# taz.de -- Kindgerechte Justiz: Ein Haus für alle Fälle
> Das Konzept der Childhood-Häuser soll Kindern helfen, die Opfer von
> Gewalt wurden. Unter einem Dach treffen sie hier auf Ärzt*innen, Polizei
> und Justiz.
(IMG) Bild: Im Leipziger Childhood-Haus: Psychologin Anna Sterling und Einrichtungsleiter Matthias Bernhard
Womit die Mitarbeitenden des Childhood-Hauses in Leipzig zu tun haben, ist
oft schwer auszuhalten. Ein Schütteltrauma mit Hirnblutung bei einem fünf
Monate alten Säugling. Eine schwer misshandelte 12-Jährige, die
Vergewaltigung einer 14-Jährigen. Ein Baby, das noch nicht einmal krabbeln
kann, dessen Oberarm gebrochen ist. „Es habe sich im Gittberbett verheddert
– diese Geschichte habe ich in unzähligen Varianten gehört“, sagt Matthias
Bernhard, Kinderneurologe und [1][Leiter des Hauses auf dem Campus der
Leipziger Uniklinik]. Es eines von elf Childhood-Häusern in Deutschland,
besteht seit 2018 und ist damit schon das älteste hierzulande.
Childhood-Häuser sind dafür da, Kinder, die körperliche [2][oder
sexualisierte Gewalt erlebt haben], zu untersuchen, zu versorgen, je nach
Alter auch zu befragen. Hier wird unter einem Dach gearbeitet, im
Unterschied zum herkömmlichen Ablauf, bei dem die Betroffenen je nach
Verdacht und Alter zu Ärzt*innen sowie verschiedensten Stellen in Polizei
und Justiz gebracht werden – und dort häufig nicht auf kindgerechte
Expertise treffen.
„Deutschland war in Bezug auf kindgerechte Justiz und Medizin lange sehr
schlecht aufgestellt“, sagt Bernhard, ein besonnener Typ Ende 40 mit einer
Zusatzausbildung als Kinderschutzmediziner. Oft hätten Rechtsmedizin,
Gynäkologie, Polizei und Jugendämter [3][mehr Schaden angerichtet], als
dass sie geholfen hätten, weil die Expertise in Bezug auf Kinder gefehlt
habe, teils noch fehle. Die Grundidee der Childhood-Häuser wurde in den
1980er Jahren entwickelt, die ersten Häuser entstanden in den 90ern in
Schweden. Das Konzept habe den Blickwinkel verändert, sagt Bernhard: „Wir
gehen vorsichtig und planvoll an die Dinge heran: Wir denken vom Kind her.“
In unmittelbarer Nähe des Hauses befinden sich deshalb etwa die Notaufnahme
für Kinder und die Kindermedizin. Zwei Koordinator*innen des
Childhood-Hauses arbeiten zudem daran, Chirurg*innen,
Rechtsmediziner*innen und Psycholog*innen zu informieren und zu
vernetzen. Ärzt*innen sind zwar nicht ausschließlich im Haus angestellt,
sind räumlich aber zumindest in Reichweite. Nach einem Vorfall finden sie
möglichst schnell Zeit, um gemeinsam oder nacheinander das Kind zu
behandeln oder mit ihm zu sprechen.
413 Minderjährige, bei denen Fragen des Kinderschutzes aufkamen, wurden
2024 im Leipziger Childhood-Haus vorgestellt. Die meisten Verdachtsfälle
lagen im Bereich des sexuellen Missbrauchs, gefolgt von körperlicher
Gewalt. „Ein kleinerer Teil betrifft Vernachlässigung, zum Beispiel
fehlende Zahnpflege oder massives Untergewicht“, sagt Bernhard. „Und ganz
schwer messbar ist emotionale Gewalt. Das hat die höchste Dunkelziffer.“
## Viele Wege ins Childhood-Haus
Wie die Kinder und Jugendlichen ihren Weg ins Haus finden, kann ganz
unterschiedlich sein. „Vielleicht war am Freitag eine Familienfeier, und am
Sonntag erzählt ein Mädchen, dass mit einem Onkel etwas komisch war. Dann
bringen die Eltern sie zu uns“, sagt Bernhard. Manche Kinder werden von der
Polizei gebracht, andere vom Jugendamt geschickt. Dem wiederum kann eine
Schule gemeldet haben, das Kind habe Hämatome am Körper, die im
Sportunterricht aufgefallen seien.
