# taz.de -- VfB Stuttgart in der Bundesliga: Danke, lieber Fußball, dass du meine Sandbank im Alltag bist
       
       > Fußball mit allen noch so irren Momenten erhält meinen Glauben daran,
       > dass die Welt vielleicht doch nicht so scheiße ist. Vor allem, wenn der
       > VfB spielt.
       
 (IMG) Bild: Gänsehautmoment für den VfB-Fan: Das Tor zum Klassenerhalt schießt Wataru Endo in der allerletzten Minute, am 14.5.2022
       
       Wenn ich zum Ende eines Wochenendes im Kalender meines Handys auf die
       folgenden sieben Tage blicke, gibt es verschiedene Dinge, die ihnen
       Struktur geben: private Verabredungen, mein eigenes Sportprogramm und
       natürlich die Arbeit.
       
       Und dann sind da noch Termine in hübschem Orange, eingetragen wie von
       Geisterhand. „BL: VfB Stuttgart – RB Leipzig“ steht dort diese Woche zum
       Beispiel. Sonntagabend, 19.30 Uhr. Die orangen Einträge im Handykalender
       markieren für mich kleine, besonders freudige Meilensteine in jeder Woche.
       Kleine Sandbänke, auf denen ich im oftmals reißenden Strom des Alltags kurz
       innehalten kann.
       
       Jetzt ist es so, dass meine Wahl bei der Suche nach einem Lieblingsverein
       [1][vor mehr als zwanzig Jahren auf den VfB Stuttgart gefallen] ist,
       [2][Cacau sei Dank]. Sportlich läuft es da gerade ganz gut. [3][Pokalsieger
       2025], Achtelfinale der Europa League, Pokalhalbfinale. Ich erinnere mich
       aber an Zeiten, in denen die Sandbänke im Strom des Alltags oft halb
       weggeschwemmt oder von Schlamm bedeckt waren, mit dem Präsidium und Fans
       sich gegenseitig bewarfen.
       
       Da spielte der VfB samstags um 13 Uhr in Osnabrück – und verlor 1:0. Da
       arbeiteten die Spieler hauptberuflich als Aufbaugegner für kriselnde
       Vereine. Und doch gab es da diese Hoffnung, dass zumindest für einen kurzen
       Moment alles gut werden könnte. Erstmal nur im Neckarstadion, aber wieso
       nicht irgendwann auch in der Weltpolitik?
       
       Generell besteht ein großer Teil des Daseins eines Fußballfans daraus, sich
       mehr oder weniger begründet an Strohhalmen der Hoffnung festzuklammern.
       Innerhalb von 90 Minuten (zur Not auch 120 plus Elfmeterschießen) kann man
       verdammt viele Emotionen erleben.
       
       Früher Rückstand? Klar, holen die noch auf. 0:3 zur Pause? Na gut, die
       anderen haben auch drei Tore in einer Halbzeit geschossen. Auswärtsspiel
       bei den Bayern? Heute muss doch der Tag sein, wo der Fußballgoliath
       wackelt.
       
       Dieses Loslösen von jeglicher Rationalität ist es, was die orangen Einträge
       in meinem Kalender zu so besonderen Ereignissen macht, an die ich teilweise
       noch Monate und Jahre später zurückdenke. Beispiel gefällig? Am letzten
       Spieltag der Saison 2021/22 spielt der VfB zu Hause gegen Köln und muss für
       den direkten Klassenerhalt gewinnen, die Berliner Hertha muss gleichzeitig
       verlieren. In der Nachspielzeit, Spielstand 1:1, bekommt der VfB eine
       letzte Ecke.
       
       Ich sitze auf dem WG-Sofa, vor Nervosität eher auf dem vordersten Ende der
       Sofakante. Der Ball segelt in den Strafraum, wird an den zweiten Pfosten
       verlängert und findet dort den Kopf von Wataru Endō. 2:1. Stuttgart bleibt
       erstklassig. Ich springe vom Sofa auf, Jubelschrei.
       
       Noch heute bekomme ich Gänsehaut, wenn ich an diesen Moment denke. Dieser
       kurze Moment, in dem der Ball in den Strafraum segelt, dann der Einschlag
       im Tor. Das fühlt sich im Nachhinein an wie mehrere Minuten, die
       Wiederholung der Szene habe ich inzwischen sicherlich hundert Mal gesehen.
       Und will jedes Mal wieder zurückspulen.
       
       Der Tag hätte anders enden können, mit einem Stuttgarter Unentschieden
       etwa, ich hätte das Spiel vermutlich wenige Tage oder Wochen später
       abgehakt – und mich im Verlauf der Sommerpause vielleicht sogar ein kleines
       bisschen auf die folgende Zweitligasaison gefreut. [4][In einem Lied der
       Band Fortuna Ehrenfeld heißt es]: „In ein paar wenigen Minuten, an diesen
       ganz besonderen Tagen, ist die Welt gar nicht so scheiße, wie sie alle
       immer sagen.“
       
       Für mich ist es der Fußball mit allen noch so unwahrscheinlichen Momenten,
       der meinen Glauben daran erhält. Natürlich ist die Fallhöhe beim Fußball
       gering, vielleicht ist genau das befreiend. Als Zuschauer:in darf man
       verschiedenste Gefühlsausschläge in kürzester Zeit erleben, ohne dass es
       dabei um Leben oder Tod, sondern maximal um ein paar Tage schlechte Laune
       und eben drei Punkte weniger geht.
       
       Ich bin kein sonderlich guter Schwimmer, weder im Schwimmbad noch im Strom
       des Alltags. Deshalb bewundere ich Menschen, die keine orangen Inseln im
       Kalender haben wie die Bundesliga oder die Europa League. Aber sie tun mir
       auch etwas leid, weil sie so lange, anstrengende Strecken aus Politik und
       Leben am Stück schwimmen müssen, ohne dass ein Last-Minute-Tor wie das von
       Endo ihnen kurz Halt und Ablenkung gibt.
       
       15 Mar 2026
       
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