# taz.de -- Berliner Behindertenparlament: Die Politik lässt was springen
> Beim Parlamentstag des Behindertenparlaments stehen Senator:innen
> Rede und Antwort. Konkrete Zusagen gibt es nicht, aber dafür etwas mehr
> Geld.
(IMG) Bild: Teilnehmende bei der Abstimmung mit Stimmkarten über die Anträge an den Senat
„Unser Haus des Berliner Parlaments steht allen Menschen offen“, sagt
Cornelia Seibeld, Präsidentin des Abgeordnetenhauses, und erntet Beifall.
Vor ihrem Rednerpult im Plenarsaal sitzen am Samstag fast 120 Delegierte
mit Behinderung. „Wir wissen, dass es im Haus Bereiche gibt, die wir weiter
verbessern könnten. Wir arbeiten kontinuierlich daran und nehmen gerne
Vorschläge entgegen“, fährt Seibeld in Bezug auf die Barrierefreiheit des
Gebäudes fort.
Zum vierten Mal tagt das Berliner Behindertenparlament im Abgeordnetenhaus.
Das ganze Jahr über haben Berliner:innen mit Beeinträchtigungen in
Fokusgruppen Vorschläge für mehr Inklusion in verschiedenen Lebensbereichen
erarbeitet. Am Parlamentstag stimmen dann fast 120 Delegierte, die aus den
Fokusgruppen und ausgeloste Bewerber:innen stammen, über die Anträge
ab. Anschließend werden diese dem Senat übergeben.
Das 2020 zum erstmals tagende Parlament wurde von taz-Kolumnist Christian
Specht nach dem Vorbild des Bremer Behindertenparlaments ins Leben gerufen.
In den fünf Jahren seines Bestehens hat sich die Initiative sowohl in ihrer
Arbeit als auch im Ablauf der Sitzungen weitgehend professionalisiert.
Auch für die Politiker:innen ist das Treffen ein fester Bestandteil
ihres Terminkalenders. An diesem Samstag sind Wirtschaftssenatorin
Franziska Giffey (SPD), Finanzsenator Stefan Evers (CDU), Bausenator
Christian Gaebler (SPD), Gesundheitssenatorin Ina Czyborra (SPD) und
Verkehrssenatorin Ute Bonde (CDU) gekommen, dazu drei Staatssekretäre und
die Inklusionssprecher der Fraktionen.
Bei der Fragerunde zu Beginn versuchen die Politiker:innen, sich in
möglichst gutem Licht zu präsentieren, ohne sich auf Konkretes festnageln
zu lassen. Ob zum Beispiel der Senat der Forderung nachgibt, persönliche
Assistenten bei der Bezahlung gleichzustellen mit Assistenten, die über
soziale Träger oder private Firmen angestellt sind, kann Aziz Bozkurt,
Staatssekretär für Soziales, noch nicht sagen. [1][Etwa 50 Menschen mit
Behinderung und ihre Assistenzkräfte hatten deswegen vor einem knappen
Monat für eine Nacht das Foyer der Sozialverwaltung] besetzt. „Die
Senatsfinanzverwaltung soll nächste Woche rechtlich prüfen, ob die beiden
Assistenzmodelle gleichbehandelt werden können“, sagte Bozkurt.
## Viel Selbstlob der Politik
Verkehrssenatorin Bonde verspricht, im Bereich der Mobilität werde alles
getan, um die veralteten Aufzüge der BVG so schnell wie möglich zu
reparieren. Die Kleinbus-Angebot Muva, das bei kaputten Aufzügen Menschen
zum nächsten geeigneten Bahnhof fährt, wird in Zukunft Abb heißen. Dafür
seien Gespräche mit der BVG auf dem Weg,
So geht es weiter: Bei den Themen Sport und Bildung erfährt man mehr
darüber, was bereits getan wurde, als darüber, wie der Rest umgesetzt
werden soll. Auf die Barrierefreiheit von Arztpraxen hat die Landespolitik
wenig Einfluss. Immerhin eine ermutigende Nachricht gibt es: Die
Inklusionsmittel werden für die Haushaltsjahre 2026 und 2027 beibehalten.
