# taz.de -- Hilfsgüter für die Ostukraine: Stundenlang warten an der Grenze
> Immer weniger Organisationen helfen Geflüchteten in der Ostukraine, dabei
> steigt der Bedarf. Unterwegs mit Peter Göbel, der regelmäßig Spenden ins
> Kriegsgebiet bringt.
(IMG) Bild: Im Hilfsgüterlager in Charkiw: Mitarbeiterinnen der Stiftung Help Window verstauen Kisten des niedersächsischen Vereins OHZ hilft
Im Lager der ukrainischen Hilfsorganisation Help Window wird es hektisch,
als beide Transporter des [1][Vereins OHZ hilft] aus Osterholz-Scharmbeck
leergeräumt sind. Die U-Bahn funktioniert wegen der russischen Angriffe auf
die Infrastruktur wieder einmal nicht. Halb Charkiw sitzt gerade im
Dunkeln, sagt Olga Obiefuleh, Mitarbeiterin des Lagers in der
[2][Ostukraine]. Immer wieder klingelt ihr Telefon und sie geht ran.
Irgendwie müssen die Frauen, die im Lager mithelfen, nach Hause kommen.
„Das ist jetzt mein Zuhause“, sagt sie zwischen den Telefonaten. Sie zeigt
ein Foto eines zerstörten Häuserblocks auf ihrem Handy. Olga Obiefuleh
wuchs im [3][Donbass] auf. Als der Angriffskrieg begann, lebte sie bereits
in Charkiw, ihre Mutter in der Nähe von Pokrowsk. In ihren Augen sammeln
sich Tränen. Die Mitte des Gebäudes ist komplett eingefallen. Dort war ihr
Kinderzimmer, bevor im August dieses Jahres eine russische Drohne
einschlug.
In Charkiw verteilt Obiefuleh seit 2023 Hilfsgüter an Binnengeflüchtete.
Peter Göbel, Gründer und erster Vorsitzender von OHZ hilft, ist einer von
neun Partnern der Stiftung. Er und sein Team liefern seit März 2022
Lebensmittel, Hygieneartikel und weitere Sachspenden – all das, was zu den
drei Überseecontainern in der Kreisstadt Osterholz-Scharmbeck gebracht wird
– in die Ukraine.
Anfangs beauftragte Göbel noch Spediteure mittels einer Zentralorganisation
in Hostomel, ein Vorort von Kyjiw. Seit 2023 fährt er selbst in den Osten,
weil die Hilfsgüter so schneller vor Ort sind und er selbst sehen kann,
dass sie dort ankommen, wo sie gebraucht werden.
## Etwas Eigenes inmitten der Zerstörung
Die Menschen, die durch den knall pink gestrichenen Flur der Stiftung Help
Window in das Zimmer neben dem Lager gehen, kommen aus Gebieten, in denen
nun die Frontlinie des Angriffskrieges verläuft. Hier hören die Helferinnen
und Helfer von Help Window zu, trocknen Tränen und reden darüber, was
benötigt wird. „Jetzt haben wir nicht viele Dinge“, sagt Olga Obiefuleh.
Deshalb helfen sie nur den Binnenflüchtlingen, die im letzten oder
vorletzten Monat nach Charkiw kamen. An vier Tagen in der Woche empfangen
sie etwa 40 Menschen.
In den vergangenen drei Monaten flüchteten immer mehr Menschen nach
[4][Charkiw]. Vor etwa fünf Monaten noch, konnten die Menschen das Hab und
Gut, was sie tragen konnten, mitnehmen. Inzwischen umklammern ihre Hände
nur noch den Reisepass. Es sei zu gefährlich, sich mit materiellen Dingen
aufzuhalten. „Sie kommen mit nichts“, sagt Olga Obiefuleh. „Wenn jemand
eine Tasse in die Hand nimmt und sagt: Endlich habe ich etwas Eigenes,
lässt sich das nicht mit Worten beschreiben“, sagt sie. Ein oder zwei
Monate bleiben die Binnengeflüchteten in der Regel in der zweitgrößten
Stadt der Ukraine. Dann reisen sie in den Westen oder ins Ausland.
Auch die Einwohner von Charkiw bringen Kleidung, Decken und Bettwäsche zu
Help Window, so Obiefuleh. Doch auch viele Einheimische haben ihr Zuhause
verloren. Der Staat leiste zwar Hilfe für Binnenflüchtlinge, seit 2025
jedoch nur noch für bestimmte Gruppen. Und es sei sehr wenig Geld,
umgerechnet etwa 40 Euro, so Olga Obiefuleh. Wie in allen Städten an der
Front seien Lebensmittel, Hygieneartikel, Kleidung, Medikamente oder
Versorgungsleistungen teuer.
Peter Göbel steckt sich am Abend auf der Veranda des Hotels die nächste
Zigarette an. Vor zehn Minuten ertönten die Luftalarmsirenen. „Daran kann
ich mich nicht gewöhnen, das wird nie normal“, sagt er, nachdem die fünfte
[5][Shahed-Drohne] im Nordosten Charkiws in ein Wohnhaus einschlägt und das
Donnern wie ein Echo in den Hinterhof des Hotels, etwa acht Kilometer
entfernt, hallt. „Ich möchte den Menschen helfen, muss mich hier aber nicht
lange aufhalten.“
Warum er trotzdem immer wieder fahre? Sein Vater, erzählt Göbel, habe oft
gesagt: Wenn du einen Menschen triffst, der Hilfe braucht, dann schau nicht
weg, hilf. Es liege ihm wohl im Blut. Der Verein OHZ hilft entstand während
der Corona-Pandemie im Jahr 2020 als Einkaufshilfe.
