# taz.de -- Grüne in Mecklenburg-Vorpommern: Keine Zeit für Zimperlichkeit
       
       > Die Grünen haben in dem von der extrem rechten AfD dominierten ländlichen
       > Raum von Mecklenburg-Vorpommern einen schweren Stand. Ein Ortsbesuch.
       
 (IMG) Bild: So schön kann Blau sein: Jana Klinkenberg (Grüne) vor Idylle
       
       Jana Klinkenberg kurvt mit ihrem kleinen E-Auto durch die engen Gassen von
       Teterow. Malchiner Tor, Rostocker Tor, die Stadtkirche aus dem Mittelalter,
       das neobarocke Rathaus mit dem Hechtbrunnen, dem geografischen Mittelpunkt
       Mecklenburg-Vorpommerns. Es geht durchaus rasant durch das
       8.200-Einwohner-Städtchen, gut 50 Kilometer südlich von Rostock. „Hübsch
       hier, oder?“, sagt Klinkenberg.
       
       Nach wenigen Minuten ist die automobile Stadtbesichtigung abgeschlossen.
       Die 31-Jährige ist nun auf geradem Weg nach Teschow, ein abgelegener
       Ortsteil von Teterow, Klinkenbergs Zuhause. Teschow – das sind vier
       Straßen, eine große Privatklinik im ehemaligen Gutshaus, ein an diesem
       Winternachmittag verwaister Golfplatz, sehr viel Weite, sehr wenig
       Menschen. Und auch hier: alles idyllisch, alles hübsch.
       
       Trotzdem hat sich Klinkenberg für ihr Grundstück jetzt Überwachungskameras
       angeschafft. Sicher ist sicher. Denn sie ist eine von „vielleicht zehn“
       Grünen-Mitgliedern in Teterow. Vor allem aber will sie bei der Landtagswahl
       in Mecklenburg-Vorpommern Ende September für die Partei ins Landesparlament
       einziehen. Ihre zutreffende Selbstbeschreibung: „Ich bin gern laut und
       präsent.“ Diese Präsenz könnte für sie als Grüne gefährlich werden.
       
       Unterdurchschnittliche Wahlergebnisse, schwache Parteistrukturen, riesige
       Landkreise: Für die Grünen aktiv zu sein, ist in Mecklenburg-Vorpommern –
       wie generell in Ostdeutschland – kein heiterer Spaziergang. Das war es noch
       nie. In den vergangenen Jahren ist aber [1][ein fast flächendeckender Hass
       auf die Partei und ihre Vertreter:innen] hinzugekommen. Klinkenberg ist
       seit 2012 bei den Grünen. Sie hat es erlebt.
       
       ## „Niemals allein rausfahren, immer zu zweit“
       
       Die Sachbearbeiterin und freiberufliche Reitlehrerin sitzt trotz der
       eisigen Temperaturen auf ihrer rustikalen Veranda, raucht und erzählt, wie
       es war bei der Bundestagswahl 2025, bei der Kommunal- und Europawahl 2024,
       bei den Landtagswahlen zuvor. Von den Anfeindungen an den Wahlkampfständen:
       „Kinderficker, Pädophile, ihr seid alle drogenabhängig.“ Von den Fahrten
       über die Dörfer, den Einschüchterungsversuchen auf der Landstraße, dem
       mulmigen Gefühl beim Plakatieren. „Niemals allein rausfahren, immer zu
       zweit, das ist unsere Strategie hier.“
       
       Schon bei der Bundestagswahl holte die AfD im wirtschaftsschwachen
       Mecklenburg-Vorpommern 35 Prozent. [2][Inzwischen wird die Partei in
       Umfragen auf fast 40 Prozent taxiert, Tendenz steigend.] Der Landkreis
       Rostock, zu dem Teterow gehört und der mit dem ambitionslosen Slogan „So
       weit, so gut“ für sich wirbt, ist dabei eine der Hochburgen der extremen
       Rechten.
       
       Längst hat die rechte Normalisierung eingesetzt. So stellt die AfD seit
       2024 den Bürgervorsteher von Teterow. Im vergangenen Jahr feierte die AfD
       im Nachbarort ein Sommerfest, zusammen mit CDU- und FDP-Abgeordneten aus
       dem Schweriner Landtag. Letztens zeigten Jugendliche in Teterow den
       Hitlergruß, am helllichten Tag, auf offener Straße.
       
