# taz.de -- 30 Jahre Dayton-Abkommen: „Schlimmer als die physische Belagerung“
> Mersiha Beširović leitet die Handelsgewerkschaft von Bosnien und
> Herzegowina. 30 Jahre nach Kriegsende spricht sie von einem politischen
> Teufelskreis.
(IMG) Bild: Fordern eine Gehaltserhöhung: Mitglieder verschiedener Gewerkschaften unterwegs in Sarajevo Ende November 2024
taz: Frau Beširović, als der [1][Bosnienkrieg vor 30 Jahren endete], waren
Sie 21 Jahre alt. Was waren Ihre Hoffnungen damals – und welche haben sich
erfüllt?
Beširović: Ich war damals schon verheiratet und hatte ein einjähriges Kind.
Und natürlich war ich voller Hoffnung. Weil ich dachte, unser Leid hätte
endlich ein Ende gefunden und das Töten. In meinem Inneren bin ich noch
immer sehr optimistisch, und das ist das einzige, was mir Kraft gibt,
weiterzumachen. Aber wenn ich auf die letzten 30 Jahre zurückblicke, würde
ich sagen, dass es heute in Bosnien und Herzegowina schwieriger ist, in
Frieden zu leben als während des Krieges. Während des Krieges waren wir
alle gleich. Und heute herrscht eine enorme Ungleichheit in allen Bereichen
unseres Lebens.
taz: Was meinen Sie damit?
Beširović: Es gibt in unserem Land Menschen, die mächtig sind, weil sie
mehr Geld haben. Und die legen die Regeln fest. In Bosnien und Herzegowina
sollte es eigentlich nicht um Religion gehen und nicht um Nationalität.
Unser nationales Interesse sollte es sein, zu arbeiten und von unserer
Arbeit leben zu können. Und wenn die Mehrheit der Menschen das versteht,
wird es einfacher.
taz: Da hört man raus, dass sie Gewerkschafterin sind. Das
[2][Dayton-Abkommen von 1995 basiert auf ethnisch-religiöser Quotierung in
allen Bereichen des Staates] und das befördert die Korruption. Sie aber
möchten Klassenkampf statt Kulturkampf?
Beširović: Man lässt sich leicht täuschen durch Nationalismus und Religion,
lässt sich einreden, man müsse unbedingt die „eigenen Leute“ wählen, damit
andere nicht gewinnen – das ist die gängigste Erzählung in Bosnien. Für
mich ist diese „Belagerung“ schlimmer als die physische Belagerung
Sarajevos.
Ich denke, ich habe das Recht, das zu sagen, weil ich während des gesamten
Krieges in Sarajevo war. Man spürt in Bosnien wirklich, dass man in einer
Art Teufelskreis gefangen ist. Aber ich hoffe sehr – persönlich und als
Gewerkschafterin –, dass wir endlich anfangen, umzudenken und die Menschen
davon zu überzeugen, dass ein anständiges Einkommen das wichtigste
Interesse im Land ist.
taz: Bosnien und Herzegowina hat durch das Dayton-Abkommen eines der
kompliziertesten politischen Systeme der Welt. Was heißt das für die
Gewerkschaften?
Beširović: Die größte Herausforderung für die Gewerkschaften ist der
Unterschied zwischen der Arbeit im öffentlichen Dienst und im sogenannten
privaten Sektor. Die Organisierung im privaten Sektor ist fast unmöglich,
weil die Firmen sich dagegen wehren. Aber auch die Tatsache, dass die
Gewerkschaftsbewegung sehr stark der politischen Spaltung des Landes folgt,
ist ein Problem.
Es gibt tatsächlich zwei Gewerkschaftsbünde, einen in der Föderation
Bosnien und Herzegowina und einen in der [3][Republika Srpska]. In meinem
Arbeitsbereich, dem Handel, ist das ein großer Nachteil: Wir sind ein
kleines Land und haben einen so kleinen Markt und sind so zersplittert.
taz: Ihre Handelsgewerkschaft macht es anders als die anderen bosnischen
Gewerkschaften. Sie möchten in beiden Landesteilen Arbeitnehmer:innen
organisieren.