Im schlimmsten Fall kommt das Kind direkt mit Verletzungen, etwa über die
Notaufnahme. Dann kann es auch noch nach Tagen oder Wochen die Räume des
Hauses für Nachuntersuchungen oder Gespräche mit Psycholog*innen und
der Polizei nutzen. „Für die Kinder ist all das eine irre hohe Belastung“,
sagt Bernhard. „Aber sie erfahren, dass hier nicht noch einmal etwas
Schlimmes passiert. Sie bekommen das Gefühl, sich in einem geborgenen Raum
zu befinden.“
Im Childhood-Haus kann man das ganz wörtlich nehmen. Anders als auf
Polizeistationen, in Gerichten, zum Teil auch in Arztpraxen sind die Räume
warm und freundlich eingerichtet. Im Wartebereich sitzt ein kleinkindgroßer
Plüschbär auf einem Sofa neben bunten Sitzsäcken. Puppen, Spielzeugautos
und Bücher für verschiedene Altersstufen liegen bereit.
## Nicht nur untersuchen
Zwar ist im Untersuchungszimmer mit Liege und gynäkologischem Stuhl
medizinische Ausrüstung vorhanden, auf der Liege aber sitzt eine Puppe mit
dickem roten Haarschopf und auf dem Computer ein kleiner Clown. Steriles
Weiß oder Grün, wie in Krankenhäusern oft üblich, wurde durch freundliches
Gelb und Tierzeichnungen an den Wänden ersetzt. Zum Teil gehe es hier um
medizinische Untersuchungen, zum Beispiel auf Schwangerschaft, oder auch um
Spurensicherung, sagt Anna Sterling, die als Psychologin im Haus arbeitet.
Es gehe aber auch darum, mit den Kindern und Jugendlichen zu sprechen, zum
Beispiel über ihre Ängste und darüber, wie das Erlebte verarbeitet werden
kann. „Sprechen bedeutet Entlastung.“
Auch ein Vernehmungszimmer gibt es im Haus. Es ist schlichter gehalten als
der Rest der Räume, aber auf der Fensterbank sitzt immerhin ein Stoffpanda.
Das Mikro, das an einem Kabel von der Decke hängt, sowie die Kameras, von
denen fünf in Wände und Decke eingelassen sind, fallen kaum auf. Hier,
erzählt Sterling, sitzen Kinder ab etwa fünf Jahren für gerichtsfeste
Befragungen. Drei ausgebildete Richterinnen wechseln sich ab, um die
Vernehmung möglichst kindgerecht zu gestalten.
Die wird mitgeschnitten, zum Teil live übertragen auf einen großen
Bildschirm in den Nebenraum, in dem Beschuldigte und deren Anwält*innen
sitzen können. Die Verteidigung kann über Kopfhörer Fragen an die Richterin
durchgeben, die wiederum entscheiden kann, manche Fragen nicht zuzulassen.
Mutmaßlichen Täter*innen, so Sterling, müsse das Kind auf diese Weise nicht
mehr begegnen.
## Zwischen 40 und 50 Vernehmungen
Von den Kindern, die 2024 im Haus vorgestellt wurden, waren manche zu jung,
um sprechen zu können, bei anderen hat sich der Verdacht nicht bestätigt.
„Vieles lässt sich auch nicht mehr klären“, sagt Bernhard, „körperlich
heilen Kinder sehr schnell. Wenn die Verletzung eine Woche her ist, ist oft
nichts mehr zu sehen.“ Zwischen 40 und 50 der untersuchten Kinder und
Jugendlichen aber wurden hier vernommen.
„Viele fragen mich, wie ich mit den emotionalen Belastungen umgehe“, sagt
Bernhard. Aber die Medizin beschäftige sich nun mal meistens mit Leid, auch
bei Erwachsenen. Sicher, manche Fälle blieben in Erinnerung. Auch kleine
Momente könnten schwer sein, wie der, in dem die Haare eines Mädchens ihn
an seine Tochter erinnerten. Trotzdem sei ihm wichtig, nicht
zurückzuschrecken, sondern da zu sein. „Ich persönlich kann kaum einen Fall
verhindern“, sagt er. „Aber ich lese die Scherben auf, wo etwas
kaputtgegangen ist. Wir helfen bei der Heilung, wo möglich.“
## Finanzierung noch nicht gesichert
Die Anschubfinanzierung für das Haus in Leipzig übernahm für zwei Jahre die
[4][World-Childhood-Foundation], vor 25 Jahren von der schwedischen Königin
Silvia gegründet. Seitdem stellt das Uniklinikum den Rahmen, etwa die Miete
für die Räume. Der Freistaat Sachsen trägt die Personalkosten für Leitung,
zwei Koordinator*innen, zwei Psycholog*innen. „Unsere Finanzierung mit rund
einer halben Million Euro jährlich endet Ende 2026“, sagt Bernhard. „Aber
natürlich wünschen wir uns eine Entfristung.“
[5][Im Koalitionsvertrag der Bundesregierung finden sich zwei Sätze], die
hoffen lassen – wenn auch nicht konkret von einer kontinuierlichen
Finanzierung die Rede ist. „Wir werden eine Bundesförderung von
Childhood-Häusern etablieren“, heißt es dort. Damit sollen „regionale,
interdisziplinäre und ambulante Anlaufstellen für Kinder und Jugendliche“
geschaffen werden, die körperliche Gewalt oder sexuellen Missbrauch
erfahren haben.
