# taz.de -- Grüne in Mecklenburg-Vorpommern: Alles auf Anfang
       
       > Nach Monaten der Selbstzerfleischung wollen die Grünen
       > Mecklenburg-Vorpommern wieder nett zueinander sein. Auf dem Parteitag am
       > Samstag gelingt das schon mal.
       
 (IMG) Bild: „Wir haben uns nur um uns gedreht“: Grünen-Spitzenkandidatin Claudia Müller
       
       Es liegen keine angenehmen Monate hinter den Grünen in
       Mecklenburg-Vorpommern. Manche sprechen von einem Desaster. Seit dem
       Spätsommer hat die Partei in dem riesigen Flächenland vor allem gegen sich
       selbst gekämpft. Gegeneinander statt miteinander: Insbesondere das
       Führungspersonal machte keine gute Figur.
       
       Auch auf dem Landesparteitag am Samstag in Schwerin war viel von den
       „tiefen Wunden und Verletzungen“ die Rede, die man sich gegenseitig
       zugefügt hat. „Die letzten Monate waren für uns alle nicht leicht,
       persönlich und politisch“, sagte die Landesvorsitzende Katharina Horn. Umso
       mehr sollte das Parteitreffen gut acht Monate vor der Landtagswahl am 20.
       September ein Ende der anstrengenden Nabelschau markieren.
       
       Anders als im Vorfeld erwartet, war die Stimmung unter den rund 100
       Delegierten dann auch durchaus freundlich, bisweilen wurde sogar gelacht.
       Aufstehen, Krönchen richten, weitergehen: „Das muss jetzt das Motto sein“,
       sagte die Bundestagsabgeordnete und ehemalige Grünen-Landeschefin Claudia
       Müller zur taz. Nun ist die 44-Jährige seit Samstag aber auch
       Spitzenkandidatin der Partei für die Landtagswahl und damit sowieso qua Amt
       die neue Optimismusbeauftragte der Nordost-Grünen.
       
       Genau genommen ist Müller bereits die zweite Spitzenkandidatin, die sich
       der Landesverband mit seinen gerade mal 1.700 Mitgliedern für die
       anstehende Wahl leistet. Denn im September 2025 hatten die Grünen auf einem
       Vorgängerparteitag schon einmal eine entsprechende Liste aufgestellt. Auf
       Platz 1 wurde damals Constanze Oehlrich gewählt, die Chefin der
       fünfköpfigen Grünen-Fraktion im Landesparlament. Das ging nach hinten los.
       
       ## Vorwürfe und Gegenvorwürfe
       
       Ausgerechnet Oehlrich stand bald darauf im Mittelpunkt der Querelen,
       [1][die den Landesverband in seine aktuelle Krise gestürzt hat]. Vorwürfe
       wurden laut, sie habe Mitarbeitende belästigt und ihre Macht missbraucht.
       Parallel dazu machten Anschuldigungen gegen den Abgeordneten Hannes Damm
       die Runde. Auch bei ihm ging es um „unangemessenes Verhalten“ gegenüber
       Mitarbeitenden. Die Außenwirkung war verheerend.
       
       Im Herbst wurde dann Tabula rasa gemacht. Damm wurde von seinen
       Grünen-Kolleg:innen im Landtag aus der Fraktion geschmissen. Bei Oehlrich
       zog wiederum der Landesvorstand der Grünen die Reißleine und präsentierte
       im November Claudia Müller als neue Spitzenkandidatin in spe – zu wählen
       auf einem Wiederholungsparteitag, auf dem zugleich die bisherige
       Landesliste insgesamt für null und nichtig erklärt werden sollte.
       
       Sie stehe für „Erfahrung, Klarheit und, ja, auch eine gewisse Härte“, warb
       Müller am Samstag für sich. Das wollten die Delegierten offenkundig hören.
       Sie bekam fast 90 Prozent der Stimmen, viel Applaus und einen bei solchen
       Anlässen obligatorischen Blumenstrauß in die Hand gedrückt.
       
