt. Es geht darum, wem der
Fußball und die Räume gehören und in welchen Schranken Emotionalität und
Protest stattfinden dürfen. Wir nutzen die Theorie des Marxismus als
Analyse- und Kritikwerkzeug und schauen uns die Fanproteste der letzten
Jahre an. Fußball ist zwar Ware, aber eine, bei der die Fans nicht nur
konsumieren, sondern das Ganze mitproduzieren.
Lara Schauland: Fußball spielt eine fundamentale Rolle in unserer
Gesellschaft. Über 30 Millionen Menschen in Deutschland behaupten, Fan zu
sein, jedes Wochenende werden Stadien mit Zehntausenden gefüllt. Einen
vergleichbaren Ort, an dem so viele Menschen regelmäßig zusammenkommen,
gibt es sonst nicht. Es ist wichtig, den Fußball als ein Feld zu begreifen,
auf dem Veränderung möglich und notwendig ist.
taz: Und wohin soll diese führen?
Schauland: Wir wollen niemandem etwas aufdrücken. Aber viele Fans haben ein
Bedürfnis nach Veränderung. Wenn wir über Kommerzialisierung oder
Entfremdung sprechen, sind sich die meisten szenenübergreifend einig: Der
Fußball ist immer mehr am Markt orientiert, nicht mehr an den Fans, sondern
im Zweifel eher an Menschen, die in China sitzen und sich Fußball online
angucken zum Beispiel. Oder, dass die 50-plus-1-Regel ein Heiligtum ist.
taz: Also die DFL-Regel, dass die Mehrheit der Stimmanteile an einer
ausgegliederten Profiabteilung immer in den Händen der Vereinsmitglieder
liegen muss.
Molter: Viele aktive organisierte Fans bringen eine Art von Klasseninstinkt
mit, der sich in ihren Werten wiederfindet: Solidarität, Kollektivität,
Identifikation. Dennoch verstehen sich viele als unpolitisch. Da sehen wir
ein fehlendes Klassenbewusstsein. Der Weg zu einer bundesweiten Fanbewegung
ist noch weit. Es gibt vielerorts schon basisdemokratische Organe, das sind
aber so gut wie immer Mitmachfallen.
taz: Also das Gegenteil dessen, was Sie sich vorstellen?
Schauland: Die Proteste gegen den DFL-Investoreneinstieg oder rund um die
[1][vergangene Innenministerkonferenz (IMK)] waren Abwehrproteste, um etwas
zu verhindern, und weniger, um eigene Ideen anzustoßen. Sie wurden zwar als
erfolgreiche soziale Bewegung in Deutschland bezeichnet, doch letztlich
ging es nur um Minimalforderungen. Unsere Vorstellung von einer Veränderung
im Fußball ist eine, die mit neuen Ideen nach vorne geht.
taz: Und welche wären das?
Schauland: Nach unserer Analyse bleibt die Frage, wie stark sich der
Fußball innerhalb des kapitalistischen Systems überhaupt verändern lässt.
Es geht letztlich um eine andere Organisation des Fußballs, mit
rätedemokratischen Strukturen. Eine Stärkung der Vereine kann eine wichtige
Keimzelle für realdemokratische Prozesse sein.
taz: Inwieweit kann es um mehr gehen als nur um Fußball?
Schauland: Fußball und Fanszene existieren jetzt schon nicht losgelöst von
der jeweiligen Stadtgesellschaft. Die Bereitschaft, sich einzubringen, ist
da. Gerade in kleineren Städten gibt es Überschneidungen mit sozialen
Bewegungen, Kampagnen oder Spendenaktionen. Ultras haben auch schon eine
große Rolle in gesellschaftlichen Umbrüchen gespielt, zum Beispiel bei den
Gezi-Protesten in der Türkei 2013, die sie teilweise angeführt haben.
Molter: Wird die Meinungsfreiheit eingeschränkt, kann das Stadion eine gute
Möglichkeit bieten, politischen Willen zu artikulieren. Doch die
natürlichen Rivalitäten zwischen den Fangruppen machen es oft schwer,
vereinsübergreifende Absichten politisch wirksam zu machen. Die
Ernsthaftigkeit, die die Ultras mit dem Fandasein verbinden, könnte aber
trotzdem etwas schaffen, das darüberstehen kann. Deshalb sprechen wir auch
von Ultras als Avantgarde. Sie können solche notwendigen Bündnisse
schaffen.
taz: Welche Rolle könnten die Spieler selbst übernehmen?