Zum ersten Mal fanden damit Childhood-Häuser Eingang in den
Koalitionsvertrag – ein Meilenstein. Was genau das bedeutet, ist allerdings
noch unklar. Ein Sprecher des Familienministeriums sagte der taz, man
plane, die Entwicklung des interdisziplinären Kinderschutzes weiter
voranzutreiben. Konkrete Maßnahmen dazu würden derzeit erarbeitet.
## 50 Häuser wären gut
„Um das Bundesgebiet auch mit den Flächenländern abdecken zu können,
bräuchte es mindestens 50 Häuser wie unseres“, sagt Bernhard. In Leipzig
seien die zuständigen Stellen wie Eltern- oder Jugendberatung gut vernetzt,
verschiedene Arbeitsgruppen tauschten sich regelmäßig aus. Aber schon bei
einem Kind, das aus Thüringen hätte geschickt werden sollen, scheiterte die
Aufnahme an Formalitäten.
„Unser Ziel auf Bundesebene wäre eine Standardisierung des Konzepts, die
Gründung eines Dachverbands und eine professionelle Aus- und Weiterbildung
auch im Bereich der Kinderschutzmedizin“, sagt Bernhard.
## Studie beschreibt Vorteile
Eine von Baden-Württemberg finanzierte qualitative Studie zum Konzept der
Childhood-Häuser in Deutschland aus dem Jahr 2025 – die erste ihrer Art –
beschreibt detailliert die Arbeit der Häuser. Deren Wirkung zeige sich
weniger in „juristischen Kennzahlen wie Verfahrensdauer oder
Verurteilungsquoten“ – sondern vielmehr in der kindgerechten Gestaltung der
Prozesse.
Sowohl für Kinder als auch für Eltern stellten die Häuser „eine bedeutende
Ressource“ dar, so die Autor*innen: Sie schüfen einen Raum, „in dem
Vertrauen wachsen, Partizipation gelingen, Belastungen reduziert und
Bewältigungsprozesse angestoßen werden können“.
„Viele Kinder, die ins Childhood-Haus kommen, haben Grenzverletzungen
erlebt“, heißt es in der Studie weiter. Nun gehe es darum, ihnen zu
vermitteln, dass ihre Grenzen anerkannt und respektiert werden.
Für ihn persönlich sei es ein Erfolg, „wenn Kinderärzte uns kennen, wenn
das Vorgehen sortiert stattfindet“, sagt Bernhard. Wenn das Kind von vier
verschiedenen Ärzt*innen untersucht, von fünf verschiedenen Personen
befragt und in neun verschiedenen Räumen alles von vorn erzählen müsse, sei
das eine Katastrophe. „Je weniger solcher Irrläufer es gibt, desto besser.“
15 Feb 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.uniklinikum-leipzig.de/einrichtungen/kinderklinik/Seiten/childhood-haus.aspx
(DIR) [2] /Kinder-und-Jugendliche/!6121648
(DIR) [3] /Behoerdenversagen-bei-Kindesmissbrauch-/!6094155
(DIR) [4] https://www.childhood-de.org/
(DIR) [5] /Koalitionsverhandlungen-von-SPD-und-CDU/!6078817
## AUTOREN
(DIR) Patricia Hecht
## TAGS
(DIR) Kinderschutz
(DIR) Justiz
(DIR) Medizin
(DIR) Koalitionsvertrag
(DIR) Ungarn
(DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
(DIR) Sexualisierte Gewalt
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Massenproteste in Ungarn: Orbáns Doppelmoral beim Kinderschutz
Zehntausende protestieren gegen die Orbán-Regierung. Der Auslöser: Ein
Bericht über Misshandlung von Jugendlichen in einer Strafanstalt.
(DIR) Sofi Oksanen über Kindesentführungen: Vor den Augen der Welt
Unzählige Satellitenaufnahmen zeigen, wie das russische Regime ukrainische
Kinder entführen lässt. Warum sind wir nicht in der Lage, Verbrechen klar
zu benennen?
(DIR) Gewalt an Schulen: Es bleibt eine Machtfrage
Eine Kommission gegen sexuellen Kindesmissbrauch sieht Probleme an Schulen.
Zwei Politikerinnen fordern verpflichtenden Kinderschutz in der Ausbildung.