Beširović: Während des Krieges ruhte unsere Arbeit, die ersten neuen
Aktionen und Aktivitäten starteten 1996. Wir beschlossen, die Gewerkschaft
von Grund auf neu zu organisieren, da der Handel als Sektor damals mit der
Privatisierung und dem Übergang der Eigentumsverhältnisse konfrontiert war.
Und: Wir wollten Arbeitnehmer:innen im ganzen Land organisieren.
Weil sie für dieselben Firmen arbeiten, dieselben Probleme und Interessen
haben und es daher dringend notwendig ist, dass sie in einer gemeinsamen
Gewerkschaft organisiert sind. 2009 haben wir eine große
Gewerkschaftsreform durchgeführt. Wir haben damals erklärt, dass unsere
Gliederung nicht mehr der politischen Gliederung des Landes entsprechen
soll. Stattdessen haben wir streng geografische Regionen eingerichtet.
Jede dieser Regionen umfasst sowohl die Republika Srpska als auch die
Föderation. Drei unserer zehn Vorstandsmitglieder sind Vertrauensleute aus
der Republika Srpska, die dort leben und arbeiten. Wir sind stolz auf diese
Besonderheit, aber natürlich ist es in der Realität nicht so einfach, eine
solche Gewerkschaft zu führen. Die Politik in diesem Land hat fast alles in
ihrer Hand. Insofern hat sie leider auch die Gewerkschaften fest im Griff.
taz: Ihre Gewerkschaft ist auch in anderer Hinsicht besonders: Sie
unterstützt die LGBTQI-Community in Bosnien und Herzegowina.
Beširović: Und das wurde stark kritisiert. Wir als Vorstand und ich
persönlich haben uns sehr bemüht, unseren Mitgliedern zu erklären, warum
das wichtig ist. LGBTQI wird in der bosnischen Gesellschaft allgemein nicht
akzeptiert, weil wir eine sehr traditionelle Gesellschaft sind. Wir
unterstützen als Gewerkschaft die [4][Pride-Parade in Sarajevo], seit drei
Jahren beteiligen wir uns aktiv an den Aktivitäten und Werbematerialien.
Denn wir sind nicht frei, solange es in Bosnien Menschen gibt, die nicht
frei sind. Außerdem sind wir der Meinung, dass Gewerkschaften eine größere
Rolle spielen müssen, als sich nur auf Gehälter und Arbeitsbedingungen zu
konzentrieren. Und das ist etwas, das innerhalb der Gewerkschaftsbewegung
nicht sehr gut angenommen wird. Und sonst auch nicht.
Beim letzten Pride-Monat wurden unsere Fenster eingeschlagen, weil wir die
LGBTQI-Flagge daran angebracht hatten. Wir wurden in den sozialen Medien
direkt bedroht. Aber wie gesagt, ich hatte auch Schwierigkeiten, den Leuten
in unserer eigenen Gewerkschaft zu erklären, warum das für uns so wichtig
ist. Wir sind fest davon überzeugt, dass es eine Angelegenheit der
Gewerkschaft ist. Wir müssen über die Arbeiter:innen sprechen, die
gemobbt werden, aufgrund ihrer sexuellen Orientierung, aufgrund ihres
Geschlechts. Das ist nichts, was sich von der allgemeinen
Gewerkschaftsarbeit trennen lässt.
taz: Insgesamt ist das Image der Gewerkschaften in Bosnien und Herzegowina
nicht besonders gut. Woran liegt das?
Beširović: Das größte Hindernis für die Gewerkschaften heutzutage ist die
altmodische Denkweise. Sie arbeiten immer noch sehr stark nach den
Prinzipien der Gewerkschaften aus der Zeit des ehemaligen Jugoslawien.
Gewerkschaftsbosse halten sich für politische Bosse und verhalten sich im
Alltag auch so. Sie haben also keinen Kontakt zu den Arbeitnehmer:innen.
taz: Die Bosse stehen also eher auf der Seite des Staates als auf der Seite
der Arbeitnehmer:innen?
