# taz.de -- Hitze in Libanon: Da hilft nur schwarzer Humor
       
       > Die Sommerhitze überstehen Libanes*innen in teuren Strandresorts und
       > mit umweltschädlichen Klimaanlagen. Die Regierung hat keine bessere
       > Lösung als Erdgas aus Israel.
       
 (IMG) Bild: Strandleben im Tyre Sour Beach Resort nahe der libanesischen Stadt Tyros
       
       Immer im Hochsommer fliegen sie durchs offene Fenster, legen sich auf die
       Duschwanne, ins Waschbecken, auf die Bettdecke und die Kopfkissenbezüge:
       kleine schwarze Partikel, die sich von heißem Wasser und Seife nicht
       beeindrucken lassen. Wenn die Ventilatoren der Klimaanlagen der Nachbarn an
       den Häuserwänden rotieren und die Kompressoren auf Hochtouren arbeiten,
       schleudern Stromgeneratoren die Partikel in alle Richtungen.
       
       Das Rödeln der Kästen mischt sich unter die übrigen Geräusche von der
       Straße. Sommer in Beirut, das sind tanzende Feinstaubpartikel und lautes
       Röhren von Motoren. Dazu 70 Prozent Luftfeuchtigkeit und Temperaturen über
       30 Grad.
       
       Wer es sich leisten kann, sucht Abkühlung am Strand. Die rund 240 Kilometer
       Küste sind weitgehend privatisiert. Am einzig öffentlichen Strand in der
       ganzen Hauptstadt fließt das Abwasser in einem großen Rohr gleich neben dem
       Sandstrand ins Meer. Da lässt man das Baden lieber bleiben.
       
       Auch wenn sich der Mittelmeerraum alarmierend schneller erwärmt als der
       weltweite Durchschnitt, sind die Temperaturen nicht erst seit der
       Klimakrise so hoch.
       
       Trotzdem hat der Staat keine Lösungen parat, außer: private Generatoren,
       die Schweröl für Klimaanlagen verbrennen und Feinstaub freisetzen, der den
       Körper vergiftet. Bisher haben die Politiker davon profitiert: Die
       Generatorenmafia ist eng mit der Politik verbandelt. Politiker aller
       Parteien verdienen mit den Dieselgeneratoren mächtig Geld. Libanons
       Strombehörde war eine Goldgrube für korrupte Politiker und ihr Klientel.
       Geld floss hinein – und direkt in private Taschen.
       
       ## Gas aus Israel – statt umweltschädliches Heizöl
       
       Doch nun soll das anders werden, hat Libanons Regierung beschlossen.
       [1][Bei seiner Antrittsrede im Januar 2025 hat Präsident Jospeh Aoun]
       versprochen, der Korruption einen Riegel vorzuschieben. Energieminister Joe
       Saddi kündigte Mitte August an, das staatliche Elektrizitätswerk würde bald
       mit Erdgas versorgt – einem billigeren und weniger umweltschädlichen
       Kraftstoff als Diesel und Heizöl. „Die Verträge sind fast fertig“, so der
       Minister.
       
       Die Idee: eine 1.200 Kilometer lange Pipeline aus den Anfängen der 2000er
       Jahre wieder flottzumachen. Die [2][Arab Gas Pipeline] soll ermöglichen,
       dass Jordanien, Syrien und Libanon gemeinsam Erdgas auf dem Markt kaufen.
       
       Die Krux: Das Gas soll nicht nur aus Katar, sondern auch aus Ägypten
       kommen. Ägypten jedoch hat keine eigenen Gasvorkommen. Im Dezember 2025
       hatte Kairo einen Gasdeal im Wert von rund 30 Milliarden Euro mit Israel
       geschlossen. Also dem Land, [3][das derzeit rund 60 Dörfer im Südlibanon
       besetzt und über 30 davon dem Erdboden gleichgemacht hat]. Für die
       Libanes*innen heißt das: Ihre Regierung möchte Gas aus Israel kaufen.
       Ein absolutes No-Go.
       
       ## Kein Vertrauen in die Politik
       
       Entsprechend alarmiert ist aber kaum jemand. Bisher ist der Teil der
       Pipeline, der Syrien mit Jordanien verbindet, noch nicht wiederhergestellt.
       Dass das Projekt tatsächlich realisiert wird, daran glaubt niemand. Seit
       ihrer Kindheit hören die Libanes*innen, dass die Politiker das Stromproblem
       lösen.
       
       Entsprechend sind die Kommentare unter einem Medienpost über die Pipeline:
       „Seit den 1980ern hören wir die immergleichen Szenarios von anderen
       Regierungen, das Resultat sind 3 Stunden Strom am Tag.“ „Exzellente
       Möglichkeit für Politiker, noch mehr Geld zu stehlen.“ „Nichts, was wir
       nicht schon tausendmal gehört hätten.“
       
       „Ein Vorschlag: Wie wäre es, wenn die Politiker für das Projekt ihre Niere
       verkaufen?“, fragt ein Libanese entsprechend. Nach Protesten vor der
       Strombehörde und dem Parlament im Jahr 2019, der folgenden
       Wirtschaftskrise, [4][der Beiruter Hafenexplosion 2020] und den
       israelischen Angriffen seit 2023 bleibt vielen nur noch schwarzer Humor.
       
       Denn das ist offenbar die einzige Lösung, um nicht nur die Hitze, sondern
       auch alle anderen Krisen im Land irgendwie auszuhalten.
       
       1 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) [4] /Gedenktag-zur-Hafenexplosion-im-Libanon/!6104718
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Julia Neumann
       
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