# taz.de -- Möglicher Sniper-Kronzeuge in Sarajevo: Was wusste Slavko Aleksić?
> Der serbische Kommandant verantwortete den Frontabschnitt, von dem aus
> Touristen auf Zivilisten in Sarajevo schossen. Nun ist er unerwartet in
> Belgrad verstorben.
(IMG) Bild: Slavko Aleksić der in Sarajevo Sniper-Tourismus organisierte starb plötzlich. Scharfschützen in Sarajevo zielen auf Zivilisten
Wahrscheinlich würde jeder Film-Produzent eine solche Crime- Story als zu
primitiv zurückweisen. Dass der serbische Extremist [1][Slavko Aleksić] im
Krankenhaus stirbt, ist eigentlich wenig spektakulär. Wenn aber die
Berichte stimmen, dass dieser offenbar gesunde Mann von seinem Wohnort
Trebinje, das im südöstlichen Bosnien und Herzegowina liegt, vor wenigen
Tagen ohne ersichtlichen Grund ins Militärkrankenhaus der serbischen
Hauptstadt Belgrad verlegt wurde und dort am nächsten Tag verstarb, dann
wird der Vorgang brisant.
Man weiß auch in Südosteuropa ganz genau, was es bedeutet, wenn unliebsam
gewordene Menschen aus dem Fenster fallen oder bei Flugzeugabstürzen oder
Autounfällen oder auf sonstige nicht unbedingt natürliche Weise ums Leben
kommen.
Beweisen kann man in solchen autokratischen Ländern nichts. So auch nicht
in Serbien. Polizei und Justiz sind taub und wissen von nix.
Aber sein Tod kommt ihnen sehr gelegen. Hätte nämlich Slavko ausgesagt,
würde das Schutzschild der Lügen in sich zusammenbrechen.
## Die serbische Soldateska
Während der serbischen Belagerung der bosnischen Hauptstadt Sarajevo von
1992 bis 1995 war Aleksić die Schlüsselfigur für die Verbrechen der
serbischen Soldateska im Stadtteil Ilidža, wo er Kellerräume zu
Folterkammern machen ließ. Für [2][die vor allem aus Italien angereisten
betuchten Freizeit-Scharfschützen], von denen jetzt international viel
geredet wird, ist sein Tod sogar eine Art Rettung. Denn bisher kann man nur
wenige der gegen sie erhobenen Anschuldigungen tatsächlich beweisen.
Es besteht jetzt Gewissheit, dass der bärtige, sich als „Tschetnik“ gebende
Aleksić als Kommandeur für den Frontabschnitt am oberen Teil des jüdischen
Friedhofs in Sarajevo verantwortlich war und damit über alles Bescheid
wusste, was dort passierte. Und damit wusste er Bescheid über die
„ekelhaften westlichen Freizeitkrieger“, wie die ehemalige Bürgermeisterin
Benjamina Karić dies ausdrückte, die ihm oder seinen Kameraden viel Geld
dafür bezahlten, auf Zivilisten in der belagerten Stadt schießen zu dürfen.
Das Bild einer jungen Mutter, kaum einige Hundert Meter vom jüdischen
Friedhof entfernt, die von ihrer halbwüchsigen Tochter schutzsuchend
angstvoll umarmt wird, nachdem einige andere Frauen an gleicher Stelle
tödlich getroffen zusammengesunken sind, ist eines der Bilder, die sich
über diese Vorgänge eingeprägt haben.
## Sein Tod nützt Serbiens Präsident Vučić
Aber politisch noch viel brisanter ist, welche Informationen aus erster
Hand Aleksić über die Aktivitäten des heutigen Präsidenten Serbiens hätte
liefern können, Alexandar Vučić. Denn nach Aussagen des in Serbien
prominenten Extremisten und Freischärlerkommandeurs [3][Vojislav Šešelj],
ein alter Konkurrent Vučićs, hatte dieser 1992 in der Einheit Aleksićs
gedient.
Hat also auch Vučić in Sarajevo auf Zivilisten geschossen? Der
Milizenführer Šešelj, der seine vom UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag
verhängte Haftstrafe längst abgesessen hat, könnte noch das Schweigen
brechen.
Die ehemaligen serbischen Soldaten aber werden wohl schweigen, und Aleksić
nun endgültig.
22 Dec 2025
## LINKS
(DIR) [1] https://en.wikipedia.org/wiki/Slavko_Aleksi%C4%87
(DIR) [2] /Killertourismus-im-Bosnienkrieg/!6138848
(DIR) [3] /Zehn-Jahre-Gefaengnis-fuer-Vojislav-eelj/!5495585/
## AUTOREN
(DIR) Erich Rathfelder
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