# taz.de -- Fotograf über Nachfolger der Dia-Show: „Das Medium ist völlig anachronistisch“
> Die goldene Zeit der Reisevorträge begann in den frühen 1980ern. Der
> Fotograf Michael Martin ist immer noch dabei und geht mit seinen Bildern
> auf Tour.
(IMG) Bild: Blick über die Mondoberfläche auf die Erde, aufgenommen im Dezember 1968: Mit diesem Bild kam Michael Martin die Idee für „Terra“
taz: Herr Martin, stimmt es, dass Sie sich zu Ihrem multimedialen Projekt
„Terra“ durch ein einziges Foto inspirieren ließen?
Michael Martin: Ja, das war das Foto von der Erde als einer blauen Perle,
das der Apollo-Astronaut William Anders 1968 auf dem Mond mit einer
Hasselblad-Kamera aufgenommen hat.
taz: Und wohin hat Sie diese Foto-Ikone geführt?
Martin: Ich habe fünf Jahre am „Terra“ gearbeitet, in denen ich auf 32
Reisen um die 400.000 Fotos gemacht habe.
taz: Um was ging es Ihnen dabei?
Martin: Ich bin studierter Geograf und habe mir zehn Naturlandschaften wie
den Himalaya, die Anden und den großen Grabenbruch herausgepickt, die
exemplarisch für die Entstehung unserer Erde stehen.
taz: Was haben Sie mit dieser Unmenge an Bildern und Reiseeindrücken
gemacht?
Martin: Ich haben schon in der Coronazeit damit begonnen, aus meinen
Bildern und Filmaufnahmen eine Reihe von Fernsehfilmen zu schneiden, einen
großen Bild-Textband zu erarbeiten und die Multivisions-Show zu gestalten,
bei der ich mit 1.400 Fotos diese Landschaften in einer zweieinhalb Stunden
langen Bilderreise auf der Leinwand zeige und erkläre.
taz: Damit machen sind Sie nun eine Tour.
Martin: Ja, seit dem Herbst 2022 bin ich mit der Show auf Reisen. Ich habe
sie inzwischen mehr als 300-mal gezeigt. Und jetzt im dritten Winter spiele
ich langsam meine Kosten von 500.000 Euro wieder ein.
taz: Welche Rolle spielen die anderen Medien bei der Verwertung?
Martin: Das Crossmarketing ist für mich sehr wichtig. Auf den
Veranstaltungen verkaufe ich meine Bücher und die Fernsehfilme bringen zwar
kaum Geld, aber sie treiben mir die Leute in die Veranstaltungen.
taz: Aber ist solch eine Live-Multivision, die im Grunde ja eine aufwendig
inszenierte Diaschau ist, heute nicht antiquiert?
Martin: Ja, das Medium ist völlig anachronistisch. Auch weil ich keine
Videos, sondern nur Standbilder zeige, die aber dann mit der Musik
synchronisiert und auf einer großen Leinwand ihre Wirkung entfalten.
taz: Warum funktioniert das bei Ihnen offensichtlich immer noch?
Martin: Ich bin ein Kind dieser Vortragszene und der einzige, der sich eine
Fanbase aufgebaut hat. Bei mir kommen die Leute nicht wegen der Themen und
Titel meiner Vorträge, sondern meinetwegen. Aber es ist schwierig geworden.
taz: Wann waren denn gute Zeiten der Fotovorträge?
Martin: Die goldenen Jahre für uns begannen in den frühen 1980er-Jahren,
als plötzlich die Lust auf Fernreisen aufkam und auch umgesetzt werden
konnte, weil es auf einmal billige Flüge gab. Damals gab aber nur wenig
Informationen, also kein Internet und auch keine Reiseführer wie heute. Da
waren diese Fotovorträge ein probates Mittel, um sich über individuelle
Fernreisen zu informieren. Und das hat uns die Säle gefüllt. Das war die
perfekte Zeit, um solch eine Karriere zu beginnen und ich war einer von
denen, die diesen Boom angestoßen haben.
taz: Aber dann ging es bergab?
Martin: Ja, heute haben wir ein völlig anderes Bild. Zu Hause haben die
Leute hervorragende 4K-Fernseher und über Streaming-Dienste und im
öffentlich-rechtlichen Fernsehen laufen sehr gute Dokumentationen. Es gibt
außerdem wunderbare Websites und Foren, um sich über Reisen zu informieren.
Die Motivation in einen Reisevortrag zu gehen ist jetzt viel geringer
geworden.
taz: Und ist nicht auch das gedruckte Foto kaum noch gefragt?
Martin: Ja, das ist wie bei Musikern, die früher ihr Geld mit Schallplatten
und CDs verdient haben und heute von ihren Konzerten leben müssen.
taz: Sind Sie also der letzte Ihrer Zunft?
Martin: Sagen wir mal einer der letzten, der davon noch gut leben kann.
30 Dec 2025
## AUTOREN
(DIR) Wilfried Hippen
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