       ## Absaufen im ländlichen Raum
       
       Vielerorts, eigentlich fast überall, sagt Klinkenberg, seien im letzten
       Wahlkampf die Grünen-Plakate zerstört worden, kaum waren sie aufgehängt. In
       Teschow blieben sie unzerstört. Das lag vermutlich an Klinkenberg. Sie kann
       gut mit den Leuten. Sie kann gut mit dem CDU-Mann im Dorf. Sie kann gut mit
       den Bauern. „Dann wird eben bei einer Veranstaltung vormittags um 11 der
       Kuemmerling auf den Tisch gepackt.“ Mit Zimperlichkeit kommen die Grünen
       hier nicht weit.
       
       Anders gehe es auch nicht, will die Partei hier nicht „absaufen“, wie
       Klinkenberg sagt. „Ich kann es mir nicht erlauben, elitär durchs Dorf zu
       laufen und den Landwirten von oben herab zu predigen, wie wichtig es ist,
       ehemalige Moorflächen wiederzuvernässen und mit Paludikultur zu
       bewirtschaften.“ Also mit Pflanzen und Tieren zu arbeiten, [3][die mit
       dauerhaft nassen Standorten sehr gut zurechtkommen].
       
       „Bei einem Grünen-Treffen finden das alle super, aber nicht hier am
       Stammtisch oder bei den Landfrauen.“ Um mitreden zu können, gelte es,
       Vertrauen aufzubauen, sich Fachwissen anzueignen und Engagement im Dorf zu
       beweisen, so Klinkenberg.
       
       Sie war Grünen-Vorsitzende im Landkreis Rostock, Kreistagsabgeordnete,
       Gemeindevertreterin. Sie kennt das Klein-Klein der Kommunalparlamente und
       das Innenleben der Partei. Manchmal, sagt Klinkenberg, hadere sie mit den
       Grünen, nicht mit den Inhalten, aber mit den Strukturen: „Wenn ich das
       Gefühl habe, Personen kommen ihrer Verantwortung nicht nach und denken vor
       allem an das, was sie an Maximum für sich persönlich rausholen können, dann
       habe ich damit ein Problem.“
       
       ## Partei in der Krise
       
       Dass sie nun beim Grünen-Landesparteitag am 24. Januar in Schwerin für den
       Listenplatz 2 der Partei kandidieren wird, um im besten Fall dann in acht
       Monaten Landtagsabgeordnete zu werden, hat auch damit zu tun. Sie sagt:
       „Wir sind in der Fläche zu wenige, um nicht zusammenzuhalten. Wir können
       uns das nicht leisten, Meinungen zu ignorieren. Wir brauchen jetzt einen
       basisdemokratischen Neuanfang.“ Dafür stehe sie mit ihrer Kandidatur.
       
       Neuanfang? Was ist da los?
       
       Die Grünen in Mecklenburg-Vorpommern [4][stecken seit Monaten in einer
       tiefen Krise]. Vorausgegangen waren zum einen Konflikte in der nur
       fünfköpfigen Landtagsfraktion, in deren Zentrum die Fraktionsvorsitzende
       Constanze Oehlrich und ihr Stellvertreter Hannes Damm standen. Zum anderen
       aber auch ein Parteitag Ende September vergangenen Jahres, auf dem die
       Landesliste schon einmal gewählt wurde.
       
       Die meisten Delegierten hatten damals keine Ahnung, worum es bei der
       Auseinandersetzung in der Fraktion ging, auch Klinkenberg nicht. „Ich fand
       das albern. Wir Delegierten wussten nichts und konnten keine kritischen
       Fragen dazu stellen. Trotzdem wurde die Wahl der Landesliste durchgezogen,
       als wäre nichts passiert.“ Letztlich kam Fraktionschefin Oehlrich mit
       schwachem Ergebnis auf Listenplatz 1. Damm dagegen fiel durch, erst im
       Kampf um Platz 2, dann bei Platz 4, dann bei Platz 6. Eine öffentliche
       Demütigung.
       
       Selbst überregionale Medien interessierten sich nun für den Landesverband,
       der mit 1.700 Mitgliedern kleiner ist als der Grünen-Kreisverband von
       Berlin-Pankow oder Bonn. Dies umso mehr, als die Grünen bei Umfragen
       ohnehin nur bei 5 Prozent stehen und um den Wiedereinzug ins Schweriner
       Parlament schwer kämpfen müssen. Tenor: Eine Partei am Abgrund zerhäckselt
       sich, bevor der Wahlkampf überhaupt losgegangen ist.
       
       ## Ruhe im Karton
       
       Der große Frieden, der nach dem Parteitag eigentlich eintreten sollte, trat
       dann auch nicht ein. Im Gegenteil, kurz darauf wurden Details aus der
       Fraktion eben doch öffentlich. Bei Oehlrich hieß es: Machtmissbrauch; bei
       Damm: übergriffiges Verhalten. Damm wurde aus der Fraktion geschmissen,
       Oehlrich vom Landesvorstand als Spitzenkandidatin faktisch wieder abgesägt.
       Die ursprüngliche Landesliste soll jetzt neu gewählt werden.
       
