# taz.de -- Mensch-Maschine-Kommunikation: Welterfahrung aus zweiter Hand
> Menschen wollen kommunizieren, als Gesprächspartnerin preist sich mehr
> und mehr die künstliche Intelligenz an. Doch mit einer Maschine gibt es
> kein Wir.
(IMG) Bild: Telenoid, ein von Hiroshi Ishiguro entwickelter Roboter, der die Kommunikation via Computer physisch erfahrbar machen soll, 2021
Hanns [1][Guck-in-die-Luft] heißt jetzt John Look-at-the-Screen. Aber
während Ersterem im „[2][Struwwelpeter“] mit schwarzer Pädagogik aus dem
19. Jahrhundert das Tagträumen ausgetrieben werden soll – nach dem Motto,
wer in die Wolken schaut, der fällt ins Wasser –, liegt die Sache bei John
anders.
John Look-at-the-Screen läuft auf den Bildschirm seines Smartphones
starrend die Straßen entlang. Er nimmt nichts wahr außer der digitalen
Weltabbildung en miniature auf dem Display. Er sieht nicht, was um ihn
herum geschieht. Stattdessen schaut er sich auf Tiktok, Instagram, X oder
Telegram an, was andere gesehen haben. Weil er die Welt um sich herum
ausblendet, rempelt er Leute an, die auf ihn zukommen, sofern diese nicht
ausweichen. Meist sind es nun – anders als im „Struwelpeter“ – die
Angerempelten, die straucheln und in die Pfützen treten.
Warum mit dieser Analogie in den Text einsteigen? Weil sich etwas
dramatisch verändert hat. Tagträumen, das ist Fantasie entwickeln, sich
aktiv in eine Welt denken, in der der Tagträumende die Welterfahrung
antizipiert. Auf den Bildschirm schauen dagegen ist passives Konsumieren.
Wer durch die Gegend läuft, dabei absorbiert ist von dem, was auf dem
Bildschirm stattfindet, hat keine Weltwahrnehmung, sondern eine
Abbildwahrnehmung der Welt.
## Wo bleibt die Verantwortung?
Klar, nicht alle, die im 21. Jahrhundert auf den Straßen unterwegs sind,
sind John Look-at-the-Screen. Nicht alle schauen nur auf den Bildschirm.
Aber es werden mehr. In China werden deshalb bereits [3][Smartphonewege]
eingerichtet, die das Anrempeln verhindern sollen. Weil es immer mehr
werden, ist es wichtig, sich zu vergegenwärtigen, dass es einen Unterschied
macht, ob ich eine Vorstellung davon habe, wie meine Welt ist. Oder ob ich
die Kopie der abgebildeten Welt zu meiner mache. Bei Ersterem, dem Hanns
Guck-in-die-Luft, macht der, der die Welt erkundet, irgendwie geartete
Erfahrungen – im schlechtesten Fall schlechte. Aber immer ist er dabei der
Handelnde. Bei Letzterem macht sich John Look-at-the-Screen die Erfahrungen
der anderen zu eigen. Zwischen John und der Welt ist eine Maschine
geschaltet.
Und? Ist doch Johns Bier. Nein, ist es nicht. Denn es geht mehr verloren
als nur konkrete Welterfahrung. Wer sich nicht in die reale
Auseinandersetzung begibt, lebt nicht nur nicht in der Gegenwart, er hat
auch kein konkretes Du. In der Folge [4][kein haltendes Wir]. Denn eine
Maschine ist kein Mensch.
Der kürzlich bekannt gewordene Fall eines 13-Jährigen, der sich
suizidierte, weil ihn eine [5][Onlinephalanx] dazu drängte, sowie der Fall
einer 13-Jährigen, die durch eine Chatgruppe gedrängt wurde, ihre jüngere
Schwester zu ermorden, sind schlimme Exzesse, die zeigen, was mit einer
Maschine nicht geht, selbst wenn ihre Urheber Menschen sind: Man kann mit
ihr nicht reden. Nicht argumentieren. Die Maschine wird immer die Stärkere
sein und Verantwortung übernimmt sie schon gar nicht. Verantwortung und
Verbindlichkeit werden zu Anachronismen.
## Die Spirale dreht sich immer weiter
Mehr und mehr wird über die soziale Verwahrlosung, die exzessiver Konsum
der digitalen Welten mit sich bringt, geschrieben und geforscht. [6][Neue
Begriffe machen] die Runde: Etwa das [7][Compare-and-Despair-Syndrom] –
wenn John Look-at-the-Screen, aber auch Joan Look-at-the-Screen, sich
verlieren, indem die Maßstäbe anderer zu ihrem Muss werden.