       Die abgesägte Ex-Spitzenkandidatin Oehlrich fehlte dagegen. Sie sei krank,
       hieß es offiziell. „Das hätte ich mir auch nicht angetan“, sagte ein
       Delegierter am Rand des Parteitags zur taz. Was sie zu sagen gehabt hätte,
       hatte sie in der vergangenen Woche ohnehin schon der Ostsee-Zeitung zu
       Protokoll gegeben: „Eine Neuwahl wirft die grundsätzliche Frage auf, wie
       oft wir demokratische Entscheidungen wiederholen wollen, bis sie uns
       gefallen.“
       
       ## Kampfkandidatur um Platz 2
       
       Zur Wahrheit gehört, dass sich der versprochene Neuanfang per Neuwahl auf
       den – im Falle eines Wiedereinzugs in den Landtag – aussichtsreichen
       Listenplätzen nur sehr bedingt widerspiegelt. Denn neue Liste hin oder her:
       Abgesehen von Claudia Müller auf der Spitzenposition blieb auf den vorderen
       Plätzen alles beim Alten. So wollte es der Landesvorstand. So sollte es
       auch kommen.
       
       Aufgemischt wurde das Tableau nur einmal kurz durch eine Kampfkandidatur um
       Listenplatz 2, bei der Co-Landeschef Ole Krüger, der vom Vorstand gesetzte
       alte Platzinhaber, von [2][Jana Klinkenberg, der ehemaligen Sprecherin der
       Grünen im Landkreis Rostock], herausgefordert wurde. Die Partei bräuchte im
       Wahlkampf eine „starke weibliche Doppelspitze“, sagte Klinkenberg, um dann
       hinzufügen: „Natürlich kann man Listen vorher festlegen. Aber sind wir hier
       bei der CDU?“ Es half nichts. Am Ende setzte sich Krüger knapp durch.
       
       Für die Grünen steht bei der Landtagswahl viel auf dem Spiel, sie müssen um
       den Wiedereinzug ins Parlament zittern. Die letzte Umfrage sah die Partei
       bei 5 Prozent. Nur ist diese Umfrage auch schon wieder vier Monate alt.
       Mehr noch, sie wurde erhoben, bevor die internen Verwerfungen öffentlich
       wurden. Claudia Müller beeindruckt das wenig: „Wir werden die 5 Prozent im
       September schaffen.“
       
       Im Wahlkampf selbst baut sie dabei auch auf die Unterstützung aus den
       mitgliederstarken West-Landesverbänden im Rahmen der immer [3][noch recht
       frischen Oststrategie der Bundes-Grünen]. Es sei allen in der Partei
       bewusst, „wie wichtig die Wahl in Mecklenburg-Vorpommern insgesamt ist“, so
       Müller. Noch ist davon nicht viel zu sehen. Der Bundesvorsitzende Felix
       Banaszak, dessen Name eng mit der Oststrategie verknüpft ist, war am
       Samstag jedenfalls schon mal nicht in Schwerin, sondern zu Gast beim
       Grünen-Landesparteitag in Hessen.
       
       24 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Landtagswahlen-2026/!6130667
 (DIR) [2] /Gruene-in-Mecklenburg-Vorpommern/!6141955
 (DIR) [3] /Krise-der-Gruenen-in-Ostdeutschland/!6125870
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Rainer Rutz
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Bündnis 90/Die Grünen
 (DIR) Mecklenburg-Vorpommern
 (DIR) Schwerpunkt Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern
 (DIR) Landesparteitag
 (DIR) GNS
 (DIR) Schwerpunkt Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern
 (DIR) Schwerpunkt AfD
 (DIR) Bündnis 90/Die Grünen
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Grüne in Mecklenburg-Vorpommern: Keine Zeit für Zimperlichkeit
       
       Die Grünen haben in dem von der extrem rechten AfD dominierten ländlichen
       Raum von Mecklenburg-Vorpommern einen schweren Stand. Ein Ortsbesuch.
       
 (DIR) Landtagswahlen in Ostdeutschland: Mecklenburger Schlachteplatte
       
       Die regierende SPD im Umfragetief, die AfD auf Allzeithoch: Droht
       Mecklenburg-Vorpommern nach der Landtagswahl 2026 die rechte
       Machtübernahme? Ein Ausblick.
       
 (DIR) Landtagswahlen 2026: Grüne Chaostage in Meck-Pomm
       
       Die Grünen in Mecklenburg-Vorpommern tauschen ihre Spitzenkandidatin für
       die Landtagswahl aus. Vorausgegangen waren Vorwürfe des Machtmissbrauchs.