       Viele bei den Grünen wünschen sich, dass mit dem Wiederholungsparteitag am
       kommenden Wochenende jetzt wieder Ruhe in den Landesverband reinkommt.
       
       So auch Pascal Hilker. Der Lehramtsstudent ist Kreischef der Grünen in
       Vorpommern-Greifswald im äußersten Osten des Bundeslandes. Hilker sagt:
       „Wir freuen uns, dass wir Ende Januar endlich diese Geschichte hinter uns
       gebracht haben werden und dann endlich mal über die Themen und Inhalte
       sprechen können, die hier vor Ort und für dieses Land wichtig sind.“
       
       Überhaupt ist Hilker bei einem Treffen in Greifswald die Zuversicht in
       Person. Auch in Gesprächen mit Nichtparteimitgliedern würden ihm viele
       sagen, die Grünen müssten wieder in den Landtag einziehen. „Wir sollten
       jetzt nicht den Kopf in den Sand stecken. Es steht viel auf dem Spiel.“
       
       ## Greifswald – Insel der grünen Glückseligkeit
       
       Der 21-Jährige studiert an der Universität Greifswald, wie fast jede:r
       Fünfte in der 56.000-Einwohner-Stadt an der Ostsee. Wohl auch deshalb ist
       Greifswald für Mecklenburg-Vorpommern-Verhältnisse so etwas wie die Insel
       der grünen Glückseligkeit. Seit 2015 hat die Hansestadt [5][einen grünen
       Oberbürgermeister]. Bei der Bundestagswahl holte die Partei über 12
       Prozent. „Es klingt nach einem Klischee. Aber wir als Grüne merken
       natürlich, dass hier viele Studierende leben.“
       
       Frischeküchen in den Kitas, der herausgeputzte alte Stadthafen, das
       Neubaugebiet direkt daneben, die jüngst eröffnete Galerie der Romantik des
       Pommerschen Landesmuseums und natürlich die Paludikultur: Oberbürgermeister
       Stefan Fassbinder habe in den vergangenen zehn Jahren viel für die Stadt
       getan, sagt Hilker, der in Greifswald geboren und aufgewachsen ist.
       
       Gleichwohl stehen der Grüne Fassbinder und die ihn unterstützenden Parteien
       SPD und Linke auch hier unter Druck. Seit der Kommunalwahl 2024 hat in der
       Bürgerschaft eine erstarkte AfD zusammen mit der CDU, einer rechten
       CDU-Abspaltung und anderen konservativen Fraktionen eine knappe Mehrheit.
       Damit, so Hilker, bestehe auch die Gefahr, dass viele zuvor von
       Grün-Rot-Rot angeschobene progressive Projekte wieder zurückgenommen
       werden.
       
       ## Massive Anfeindungen
       
       Richtig düster sieht es bereits jetzt außerhalb Greifswalds aus. Über 70
       Prozent stimmten in manchen Gemeinden des Landkreises Vorpommern-Greifswald
       bei der Bundestagswahl für die AfD.
       
       Hilker berichtet von ähnlichen Anfeindungen im Wahlkampf wie Jana
       Klinkenberg. „Mitglieder von uns wurden auf Plakatiertouren mit dem Auto
       verfolgt und abgefilmt, Großflächenplakate wurden mit Hakenkreuzen
       beschmiert oder gleich ganz zerstört. Das hatten wir so in den Jahren zuvor
       noch nie so massiv erlebt wie jetzt bei der Bundestagswahl.“
       
       In Greifswald herrsche bislang eine andere Stimmung, sagt Hilker im
       Grünen-Büro in der historischen Altstadt – um dann aber doch auf die große
       Scheibe zur Gasse zu zeigen, die in der Nacht zuvor wieder mal bespuckt
       wurde. Immerhin, die Scheibe wurde in diesem Büro noch nie eingeschmissen.
       „Da sind wir echt froh drüber.“
       
       Anm. d. Red.: In einer früheren Fassung des Beitrags hieß es,
       Fraktionschefin Constanze Oehlrich habe ihre Kandidatur für Platz 1 der
       Landesliste zurückgezogen. Die Grünen-Fraktion im Landtag stellt dazu fest,
       dass dies formal nicht zutreffend ist; bis zu einem Beschluss zur Neuwahl
       der Liste auf dem Parteitag am 24. Januar gilt unverändert die im September
       gewählte Liste – mit Oehlrich als Spitzenkandidatin.
       
       16 Jan 2026
       
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       Ausgezeichnet mit dem Reporter:innen-Preis 2025.