„[8][Cyberbullying]“ ist auch so ein neues Wort. Es bedeutet: Mobbing via
digitale Medien. Die Look-at-the-Screens sind dabei immer auf sich allein
gestellt. Oder [9][F]omo – fear of missing out, die Angst etwas zu
verpassen im Netz. Etwas, das eigentlich schon in der Vergangenheit liegt,
aber zur Gegenwart von John Look-at-the-Screen wird.
Das ist nicht alles. Denn hinter den digitalen Medien stecken fundamentale
wirtschaftliche Interessen, und deshalb dreht sich die Spirale immer
weiter. Tech-Imperien basteln an noch ausgefeilteren Maschinen. Die
Wirlosigkeit wird dabei mehr und mehr kaschiert, denn die Maschinen können
inzwischen sprechen und sehen auf dem Bildschirm wie Menschen aus. Ein
neuer Akteur dabei: künstliche Intelligenz, KI, die sich anmaßt, das, was
der Mensch macht, zu kopieren, gar besser zu machen, angepriesen als
Arbeitserleichterung.
Einst schrieb Herr Lorenz, mein Deutschlehrer, unter einen meiner Aufsätze,
ich solle nicht so viel philosophieren. Ich habe sofort verstanden, was er
meinte: Ich soll nicht selbstständig denken, ich soll mich nicht mit der
Welt auseinandersetzen, mir keinen Reim auf sie machen, sondern das
aufschreiben, was er für richtig erachtet. Heute geht sein Wunsch in
Erfüllung. Die KI schreibt die Aufsätze für die Schüler*innen. Die KI macht
sich keinen Reim auf die Welt. Sie hat nämlich keine.
Mit Hilfe der KI können auch andere Dinge verrichtet werden: Ärztliche
Diagnosen werden erstellt, Grafiken gefertigt, die Rechtschreibung
kontrolliert, Datingmatches gefunden, Bücher übersetzt, journalistische
Texte geschrieben. Ein Haufen Berufe werden obsolet. Fortan sagt die
Maschine, welche Krankheit Sie haben, was schön ist, was in der Welt
passiert. Der Knackpunkt aber: Die Fantasie fehlt, die aktive, souveräne,
tätige Einbildungskraft also – und damit die Freiheit. Denn das, womit die
Programme der KI bestückt werden, bestimmt in Zukunft, wie Welt
wahrgenommen wird. Aber der Input, den die KI bekommt, war schon da und ist
immer schon vergangen.
## Unaufhaltsame Weiterentwicklung
Mit Hilfe der KI wird auch Musik komponiert, werden Bilder gemalt und
Romane geschrieben, Fotos und Filme generiert. Das kreative Momentum, in
dem neue Dinge entstehen, dieser Moment, in dem der Schaffende im Dialog
mit sich selbst und der Welt ist, wird auf ein digitales Programm
reduziert, das bestenfalls Altes neu zusammensetzen kann. Gut, kann man
fragen, wie kommt da John Look-at-the-Screen ins Spiel? Die Antwort noch
einmal: als Konsument. Als solcher tradiert er das Vergangene.
Und die KI wird weiterentwickelt. Viele Anwendungen bisher sind
recherchebasiert. Aus Vorhandenem wird das Geforderte zusammengesucht,
wenngleich die Ergebnisse auf Knopfdruck in zig Sprachen vorgetragen werden
können. Der nächste Schritt aber ist der Traum von der selbstständig
reflektierenden und intelligent kommunizierenden Maschine, die auch noch
ein eigenes Bewusstsein haben soll, weil sie auf Nutzende so wirkt.
Es ist kein Zufall, dass nun die Psychologie und vor allem die
Psychotherapie bemüht wird, um dieser Entwicklung Vorschub zu leisten.
Programmiert mit den Gesprächstechniken und dem Wissen über psychologische
Prozesse soll die Maschine den Therapeuten, die Therapeutin ersetzen.
Die oftmals sehr langen Wartezeiten auf eine Therapie werden angeführt,
wenn es darum geht, den digitalen Psychotherapeuten zu rechtfertigen, der
stets verfügbar und einfühlend ist. Es ist ein fadenscheiniges Argument,
das das Entscheidende unterschlägt: dass es im therapeutischen Setting um
Lust, Empathie und Leid geht. Maschinen leiden nicht. Sie fühlen auch nicht
mit.
## Wo bleibt die Empathie?
Studien sollen zeigen, dass der digitale Psychotherapeut genauso gut ist
wie der reale. Zumindest bei bestimmten Diagnosen [10][wie Depression].
