# taz.de -- Theaterstück nach Kae Tempest: Illustration durch die Hintertür
       
       > Am Deutschen Theater Berlin inszeniert Sebastian Nübling „Let them eat
       > Chaos“ als Stationendrama. Der Drive des Originals leidet etwas.
       
 (IMG) Bild: Alltagsmenschen, wie sie in der Inszenierung am Berliner DT zu sehen sind: Szene aus „Let them eat Chaos“ nach Kae Tempest
       
       Die Zeit zwischen 3 und 5 Uhr früh wird auch Wolfsstunde genannt, weil
       außer dem Schafsräuber alle schlafen. Morgens um 4.18 Uhr rutscht aber auch
       die innere Chemie von Großstadtbewohnern in eine lichtlose Talsohle. Im
       Langgedicht „Let them eat Chaos“, das der britische Schriftsteller, Musiker
       und seit diesem Jahr Transmann Kae Tempest 2016 im Alter von 30 als Text
       und Album herausbrachte, sind sieben Menschen in einer Londoner Straße
       Punkt 4.18 noch wach. Alle für sich und in ihrer Wohnung, wo ihnen der
       Dichter in Hirne und Herzen schaut.
       
       Einer stochert besoffen nach dem Wohnungstürschloss, eine Pflegerin grübelt
       über die Spuren kolonialer Vergangenheit, eine andere hat vom Ex geträumt,
       ohne den sie die Kinder großzieht, eine weitere fliegt gerade aus der
       Wohnung, weil die luxussaniert wird – selbst der PR-Typ, dessen Karriere am
       Schnürchen läuft, hat keinen Schimmer, wozu er eigentlich lebt.
       
       Wie Kae Tempest vom Neoliberalismus geformte Individuen porträtiert, ohne
       sie zu verraten, wie er die depressive Hellsicht der Schlaflosen mit einem
       Weltuntergangssturm samt apokalyptischen Reitern verknüpft, ist grandios
       und erschütternd – und in der Albumsversion zwischen minimalistischem
       HipHop und Performance Poetry reinste Wortmalerei von melodiös-rhythmischer
       Schönheit. Nur mal zum Beispiel: „But every time he gets paid he gets
       wasted and wakes up with less than he made and he hates it. Fast-paced,
       shit-faced, low-maintenance.“
       
       ## Normalmenschen in Alltagsklamotten
       
       Knapp zehn Jahre später [1][nun inszeniert Sebastian Nübling] den Text auf
       der Kammerspielbühne des Deutschen Theaters in Berlin. Sieben
       Normalmenschen in Alltagsklamotten – nur Natali Seelig sticht in grünem
       Bademantel und gelben Puschen heraus – drängeln sich am Rand eines
       Lüftungsschachts, der wie ein Laufsteg längs der Rampe steht.
       
       Darüber hängt eine Art monströser Abzugshaube, die aber nur als
       Projektionsfläche für Lichtmuster dient (Bühne Dominic Huber). Im Pulk
       wandeln die sieben in Zeitlupe von einem Ende zum anderen, sprechen im Chor
       das Intro, in dem Tempest aus dem All auf Sonne, Erde, London, Menschen
       zoomt. Jackie Polonis Tonspur fährt zunächst Großstadtgeräusche auf –
       Stadtpark, U-Bahn, Autoverkehr, später kleine und große Beats. Dann lösen
       sich einzelne Figuren aus der Gruppe, und die Herde zerfällt.
       
       ## Logische Fortsetzung
       
       In gewisser Weise ist der Griff zu Kae Tempests 70-Seiten-Gedicht die
       logische Fortsetzung eines Stoffs, [2][den Nübling 2022 mit Kollege Boris
       Nikitin am Jungen Theater Basel] entwickelt hat, dort, wo die Regiekarriere
       des Kulturwissenschaftlers einst Ende der 1990er Jahren Fahrt aufnahm.
       
       In „Dämonen“ schwärmten sieben Performer:innen aus dem Theater hinaus
       in die Dämmerung, liefen von einer Videokamera verfolgt durch die
       saturierte Stadt. Im dynamischen Gehen sprachen sie über Lebensgefühle
       voller Ängste und Wut, über das Eingezwängtsein in Erwartungen und den
       Ausbruch in den Rausch – zumindest im Geiste ganz ähnlich wie Tempests
       Londoner Leute. Das Publikum verfolgte den Aufstand der Basler Jugend als
       Live-Film im Theater.
       
       Dagegen wirken die Spieler:innenkörper in „Let them eat Chaos“
       gebremst, fast sediert. Tatsächlich ist die Mühle von Doubleshift und
       drogeninduziertem Absturz ein Motiv in Tempests Text, die Darstellung des
       rasenden Stillstands vielleicht das Ziel. Doch der Druck, den die
       Spieler:innen in ihre Stimmen legen, wirkt häufig aufgesetzt.
       
       Obendrein fehlt der Übersetzung von Johanna Davids die performative
       Geschmeidigkeit des Originals – Mercy Dorcas Otieno als Pflegekraft rutscht
       immer mal wieder ins Englische, weil es besser flutscht. Und so sehr der
       Regisseur zunächst auf Abstraktion und gegen Illustration inszeniert, kommt
       sie doch durch die Hintertür wieder rein, wenn Jens Kochs Psycho-Yuppie die
       Bohrmaschine wie eine Waffe schwenkt oder sich alle an den Lüftungsschacht
       setzen, als wär's eine Theke im Pub.
       
       ## Wach sein und stärker Lieben
       
       Natali Seelig befriedet als Ladykillerin mit Liebeskummer am Ende die
       überhitzte Gesellschaft, unter ihrem Körper, der von einer Schulter zu
       anderen gleitet, findet die Gruppe wieder zusammen. „Wake up and Love
       More“, mit dieser Botschaft entlässt Nübling nach 70 Minuten das Publikum
       in den Abend.
       
       Auch wenn die apokalpytischen Reiter es namentlich nicht in die
       Inszenierung geschafft haben, [3][hat Kae Tempest mit „Let them eat Chaos“]
       doch schon fast alles abgesteckt, was uns 2025 umtreibt: der Niedergang des
       Westens, die Dämonen der kolonialen Vergangenheit, die Ausdehnung des
       Neoliberalismus bis in die letzten Winkel des digitalen Medienkonsums. Die
       Wolfsstunde hat sich breitgemacht – auch wenn das Theater hier dafür noch
       keine überzeugenden Bilder gefunden hat.
       
       30 Nov 2025
       
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