Lange arbeitete Göbel etwa 70 Stunden in der Woche: der Job bei einer
großen Versicherungsgruppe und das Ehrenamt. Vor kurzem wurde das zu viel,
er kündigte seine Festanstellung und ist nun Privatier. Wieder ein Donnern,
was das Team auf der Veranda zusammenzucken lässt. Ein Drittel der
Ukrainer, die er auf seinen Fahrten kennenlernte, sei inzwischen tot –
gefallen an der Front.
Olga Obiefuleh konnte nicht schlafen. Nicht weit von ihrem Zuhause schlugen
die insgesamt 15 Drohnen an sechs Orten ein – zeitgleich verhandelten die
mächtigsten Politiker der Welt über Friedenspläne. Mindestens vier Tote, 17
Verletzte, darunter zwei Kinder, liest Göbel am Frühstückstisch bei der
Tagesschau. „Das wird nicht normal, aber das ist jetzt unser Leben“, sagt
Obiefuleh.
Nicht ein vorgeschlagener [6][Friedensplan] sei gut für die Ukraine, sagt
sie, während sie durch Charkiw führt, vorbei an einem Kinderdenkmal, vor
dem sich bunte Kuscheltiere türmen. „Wir müssen das abgeben, wir müssen
dies abgeben, nichts für die Ukraine“, sagt sie, als sie vor dem Denkmal
stehen bleibt und sich Stille ausbreitet. Sie wischt sich eine Wimper von
der Wange. Was sie sich wünscht? Den Sieg für die Ukraine. Dass der Krieg
aufhört, weil er zu grausam sei. „Wir sind müde. Wir machen uns Sorgen.
Shahed-Drohnen folgen meinen Kindern“, sagt sie. Mittlerweile schaut sie
nur noch in den Himmel und verfolgt die russischen Drohnen, die über ihren
Kopf hinweg fliegen.
## Fehlende Ressourcen
Für mehrere Tage habe es keinen Strom und kein Wasser gegeben, schreibt
Olga Obiefuleh ein paar Tage später per WhatsApp. Nur alle zwei Tage wurde
es für eine halbe Stunde bereitgestellt. Die U-Bahnen, Busse und
Straßenbahnen funktionieren nicht, weshalb es schwierig sei, zur Arbeit zu
kommen.
Jedes Jahr gebe es weniger Organisationen, die Geflüchteten helfen, so
Obiefuleh. Nur noch wenige bieten kostenlose Mahlzeiten an. Wenn ein
Behinderten- oder Binnenflüchtlingsausweis fehlt, können sie aufgrund
fehlender Ressourcen nicht helfen, schreibt sie. 12,7 Millionen Menschen in
der Ukraine sind auf humanitäre Hilfe angewiesen, so das Amt der Vereinten
Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten.
Ähnlich ergehe es Hilfsorganisationen in Deutschland: „In den letzten zwölf
Monaten merke ich zunehmend, dass kleine Hilfsorganisationen sterben. „Ich
bekomme sehr viele Spenden von denen, weil sie die finanziellen Mittel zum
Fahren nicht mehr haben“, sagt Göbel. Die Fahrt nach Charkiw und zurück
koste den Verein etwa 3.000 Euro. OHZ hilft erhält keine öffentlichen
Gelder, obwohl es EU-Fördertöpfe gibt. Das sei allerdings ein
bürokratischer Aufwand der sich nicht lohne, sagt Göbel. Die Tätigkeiten
des Vereins finanziert Göbel durch Spenden und Mitgliedsbeiträge. Die
kleinen Geldspenden würden immer weniger werden, Sachspenden hingegen mehr.
Er ergänzt: „Es wird einem viel Ehre zuteil, wenn man das macht, was ich
mache. Da wird man in den Landtag eingeladen und beklatscht. Dann gibt es
eine Urkunde und eine Plakette ans Revers gesteckt. Und was hast du
erreicht? Gar nichts.“ Göbel sagt, er brauche Hilfe und Unterstützung in
seinem Tun. Die silberne Ehrennadel der Stadt staube in seiner Vitrine vor
sich hin.
## Kräftezehrende Hilfe
Alle vier bis sechs Wochen fährt Peter Göbel in das Kriegsland. Besonders
der Grenzübergang koste ihn immer mehr Kraft, sagt er, als er vor einem
verspiegelten Schiebefenster auf seinen Reisepass wartet. Knapp vier
Stunden sind vergangen und er hat noch nicht einmal den Ausreisestempel.
Danach kommt die polnische EU-Außengrenze – erfahrungsgemäß mit längerer
Wartezeit. Göbels Rekord: 22 Stunden.
Anfang 2024 erzählte Göbel Iryna Tybinka, der ukrainischen Generalkonsulin,
während eines Treffens im niedersächsischen Landtag davon. Zwei Monate
später entstand, zumindest am polnisch-ukrainischen Grenzübergang Medyka,
eine Wartereihe extra für Hilfstransporte. Doch nach einem Jahr „war das
Thema wieder gestorben“. Göbel kenne die Gründe dafür bis heute nicht. Und
so steht das Team um OHZ hilft wie gewohnt stundenlang zwischen Lkws und
privaten Pkws. Ende Januar wird er Olga Obiefuleh wieder in Charkiw
besuchen und das bringen, was die Menschen vor Ort brauchen.
21 Dec 2025
## LINKS
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## AUTOREN
(DIR) Lena Hamel
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