# taz.de -- Künstliche Intelligenz und Wikipedia: Wenn die KI sich Bücher ausdenkt
> Unis, Verlage und Internetseiten kämpfen mit KI-generierten
> Falschinformationen. Wiki-Autor Mathias Schindler geht gegen diese vor –
> mithilfe von KI.
(IMG) Bild: Wird von vielen Menschen genutzt: Wikipedia
„Wikipedia ist ein möglicherweise guter Ort für den Beginn einer Recherche,
aber kein Ort, an dem die Recherche enden sollte“, steht auf einer der
ersten Slides des Vortrags zu KI-generierten Inhalten auf Wikipedia von
Mathias Schindler am ersten Tag des Kongresses des 39. Chaos Computer
Clubs. Seit mehr als 20 Jahren schreibt Schindler für Wikipedia.
Doch stimmt dieser Satz über die Internet-Enzyklopädie nach November 2022,
nach der Einführung der sogenannten Large Language Models (LLMs) wie
ChatGPT und Claude überhaupt noch? Ist die Wikipedia wirklich noch ein
guter Ort für den Beginn einer Recherche?
Dass Sprachmodelle falsche Inhalte ausgeben, Fakten „halluzinieren“, ist
vielen bekannt. Schindler fiel im Rahmen eines Literaturprojekts jedoch
eine weitere buchstäbliche Fehlerquelle auf: die Quellenangabe der
vermeintlichen Fakten, besser gesagt, die ISBN.
Die „Internationale Standardbuchnummer“ besteht aus 13 Ziffern und enthält
wichtige Informationen über das Buch, etwa unter welchem Verlag es
veröffentlicht wurde. Die erste Nummer steht beispielsweise für die
Sprache, in der das Buch herauskam, die letzten zwei Ziffern sind
Prüfziffern, auch Checksumme genannt. Diese Checksumme steht am Ende der
ISBN, um feststellen zu können, ob diese echt oder möglicherweise
ausgedacht ist – oder einen Tippfehler enthält. Sie wird durch eine
mathematische Formel berechnet.
## Falsche Fakten würden in andere Sprachen übernommen
Schindler hatte zum Prüfen der einen Checksum-Checker programmiert. Er
erwartete eigentlich, Tippfehler in ISBN-Quellenangaben zu finden und
Fälle, in denen sich ein Verlag nicht an die eigentlichen Standards der
Nummer gehalten hat – menschliche Fehler. Diese fand er auch, doch darüber
hinaus stieß er auf ein weiteres Problem: frei erfundene ISBNs. Ohne es
anfangs geplant zu haben, setzte er also künstliche Intelligenz gegen die
falschen KI-generierten Inhalte ein, die der Internet-Enzyklopädie
hinzugefügt worden waren. Denn zum Schreiben des Codes seines
Checksum-Checkers kommunizierte und plante er mit der LLM Claude. „Ich
hätte das nicht ohne die Hilfe von KI machen können“, steht auf einer
seiner Präsentationsfolien.
Sein Programm stieß auf Autoren, die KI beim Verfassen von [1][Texten auf
Wikipedia] verwendet hatten, sowohl für Texte als auch für die
Quellensuche. „Als ich sie fragte, welche Prompt (Befehl an die Ki; Anm. d.
Red.) sie verwendet haben, um die Texte von einer KI schreiben zu lassen,
erhielt ich die kreativsten Ausreden“, sagt Schindler. Oft sagten sie, sie
seien bei der LLM nicht eingeloggt gewesen, hätten die Chatverläufe nicht
mehr.
Zum Teil verbreiteten sich die ausgedachten Quellen noch über Deutschland
hinaus. Sowohl die KI-ausgedachten ISBNs als auch die dazugehörigen
„Fakten“ auf Wikipedia wurden in andere Sprachen übersetzt.
## Blindes Vertrauen oder Böswilligkeit?
Doch [2][wieso nutzen Menschen überhaupt künstliche Intelligenz,] um
Wikipedia-Texte zu schreiben? Schindler kann dazu nur Vermutungen
aufstellen. Er hat drei Theorien: Entweder die Autoren wissen einfach
nicht, dass LLMs auch faktisch falsche Texte schreiben – und vertrauen
blind der Technologie. Oder, sie wollen zwar für Wikipedia schreiben, haben
aber nicht die nötigen Rechercheskills dafür und wollen das durch die
Nutzung von KI verschleiern. Oder: Sie wollen böswillig und bewusst Fakten
auf Wikipedia zu Falschinformationen verändern.
„Kann oder will ein Autor nicht genau aufzeigen, wie er KI beim Verfassen
seiner Texte verwendet hat, löschen wir alle Texte, die er seit November
2022 veröffentlicht hat“, sagt Schindler. „Es ist aufwändig, die falschen
KI-generierten Inhalte wieder aus Wikipedia herauszulöschen“, setzt er
fort. Zeit, in denen die Menschen hinter Wikipedia eben keine Texte
schreiben können.
Schindlers Erkenntnis hat dazu geführt, dass zumindest aus dem
deutschsprachigen Wiki schon zahlreiche KI-generierte Inhalte entfernt
wurden. Sein Checksum-Checker und das Wissen über die halluzinierten
Quellen verbreiten sich nun auch in den anderssprachigen Wiki-Communitys.
## Falschinformationen schaden auch den Sprachmodellen
Doch können damit alle KI-generierten Inhalte aus Wikipedia wieder
herausgefischt werden? Nein. Jedoch ermöglicht das Prüfen der Kennzahlen
immerhin Ansatzpunkte für den Verdacht, dass KI für das Generieren von
Inhalten verwendet wurde.
Solche Inhalte zu finden und herauszulöschen, ist wichtig, denn falsche
Referenzen können sonst von Wikipedia von anderen Menschen übernommen
werden, für Uni-Arbeiten, in Präsentationen, in Nachrichtenartikeln. So
verbreiten sich dann die falschen Quellenangaben munter im Internet, wenn
sie eben nicht gefunden und gelöscht werden.
„Die KI-Firmen vergiften außerdem das Wasser, von dem sie trinken“, sagt
Schindler vor dem Kongresspublikum. Denn LLMs werden bei der Entwicklung
mit Inhalten von validen Quellen gefüttert – wie eigentlich Wikipedia.
Dass sich KI-Unternehmen ungefragt an Wikipedia-Inhalten bedienen,
verursacht zudem Kosten für die Plattform. Und seit Monaten wird
verzeichnet, dass immer mehr KI auf Wiki-Artikel zugreift – und immer
weniger Menschen. Doch wenn diese von existierenden Sprachmodellen mit
falschen Informationen gefüllt werden, werden auch neue Sprachmodelle
direkt schon mit Falschinformationen gefüttert.
30 Dec 2025
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