# taz.de -- Vergangenheit der Nordwest-Zeitung: Entnazifizierung verbockt
       
       > Der Gründer der „Nordwest-Zeitung“, Fritz Bock, war Nationalsozialist.
       > Die Zeitung aber stellt ihn bis heute ohne Belege als Judenretter dar.
       
 (IMG) Bild: 1954 übernimmt die NWZ die wiedergegründeten „Oldenburger Nachrichten“: Ihr Name steht noch immer im Zeitungskopf
       
       Der [1][Madsack-Konzern übernimmt] Anfang 2026 die Nordwest Medienguppe
       einschließlich der Oldenburger Nordwest-Zeitung (NWZ). Damit geht die
       Geschichte eines Familienunternehmens zu Ende. Über Jahrzehnte befand sich
       das Blatt in den Händen der [2][Familien Köser und von Bothmer], den
       Nachfahren des NWZ-Mitgründers Fritz Bock. Wer war der Mann, dem sie ihr
       Erbe zu verdanken haben?
       
       Glaubt man der offiziellen Geschichtsschreibung der NWZ, war Fritz Bock
       nicht nur ein unerschrockener Geschäftsmann, sondern ein Kämpfer für
       Freiheit und Demokratie. Wegen seines vorbildlichen Charakters sollen die
       britischen Besatzer Bock 1946 die Lizenz zur Gründug der NWZ anvertraut
       haben.
       
       „Gegen Fritz Bock gab es keine politischen oder fachlichen Vorbehalte“,
       [3][ist sich der heutige Chefredakteur der NWZ, Ulrich Schönborn, sicher].
       „An seiner demokratischen Gesinnung bestand kein Zweifel“, [4][attestiert]
       auch der langjährige Chefredakteur [5][Rolf Seelheim]. Bock sei laut
       Seelheim nicht nur „unbelastet“ gewesen, er habe sogar „jüdischen Familien
       zur Ausreise in die USA verholfen“. Details zu Bocks Schaffen zwischen 1933
       und 1945 liefert die Zeitung aber nicht.
       
       Fritz Bock hatte vor 1945 eine Schlüsselposition in der Oldenburgischen
       NS-Presse inne. Seit 1916 war er Geschäftsführer der Oldenburger
       Nachrichten, der damals meistgelesenen Zeitung im Oldenburger Land. Unter
       seiner Leitung stellte sie sich früh an die Seite der Nationalsozialisten.
       Schon 1930 verkündete die Zeitung bei Hitlers Besuch in Oldenburg, dass die
       NSDAP eine „tiefgreifend[e] geistig[e] Bewegung im kranken Volksleben“ sei.
       Hitler [6][nannte sie] 1932 einen „große[n] Volksführer“ und seinen
       Auftritt „die machtvollste Veranstaltung politischer Art, die je in
       Oldenburg stattgefunden hat“.
       
       ## Schlüsselposition in der Oldenburgischen NS-Presse
       
       Der Historiker Karl-Ludwig Sommer bezeichnet den frühen Schulterschluss der
       Oldenburger Nachrichten mit den Nazis als „folgenschwe[r]“ und auch der
       Historiker Klaus Schaap hebt ihre Rolle beim Aufstieg der NSDAP im Land
       Oldenburg hervor, wo sie bereits 1932 die absolute Mehrheit erreichte.
       
       Während das NS-Regime 1933 ihre Konkurrenz verbietet, können die
       linientreuen „Nachrichten“ wie gehabt weitermachen. [7][Fritz Bock wird zum
       „Verlagsdirektor“ befördert] und ab Kriegsbeginn hat er in Abwesenheit des
       Verlegers Alfred Scharf offenbar die alleinige Verantwortung für die
       Zeitung inne. Am 1. März 1940 tritt er als Mitglied Nummer 7513982 der
       NSDAP bei, wie eine Anfrage der taz beim Bundesarchiv zeigt.
       
       Ein [8][Bericht über die Betriebsversammlung 1935] gibt einen Einblick
       hinter die Kulissen der Oldenburger Nachrichten. Bebildert ist er mit einem
       Foto der Belegschaft vor Hakenkreuzfahne. Ein Redner der „Deutschen
       Arbeitsfront“ ist gekommen, um den Betrieb auf den „Wille[n] des Führers“
       einzuschwören: „Wir stellen uns bewusst hinter den Führer, der den
       gigantischen Kampf um die Freiheit des deutschen Volkes auf sich genommen
       hat.“
       
       „Verlagsdirektor Fritz Bock“, so der Bericht, „dankt [dem Redner] für sein
       Erscheinen und seine Ausführungen.“ Den Abschluss der Betriebsversammlung
       bilden das „Sieg-Heil auf den Führer sowie der Gesang des Deutschland- und
       Horst-Wessel-Lieds“.
       
       ## Foto der Belegschaft vor Hakenkreuzfahne
       
       In den kommenden Jahren verbreiten die Oldenburger Nachrichten
       [9][antisemitische Hetze] und [10][Kriegspropaganda] in Reinform – unter
       anderem [11][von Edith Ruß], deren NS-Vergangenheit die [12][taz öffentlich
       machte]. Regelmäßig [13][befürwortet] die Zeitung Hinrichtungen von
       „Verrätern“, „Volksschädlingen“ oder Juden. 1939 führt sie die
       Kriegsbeilage „[14][Der Waffenträger]“ ein.
       
       1943 ist zunächst Schluss für die Oldenburger Nachrichten.
       NWZ-Verantwortliche fabulieren heute, die Zeitung sei von den Nazis
       „verboten“ worden. Tatsächlich wurde sie wegen Materialmangels mit dem
       örtlichen NSDAP-Blatt zusammengelegt. „Verlag und Schriftleitung leisten
       damit einen besonderen Beitrag, um dem Kriege und dem Siege zu dienen“,
       [15][erklärt die Zeitung] in „demselben Verantwortungsbewusstsein, mit dem
       sie bisher ihre Aufgaben für Führer, Volk und Reich erfüllt hat“.
       
       Wie Bock die beiden Jahre bis Kriegsende verbringt, ist nicht bekannt. Ab
       1945 ist er für die britischen Besatzer tätig und erhält 1946 zusammen mit
       dem Journalisten Joachim Pabst die Lizenz zur Gründung der NWZ. Dass die
       Briten einem NSDAP-Mitglied die Lizenz für die erste Zeitung im Nordwesten
       Deutschlands anvertrauten, ist erstaunlich. Ein möglicher Teil der
       Erklärung: Pabst beriet als Mitglied des
       Kultur-Entnazifizierungsausschusses die Militärregierung.
       
       Die NWZ nutzt zunächst die Gebäude von Bocks früherer Arbeitsstätte. Kurz
       vor seinen Tod 1954 übernimmt die NWZ dann die wiedergegründeten
       Oldenburger Nachrichten – ihr Name ist seitdem Teil des NWZ-Zeitungskopfs.
       
       Zu ihrer Geschichtsklitterung möchte sich die NWZ auf Anfrage nicht äußern.
       Einen Beleg für Bocks vermeintliche Judenrettung liefert sie nicht. Der
       Madsack-Konzern hat seine Geschichte vor einigen Jahren aufarbeiten lassen.
       Für die NWZ wäre es ebenfalls höchste Zeit.
       
       28 Dec 2025
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) [9] https://digital.lb-oldenburg.de/lbolrz/periodical/pageview/1992517
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 (DIR) Aljoscha Hoepfner
       
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