# taz.de -- Killertourismus im Bosnienkrieg: Zum Spaß vom Hügel auf wehrlose Menschen schießen
       
       > Bei der serbischen Belagerung von Sarajevo fielen viele Zivilisten eigens
       > angereisten Scharfschützen zum Opfer. Der taz-Korrespondent erinnert
       > sich.
       
 (IMG) Bild: Sie rannten um ihr Leben: Eine Straße im Visier serbischer Scharfschützen in Bosniens Hauptstadt Sarajevo, März 1993
       
       Jasmina glaubte, sie habe sich verhört. Die Bosnierin hatte sich gerade aus
       dem belagerten Sarajevo unter großen Gefahren in die serbische Hauptstadt
       Belgrad durchgeschlagen. Und nun, erzählte sie Ende 1992 der taz, hatte
       sich hinter ihr im Bus im Zentrum Belgrads ein junger Serbe gebrüstet, er
       sei am Wochenende in Sarajevo gewesen, um auf Menschen zu schießen. 100
       oder ein paar mehr „Deutschmark“ zahlte er dafür.
       
       Der junge Serbe gehörte zu den „Wochenendkriegern“, meist ganz normale
       Leute wie Bankangestellte oder Lehrer, die im Sommer und Herbst 1992 an die
       Front in die bosnische Hauptstadt fuhren, um ihr Gewehr auf ebenfalls
       normale Menschen anzulegen, vor allem Frauen, Kinder und alte Leute. Aus
       Spaß. Ohne schlechtes Gewissen, eiskalt.
       
       Die meisten Serben sahen sich damals auf Siegeskurs. Nach mehreren Monaten
       Krieg im ehemaligen Jugoslawien hatten die serbischen Armeen, die per
       ethnischer Säuberung ein Großserbien schaffen wollten, ein Drittel
       Kroatiens erobert und über 60 Prozent des Territoriums der Nachbarrepublik
       Bosnien und Herzegowina.
       
       Die bosnische Hauptstadt Sarajevo war [1][von serbischen Truppen
       eingekesselt]. Über 300.000 Menschen waren täglich dem Hagel aus
       Artilleriegranaten, Angriffen der Infanterie und dem Feuer der serbischen
       [2][Scharfschützen auf den Hügeln] rund um die Stadt ausgesetzt. Über
       13.000 Menschen wurden in Sarajevo getötet, darunter 1.600 Kinder.
       
       ## Auch Serbiens Präsident Vučić stand vor Sarajevo
       
       Einheimische Journalisten und ausländische Kriegsreporter berichteten zwar
       über den Beschuss, über die Toten und Verwundeten im Koševo-Krankenhaus und
       über die UN-Truppen, die dem Treiben lediglich zuschauten. Doch über die
       Freizeit-Warriors wusste man nur wenig.
       
       Jetzt, eine Generation später, kommen langsam harte Fakten auf den Tisch
       und belasten die Politik schwer. [3][Serbiens heutiger Präsident Aleksandar
       Vučić] kämpfte nämlich 1992 und 1993 als Kriegsfreiwilliger in Sarajevo. Er
       war Mitglied einer berüchtigten kriminellen Freiwilligen- und
       Paramilitärtruppe der ultranationalistischen Serbischen Radikalen Partei
       (SRS) des Rechtsextremistenführers Vojislav Šešelj. Konkret soll Vučić in
       der Einheit von Slavko Aleksić gedient haben, später ein hoher
       Armeekommandeur der bosnisch-serbischen Republika Srpska.
       
       Vučić habe bei der Jagd auf Menschen in Sarajevo mitgemacht, so der Vorwurf
       des kroatischen Investigativjournalisten Domagoj Margetić, der zahlreiche
       Zeugenaussagen gesammelt und bei der Staatsanwaltschaft in Mailand
       eingereicht hat. Er habe vom jüdischen Friedhof aus auf die Stadt
       geschossen.
       
