# taz.de -- Schauprozess in Vietnam: 17 Jahre Haft für vietnamesische Journalisten
> Am Mittwoch wurden fünf Journalisten in Hanoi zu langen Haftstrafen
> verurteilt. Zwei von ihnen leben in Deutschland unter Polizeischutz.
(IMG) Bild: Im Visier der vietnamesischen Justiz: Nguyen Van Dai
Die beiden in Deutschland lebenden vietnamesischen Publizisten Trung Khoa
Le und Nguyen Van Dai sollen 17 Jahre in Haft. So hat es am Silvestertag
das Volksgericht Hanoi nach nur einem Verhandlungstag in Abwesenheit der
beiden Männer entschieden. Für Nguyen Van Dai kommen noch zwölfeinhalb
Jahre Haft und fünf Jahre Hausarrest hinzu. Denn diese Zeit hat er von
seiner letzten Haftstrafe wegen regierungskritischer Tätigkeit nicht
verbüßen müssen, weil ihm Hanoi als Geste des guten Willens gegenüber der
Bundesregierung 2018 die Ausreise aus der Haft heraus nach Deutschland
erlaubt hatte.
[1][Das Vergehen der Männer: ihre publizistische Tätigkeit von Deutschland
aus]. In Berichten und investigativen Recherchen setzen sich die beiden
hier kritisch mit der Politik und Wirtschaft Vietnams auseinander und
publizieren interne Regierungsdokumente, die ihnen aus Hanoi zugespielt
werden. In der Sprache des Volksgerichtes heißt das „das Verbrechen der
Herstellung, Aufbewahrung, Verbreitung und Weitergabe von Informationen und
Dokumenten, die sich gegen die Sozialistische Republik Vietnam richten“.
Dem Berliner Journalisten Trung Khoa Le, Chefredakteur [2][des Berliner
Internetmagazins Thoibao.de], wird auch vorgeworfen, durch „künstliche
Intelligenz und Deep-Fake-Technologie Stimmen und Bilder von Partei- und
Staatsführern imitiert“ zu haben. Das Gericht sprach in diesem Zusammenhang
von „verzerrten Informationen, um“ diese zu verunglimpfen und „Panik in der
Öffentlichkeit zu verbreiten.“ Gemeint sind damit [3][satirische
Animationsvideos, in denen vietnamesische Politiker durch
Zeichentrickfiguren dargestellt werden] und fiktive Gespräche führen.
Beide Männer leben in Deutschland unter Polizeischutz und werden nicht nach
Vietnam ausgeliefert. Einer von ihnen ist sogar deutscher Staatsbürger.
## Auch in Vietnam lebende Journalisten verurteilt
Schlimmer sieht es für drei Männer aus, denen Hanoi vorwarf, für Thoibao.de
von Vietnam bzw. Thailand aus gearbeitet zu haben. Sie sitzen seit dem
Herbst in Untersuchungshaft und wurden zu Haftstrafen zwischen fünfeinhalb
und sieben Jahren verurteilt. Amnesty International spricht von
„unterschiedlichen, aber in der Regel schlechten“ Haftbedingungen in
Vietnam und nennt beispielsweise mangelndem Zugang zu Trinkwasser und
Medikamenten, überfüllte Zellen und Folter.
Zudem berichten vietnamesische Medien, dass in den letzten Tagen zahlreiche
Menschen in Vietnam zu Polizeiverhören vorgeladen und zu Geldstrafen
verurteilt wurden, die Medieninhalte der beiden in Deutschland lebenden
Männer auf Facebook kommentiert und geteilt hatten.
Bei der taz meldete sich ein in Deutschland lebender Vietnamese. Er sei
nach seiner Vietnamreise im Dezember bei der Ausreise zu seinen
Facebook-Kommentaren verhört worden, die er in Deutschland geschrieben
hatte. Das ist offensichtlich nicht der erste Vorfall dieser Art, denn
solche Fälle finden sich bereits in den [4][Reise- und Sicherheitshinweisen
des Auswärtigen Amtes zu Vietnam]. „Ich stehe jetzt vor der Wahl, mein
Onlineverhalten zu ändern oder nicht mehr nach Vietnam zu reisen“, sagte
der Mann der taz.
## Menschenrechtsorganisation drängt auf Stellungnahme der Bundesregierung
[5][Die auf Vietnam spezialisierte Menschenrechtsorganisation VETO! mit
Sitz in Hessen] erklärt, die „beiden in Deutschland lebenden
vietnamesischen Andersdenkenden“ hätten nicht gegen deutsches und
internationales Recht verstoßen, „wenn sie ihre Meinungen zu der
politischen Situation in Vietnam artikulieren“. Denn anders als in Vietnam
sei das Recht auf freie Meinungsäußerung in Deutschland ein hohes Gut.
„Die Bundesregierung sollte diesen Unterschied in aller Deutlichkeit
kundtun, im Leisen und öffentlich, auf bilateraler und multilateraler
Ebene, damit Vietnam nicht in Versuchung komme, seine transnationale
Repression mithilfe anderer Staaten auszuweiten. Die aktuellen Fälle machen
deutlich, wie weit das aktuelle Mitglied des UN-Menschenrechtsrates Vietnam
trotz Lippenbekenntnissen von der Universalität der Menschenrechte entfernt
ist“, so VETO!
[6][Für den verurteilten Publizisten und Menschenrechtler Nguyen Van Dai]
stehen die Verurteilungen für „Hilflosigkeit und Verzweiflung“ von Vietnams
Parteichef To Lam „im Umgang mit abweichenden Meinungen“, schreibt er auf
Facebook.
Transparenzhinweis: Die Autorin arbeitet auch für das vietnamesische
Internetmedium Thoibao.de, dessen Chefredakteur der Verurteilte Trung Khoa
Le ist.
1 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Schauprozess-in-Vietnam/!6141827
(DIR) [2] https://thoibao.de/
(DIR) [3] https://www.facebook.com/reel/1679447265986977
(DIR) [4] https://www.auswaertiges-amt.de/de/service/laender/vietnam-node/vietnamsicherheit-217274
(DIR) [5] https://veto-network.org/
(DIR) [6] /Vietnamesischer-Dissident/!6134749
## AUTOREN
(DIR) Marina Mai
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