Molter: [2][Beispiel DFL-Investorensuche]: Die Proteste zielten auch darauf
ab, dass die Verwertung des deutschen Profifußballs noch stärker
angekurbelt werden sollte. Darunter leiden auch – bis auf die mit extrem
hohen Gehältern – die Spieler:innen. Mit der erhöhten Dichte an Spielen
steigt die Verletzungsgefahr. Mit Bündnissen könnte man nicht nur von den
Tribünen aus Druck machen, sondern [3][mit den entscheidenden Akteuren
zusammen].
taz: Beim Thema IMK müssen wir auch über Gewalt sprechen. Man kann nicht
leugnen, dass sie im Stadion auftritt. Was gehört zur Fußballkultur, was
nicht?
Schauland: Gewalt ist ein relevanter Teil der Fankultur. Doch körperliche
Gewalt im Stadion ist tatsächlich selten. Im Stadion kommt die Gewalt gegen
Fans meist von der Polizei. Ganz viele Situationen werden durch Polizei
eskaliert, deutlich mehr Menschen werden durch Reizgas verletzt als durch
Pyrotechnik. Was verbale Gewalt angeht, gibt es definitiv
Grenzüberschreitungen, etwa rassistische Äußerungen. Zudem ist es ein Raum,
der stark durch Männlichkeit geprägt ist. Da muss sich etwas verändern. Als
Frau, die seit 15 Jahren zum Fußball geht, habe ich mich aber noch nie
unsicher gefühlt.
taz: Dass es auch rechtsextreme Fanszenen gibt, klammern Sie in Ihrem Buch
lieber aus?
Molter: Wir wissen schon von Leuten, die definitiv in organisierten rechten
Kreisen unterwegs sind, aber darum geht es an der Stelle nicht. Du kannst
der Fanbewegung nicht einen antifaschistischen Charakter andichten, den sie
nicht hat.
Schauland: Wir wollen die Leute mit unseren Argumenten und Gedanken
überzeugen. Es geht darum, linke, progressive Strukturen an den einzelnen
Standorten zu stärken. Selbst die Fanszenen, die wir als rechts begreifen,
sind oft doch relativ heterogen. Es ist oft eher eine Frage von
Machtverhältnissen.
taz: Das Ziel in den Stadien ist mittlerweile oft, ein
„familienfreundliches“ Umfeld zu schaffen durch teurere Tickets. Wäre das
das Ende jeglicher Fußballkultur?
Schauland: Es geht dabei darum, das Produkt besser zu vermarkten,
attraktiver für Sponsoren zu sein und das Spiel zu kontrollieren. Wo Gewalt
stattfindet, kann weniger kontrolliert werden. Bei den Protesten in der
Türkei haben Ultras einen wichtigen Teil eingenommen, weil sie sich durch
die Erfahrung mit Polizeigewalt zu wehren wussten. Dass Menschen durch hohe
Ticketpreise ausgegrenzt werden oder sie sich nicht leisten können, sich im
Stadion was zu trinken zu kaufen, findet übrigens auch gewaltvoll statt.
taz: Ein [4][Genossenschaftskonzept wie bei St. Pauli] wäre doch auch eine
Fußballalternative?
Molter: St. Pauli versucht, die zentrale Infrastruktur des Vereins über
Gelder der eigenen Fans zu finanzieren. Das Problem ist, dass St. Pauli
explizit nicht das gesamte Organisierungsmodell des Vereins umstellt. Der
Spielbetrieb wie die Profiabteilung sind nicht Teil der Genossenschaft. Das
ist die klassische Mitmachfalle. Würde man den Teil mit reinnehmen, dann
hätte man tatsächlich eine gute Realutopie im Fußball geschaffen.
taz: Aber läuft der Fußball dann nicht Gefahr, eventuell schlecht und
irrelevant zu werden?
Schauland: Man kann den Fußballverein auch als Ort der Gemeinschaft
verstehen und andere Ziele als sportlichen Erfolg verfolgen. Vielleicht
landet der Verein in der Regionalliga, aber man hat etwas anderes
dazugewonnen: einen Ort, an dem alle gerne sind, sich einbringen wollen und
persönlich profitieren.
Molter: Die ersten Fußballherren eines Vereins haben meist das Ziel:
maximaler sportlicher Erfolg. Das sollte aber in Relation stehen zu
erfolgreicher Jugendarbeit und tief verankerter Vereinsidentität. Natürlich
klingen manche Alternativmodelle oft nach einem Ende der Professionalität.
Aber es gibt viele Profivereine, die so dilettantisch geführt werden. Warum
dann nicht mal etwas Sozialismus wagen im Fußball?
„Matchplan Meuterei – Fußballfans zwischen Kommerz und Widerstand“ ist
Oktober 2025 im Papyrossa Verlag erschienen.
22 Jan 2026
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