       ## Als „Jäger“ aus Italien über Ungarn angereist
       
       Die serbischen Wochenendkrieger blieben nicht lange allein. Ab 1993 wurde
       das Schießen von den Hügeln auf die Menschen in Sarajevo für viel Geld
       verkauft. Betuchte westliche Hobbyjäger reisten mit ihren modernen
       Jagdgewehren aus Italien nach Ungarn. Sie fuhren in Bussen weiter nach
       Belgrad, von dort aus ging es per Helikopter an die serbischen Stellungen
       bei Sarajevo, begleitet von Spezialkräften der serbischen Armee. Hier
       zielten sie nicht mehr auf Tiere, sondern auf Menschen.
       
       Mindestens fünf italienische Staatsbürger aus Mailand, Turin und Triest, so
       der italienische Investigativjournalist Ezio Gavazzeni, hätten für
       Wochenendausflüge nach Sarajevo umgerechnet 80.000 bis 100.000 Euro
       bezahlt, um [4][von den serbisch besetzten Hügeln aus Jagd] auf Kinder,
       Frauen und Männer in den Straßen Sarajevos zu machen. Es wurden Preise
       ausgelobt: Höchstpreise sollen Schüsse auf Kinder in den Armen ihrer Mütter
       oder Schwangere gewesen sein, heißt es in einigen Presseberichten.
       
       Der jüdische Friedhof in Sarajevo sei ein zentraler Sammelpunkt für die
       wohlhabenden Italiener geworden. Der Friedhof, vor allem sein oberer Teil,
       war berüchtigt als einer der luxuriösesten, begehrtesten und teuersten Orte
       für die Menschenjagd in Sarajevo.
       
       Nun ist aufgrund dieser Vorwürfe die Staatsanwaltschaft Mailand
       eingeschaltet und hat Ermittlungen wegen des mehrfachen Mordes aus
       niedrigen Beweggründen eingeleitet. Sollten die kaum erträglichen
       „ekelhaften Einzelheiten“ bestätigt werden, sei dies unfassbar, sagt die
       Ex-Bürgermeisterin Sarajevos, Benjamina Karić, die gemeinsam mit dem
       Ex-Geheimdienstler Edin Subašić heute Fakten sichern hilft.
       
       Einen Anstoß für die Ermittlungen gab auch der Film [5][„Sarajevo Safari“]
       des slowenischen Filmemachers Miran Zupanič über die humanitäre Katastrophe
       der Belagerung von Sarajevo ab 1992. Er zeigt die alltägliche Gefahr, die
       ständigen Bedrohungen durch die Scharfschützen und die Bombardierungen. Der
       Sniper-Tourismus wird nicht thematisiert, aber man bekommt ein Gefühl für
       die ständig lauernde Gewalt, die Zerbrechlichkeit des Lebens im belagerten
       Sarajevo.
       
       ## Wie man Scharfschützen zuvorkommt
       
       Es gab auch Gegenwehr. „Anti-Sniper-Sniper“, also Scharfschützen gegen die
       Scharfschützen, nahmen von der Stadt aus die Angreifer auf den Hügeln ins
       Visier. Ich stieß 1994, als Arte Kurzfilme über Kriegsreporter in Sarajevo
       drehen wollte, auf den jungen Sarajevoer Serben Neven. Er begleitete mich,
       erklärte mir seinen Job und zog mich rechtzeitig vom Fenster an der
       Ostseite des Hotel [6][Holiday Inn] weg, auch der Kameramann, der sich
       bedrohlich weit aus dem Fenster gelehnt hatte, musste in Deckung gehen.
       
       Er habe schon sieben Scharfschützen ausgeschaltet, erzählte Neven damals:
       „Wenn du einen Sniper erwischen willst, dann musst du schnell sein. Du
       kannst das Mündungsfeuer sehen, du musst aber innerhalb von zwei
       Zehntelsekunden selbst schießen, sonst erwischt er dich und du nicht ihn.“
       
       Mit dem [7][Friedensvertrag von Dayton 1995] endete die Belagerung. Neven
       musste untertauchen, denn der serbische Geheimdienst suchte ihn und auch
       die bosniakische Mehrheit im Nachkriegs-Sarajevo traute dem ethnischen
       Serben nicht. Er könnte sicherlich viele Details über den Kampf gegen die
       Wochenend-Sniper und die Menschen-Jäger erzählen.
       
       17 Dec 2025
       
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