# taz.de -- Buch „Das Patriarchat im Uterus“: Your body, their choice
       
       > Die Ärztin und Feministin Alicia Baier fordert seit Jahren die
       > Entkriminalisierung von Abtreibungen. Ihr Buch ist ein streitbarer
       > Beitrag zur Debatte.
       
 (IMG) Bild: Freiheit für die Gebärmutter! Protestzug in Berlin
       
       2025 war kein leichtes Jahr, um für liberale Abtreibungsrechte zu streiten.
       Im Februar scheiterte ein parlamentarischer Vorstoß zur Abschaffung des
       Paragrafen 218 im Bundestag, im Juli verhinderte eine Kampagne die Wahl der
       Rechtswissenschaftlerin [1][Frauke Brosius-Gersdorf zur
       Bundesverfassungsrichterin]. Sie hatte sich zuvor für eine Reformierung des
       Abtreibungsrechts ausgesprochen. Wie danach weitermachen? Die Ärztin Alicia
       Baier hat ein fundiertes und wütendes Buch zum aktuellen Stand der Debatte
       geschrieben.
       
       „[2][Mutterschaft] wird als der natürliche und soziale Auftrag gebärfähiger
       Menschen angesehen. Wer sich diesem entzieht, trifft keine private
       Entscheidung, sondern stellt eine gesellschaftliche Ordnung infrage“,
       schreibt Alicia Baier zu Anfang. Diese patriarchale Ordnung tabuisiere
       Menstruation, verharmlose sexualisierte Gewalt und erkläre den Uterus nach
       den Wechseljahren für wertlos. Nirgendwo aber zeige sich „die perfide
       Inbesitznahme des gebärfähigen Körpers so deutlich wie im Diskurs um den
       Schwangerschaftsabbruch“.
       
       ## Teufelskreis aus Stigmatisierung und Unterversorgung
       
       Wie unzählige Feminist:innen vor ihr plädiert die Medizinerin für eine
       Neuregelung des Schwangerschaftsabbruchs, um das „Patriarchat aus dem
       Uterus zu holen“. Denn laut Paragraf 218 im Strafgesetzbuch sind
       Abtreibungen bis zur 12. Woche nach Empfängnis lediglich straffrei, nicht
       legal. Den Teufelskreis von Stigmatisierung, fehlendem Wissen und
       Unterversorgung zeichnet Baier in der Verstrickung politischer und
       medizinischer Kontexte nach.
       
       Rund 100.000 Mal pro Jahr, 280 Mal pro Tag, wird in Deutschland
       abgetrieben. Als grundlegende Gesundheitsversorgung von Schwangeren werden
       Schwangerschaftsabbrüche jedoch meist nicht betrachtet. Nur eine Minderheit
       der Ärzt:innen und Kliniken bieten Schwangerschaftsabbrüche an, viele
       fürchten die hohe bürokratische Last und die Angst vor Stigmatisierung,
       anderen fehlt die Ausbildung oder sie lehnen Abbrüche grundsätzlich ab.
       
       Baier kennt das Problem: „Ich erinnere mich noch gut an eine Frau aus
       Bayern, die über 20 Praxen durchtelefonieren musste, nur um das Alter der
       Schwangerschaft im Ultraschall feststellen zu lassen. Sobald sie sagte,
       dass sie die Schwangerschaftswoche dringend wissen müsse, weil sie einen
       Schwangerschaftsabbruch plane, wurde sie abgewiesen. ‚Damit wollen wir
       nichts zu tun haben‘, war einer der Sätze, die am Telefon fielen.“
       
       Und findet sich doch ein Angebot, fehlt es oft an Wahlfreiheit, wie die
       Leser:innen erfahren. Die schonendere medikamentöse Abbruchmethode wird
       seltener angewandt als medizinisch möglich. Und obwohl für operative
       Eingriffe die Absaugmethode etabliert ist, verwenden Ärzt:innen in rund
       einem Sechstel der Fälle weiterhin die veraltete und riskantere
       Ausschabungsmethode.
       
       ## Eine Frage von Tagen
       
       Der prekäre Zustand in der Versorgung wird bedingt durch die gesetzlichen
       Hürden, die ungewollt Schwangere und Ärzt:innen überwinden müssen: der
       Abbruch vor der 14. Schwangerschaftswoche, also der 12. Woche nach
       Empfängnis; die gesetzliche Pflichtberatung und anschließender 3-tägiger
       Wartezeit; die weiten Wege und die hohen Eigenkosten.
       
       Es zeigt die Doppelmoral: Die Gesellschaft übt juristisch und zeitlich
       Druck aus, verhindert durch Wartefristen und Versorgungsknappheit aber
       gleichzeitig, dass Abbrüche früher stattfinden. Baier schlägt deshalb vor,
       auf gesetzliche Fristen ganz zu verzichten: „In meinen Augen sollte es zu
       keinem Zeitpunkt der Schwangerschaft in Ordnung sein, das fetale
       Lebensrecht per Gesetz über die Grundrechte und die Gesundheit von
       Schwangeren zu stellen.“ Auch in Ländern wie Kanada oder Niederlande mit
       keinen oder deutlich späteren Fristen fänden die meisten Abbrüche vor der
       9. Woche statt, so die Autorin.
       
       ## Politisch klar positioniert
       
       Baier ist [3][nicht nur Ärztin, sondern auch Vorsitzende] des von ihr
       gegründeten „Doctors for Choice“. Das deutschlandweite Netzwerk von
       Ärzt:innen, Studierenden und Menschen aus anderen Gesundheitsberufen setzt
       sich für den selbstbestimmten Umgang mit Schwangerschaften ein. Genauso
       lange ist die Medizinerin auch von Bedrohungen von
       [4][Abtreibungsgegner:innen] betroffen.
       
       Einschüchtern lässt sie sich davon nicht: Und so fordert Baier etwa von der
       Unionspartei mehr inhaltliche Tiefe beim „Lebensschutz“ – etwa auch für
       geborene Kinder – oder stellt sich gegen den konservativ ausgerichteten
       Fachverband Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe. Ihm
       wirft sie vor, in Wortwahl und politischer Positionierung oft
       Abtreibungsgegner:innen zu gleichen.
       
       ## Was passieren müsste
       
       Kenntnisreich, diskriminierungssensibel und streitbar zeigt Baier, wie der
       Hälfte der Bevölkerung strafrechtlich legitimiert ihre Autonomie und
       Reflexionsfähigkeit abgesprochen wird. Marginalisierte Positionierungen
       denkt sie dabei konsequent mit. Vor allem ihre Erfahrungen aus dem
       medizinischen Alltag erweitern den Diskurs um lebensnahe, empathische
       Position.
       
       Was muss jetzt passieren? Neben der Entkriminalisierung fordert die Autorin
       den Abbau von Zugangshürden, die verpflichtende Thematisierung im
       Medizinstudium oder auch die Abschaffung des institutionellen
       Weigerungsrechts. Damit legitimieren bisweilen noch [5][ganze Kliniken,
       weshalb sie keine Abbrüche durchführen sollten.] Trotz der Rückschläge von
       2025 zeigt sich: An Vorschlägen fehlt es ebenso wenig wie an der Resilienz
       und Hartnäckigkeit einer weiteren Generation von Feminist:innen.
       
       14 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
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