Auch Menschen, die Scham empfinden gegenüber einem echten Therapeuten, weil
sie Hilfe brauchen, profitieren angeblich von den therapeutischen
KI-Assistenten. Noch [11][aber betonen Forschende], dass die KI mit einem
echten Gesprächspartner, in Momenten in denen der Verlauf der Kommunikation
unwägbar ist, nicht mithalten kann. Festzuhalten also: Menschliche
Kommunikation ist im Grunde nicht vorhersagbar, nicht ersetzbar und nicht
programmierbar. Stattdessen hat die Maschine dafür nur den
Zufallsgenerator. Oder anders ausgedrückt: den Betrug?
Vor fast 60 Jahren entwickelte [12][Joseph Weizenbaum], damals Informatiker
am MIT, dem Massachusetts Institute of Technology, eine Sprachmaschine
namens Eliza. Sie war mit einfachen Dialogmodellen bestückt, die von
Gesprächsabläufen mit Psychotherapeuten abgeschaut waren. Als seine
Sekretärin Weizenbaum eines Tages bat, das Zimmer zu verlassen, weil sie
mit der Maschine allein kommunizieren wollte, merkte er, dass etwas im
Begriff war, außer Kontrolle zu geraten. Die Sekretärin vermenschlichte
Elizas simple textbasierte Sprachmodelle.
Eine Maschine war zu ihrem Du geworden. Weizenbaum war schockiert. Ab
diesem Moment wurde er, der 2008 mit 85 Jahren in Berlin starb, zum
vehementen Kritiker einer Entwicklung, die er selbst mit in Gang gesetzt
hatte. Als er in Berlin lebte, besuchte ich Seminare bei ihm an der Freien
Universität und bewunderte sein Neinsagen.
Denn dass bereits ein einfaches textbasiertes Programm so gestaltet werden
kann, dass Leute emotional darauf reagieren und die Maschine menschlich
identifizieren, zeigt zweierlei: Zum einen, dass Menschen in Kommunikation
treten wollen mit anderen Menschen und zum anderen, dass wir dabei allzu
leicht zu betrügen sind.
## Kein Du und kein Wir
Und wohin wird diese Erkenntnis nun führen? Vielleicht dazu: John und Joan
Look-at-the-Screen müssen verstehen lernen, dass die Abbildungswelt, in die
sie eintauchen, ihnen alles Mögliche bieten kann – außer einem Du und einem
Wir. Wege müssen aufgezeigt werden, die es ihnen erleichtern, sich der
Scheinwelt wieder zu entziehen und in die Wirklichkeit zurückzukommen.
Einen Weg gibt es schon. Er heißt [13][J]omo und ist das Gegenteil von
Fomo, der Angst, etwas zu verpassen.
Jomo steht für: „joy of missing out“ und damit für die Freude, etwas zu
verpassen. Es bedeutet, den Knopf zu drücken, auf dem der fast geschlossene
Kreis abgebildet ist, der oben mit einem senkrechten Strich versehen ist.
Das heißt auch: Herunterfahren. Aus. Kein Strom fließt mehr.
28 Dec 2025
## LINKS
(DIR) [1] https://de.wikisource.org/wiki/Der_Struwwelpeter/Die_Geschichte_vom_Hanns_Guck-in-die-Luft
(DIR) [2] https://www.gutenberg.org/files/24571/24571-h/24571-h.htm
(DIR) [3] https://www.spiegel.de/netzwelt/web/sms-beim-laufen-chinesische-stadt-eroeffnet-ersten-smartphone-gehweg-a-991667.html
(DIR) [4] https://www.tagesspiegel.de/wissen/hilfe-fur-die-digital-verwahrloste-jugend-2813335.html
(DIR) [5] https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen/leipzig/leipzig-leipzig-land/polizei-white-tiger-toetung-missbrauch-chats-100.html
(DIR) [6] https://www.css.ch/de/privatkunden/meine-gesundheit/psyche/stress/online-sucht.html.
(DIR) [7] https://www.themeadows.com/blog/the-new-ocd-obsessive-comparison-disorder/
(DIR) [8] https://de.wikipedia.org/wiki/Cyber-Mobbing
(DIR) [9] https://www.bidt.digital/phaenomene/fear-of-missing-out-der-einfluss-von-social-media-nutzung-auf-die-psychische-gesundheit/
(DIR) [10] https://www.springermedizin.de/digitale-helfer-gegen-depression/51223448
(DIR) [11] https://www.srf.ch/kultur/gesellschaft-religion/ki-als-therapeutin-wenn-chatgpt-den-seelenklempner-mimt
(DIR) [12] https://www.theguardian.com/technology/2023/jul/25/joseph-weizenbaum-inventor-eliza-chatbot-turned-against-artificial-intelligence-ai
(DIR) [13] https://utopia.de/ratgeber/jomo-the-joy-of-missing-out_173911/
## AUTOREN
(DIR) Waltraud Schwab
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