Am Ende jeder Fragerunde und Rede posieren die Politiker:innen mit den
Präsidenten des Behindertenparlaments für Fotos.
„Ich finde es verrückt, wie viele Politiker:innen noch einmal so einen
Batzen darüber geredet haben, wie toll sie alles schon machen“, sagt Mars
Marguerite Feuerstein und schüttelt während einer Pause verärgert den Kopf.
Mit ihrem grünen Eyeliner und ihren Herz-Ohrringen gehört die Auszubildende
in einem Berufsbildungswerk zu den Delegierten, die am Nachmittag über die
Anträge der Fokusgruppen abstimmen dürfen. „Im Bereich Gesundheit oder
Finanzen hätte ich noch einige Fragen gestellt, aber die sind ja nicht mehr
da“, bedauert der Delegierte Mirko Hübner. Tatsächlich: Nach der ersten
Stunde sind die meisten Politiker:innen wieder weg.
Ein bisschen kann man das sogar verstehen – für die Senator:innen ist
es nicht immer angenehm. Der Bausenator etwa muss sich fragen lassen: „Herr
Gaebler, haben Sie in letzter Zeit versucht, über das Internet eine
barrierefreie Wohnung zu finden?“, will eine der Delegierten wissen.
Thorsten Gutt, Sitzungsmoderator und Vorstandsmitglied der
Landesvereinigung Selbsthilfe, sekundiert die Fragestellerin: „Meiner
Erfahrung nach kann ich sagen, dass es in den Bezirken keine
unterstützenden Module bei der barrierefreien Wohnungssuche gibt. Angaben
für die Türbreite sind für uns essenziell.“
## Dauerbrenner barrierefreies Wohnen
Gaebler windet sich sichtlich bei seiner Antwort: „Es ist klar, dass die
Suche nach Wohnungen im Moment schwierig ist und die Suche nach
barrierefreien Wohnungen noch schwieriger.“ Dass Neubauten nicht
barrierefrei seien, „müsse sich ändern“. Immerhin würden sie aber mit einer
gewissen Anzahl an barrierefreien Wohnungen gebaut.
„Bei den Themen Wohnungsbau und Mobilität muss ich immer wieder
feststellen, dass der Senat unvernünftig arbeitet“, ärgert sich Gutt. Die
Quote von 1 Prozent barrierefreier Wohnungen in Neubauten sei bei Weitem
nicht ausreichend – ebenso würden 10.000 rollstuhlgerechte Wohnungen in
Berlin fehlen. Das Thema war bisher jedes Jahr Teil der Forderungen des
Parlaments an die Politik, passiert ist: eigentlich nichts.
Und dann gibt es doch noch eine gute Nachricht. Ein Antrag aus dem Vorjahr
wird bewilligt: Das Behinderten-Parlament bekommt eine Förderung von
100.000 Euro für je 2026 und 2027 – fast doppelt so viel wie bisher.
Gutt, der auch in der Vorbereitungsgruppe mitarbeitet, ist trotzdem nicht
zufrieden. „Viele Entscheidungen werden immer noch über unsere Köpfe hinweg
getroffen“, bedauert er. „Wir würden uns eben eine frühzeitige Beteiligung
an Entscheidungen wünschen, damit wir eine Stellungnahme abgeben können.“
Auch Initiator Christian Specht kann sich mehr vorstellen: etwa ein Büro
für das Berliner Behindertenparlament im Abgeordnetenhaus. „Das wäre
praktischer zum Arbeiten. Und es gibt genug Platz im Gebäude“, findet er.
Von diesem Büro war auch schon vor drei Jahren die Rede.
30 Nov 2025
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## AUTOREN
(DIR) Gabrielle Meton
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