Beširović: Die Gewerkschaftsbewegung wird von den meisten
Arbeitnehmer:innen im privaten Sektor als Organisation wahrgenommen,
die nur auf Mitgliedsbeiträge aus ist und nichts leistet. Und ich würde
sagen, dieses allgemein sehr schlechte Image der Gewerkschaften ist eine
große Belastung für uns alle. Andererseits tun die Gewerkschaften nicht
wirklich viel, um das zu ändern.
Abgesehen von der politischen Spaltung sind wir auch innerhalb der
Gewerkschaftsbewegung gespalten. Es gibt zum Beispiel eine Gewerkschaft,
die im Agrarsektor aktiv ist. Das hält sie aber nicht davon ab, unsere
Mitglieder abzuwerben. Ich würde sagen, der Hauptgrund für die schlechte
Lage der Arbeitnehmer:innenrechte in Bosnien liegt auch in den
Gewerkschaften selbst.
taz: Besonders junge Menschen verlassen Bosnien und Herzegowina in Scharen.
Was kann man gegen die Abwanderung tun?
Beširović: Es gibt politische Strategien dagegen – aber nur auf dem Papier.
Sie sind nur dazu da, die internationale Gemeinschaft zufriedenzustellen
und den [5][EU-Beitritt Bosnien und Herzegowinas] zu befördern. Junge
Menschen werden oft für politische Kampagnen ausgenutzt, aber niemand hat
die Absicht, ihnen wirkliche Macht zu geben.
Die jungen Menschen verlassen das Land wegen seiner politischen
Instabilität und der wirtschaftlichen Lage. Und sie haben heute eine andere
Einstellung zu ihren Arbeitsplätzen. Sie wollen menschenwürdige
Arbeitsbedingungen. Ich spreche oft mit vielen jungen Leuten und sage ihnen
immer, dass ich stolz auf ihre Generation bin. Früher haben wir
geschwiegen, und das ist das Problem in diesem Land: dass Schweigen der
einfachere Weg ist, zu überleben.
Meine Generation, Frauen zwischen 45 und 50, machen Überstunden, selbst
wenn sie dafür nicht bezahlt werden, und wehren sich nicht – im Gegensatz
zu den jungen Leuten, die sich ihrer Rechte sehr wohl bewusst sind und
diese auch einfordern. Heute schweigen die jungen Leute in Bosnien nicht
mehr, und darüber bin ich sehr froh. Ich sehe das auch in der weiteren
Region, besonders zum Beispiel bei den Protesten in Serbien. Diese junge
Stimme brauchen wir dringend, denn sie kann lauter sein als unser
Schweigen.
taz: Aber gerade die selbstbewussten Jungen gehen doch.
Beširović: Ja, weil sie die Situation nicht wirklich ändern können. Anstatt
die Arbeitsbedingungen, die Löhne und die tägliche Arbeit unserer
Arbeitnehmer:innen zu verbessern, um sie in Bosnien zu halten,
importieren wir Arbeitskräfte, die nur für ein Visum arbeiten. Das ist
etwas, das man auch anderswo beobachtet hat. Aber in Bosnien, wo es eine so
dysfunktionale und gesetzlose Gesellschaft gibt, führt das zu einer
besonders gefährlichen Situation. Es gibt eben eine wirklich starke,
falsche Tendenz des neoliberalen Kapitalismus auf dem Westbalkan.
taz: Jetzt haben wir viel über Probleme gesprochen, aber was gefällt Ihnen
denn an Ihrem Land, an Bosnien und Herzegowina?
Beširović: Ich denke, wir sind sehr großzügig, sehr gastfreundlich und auch
fleißig. Ich würde sagen, die Menschen aus Bosnien, aber auch aus dem
gesamten Westbalkan, sind sehr gute Arbeitskräfte, wenn sie im Ausland
sind. Im Ausland arbeiten sie gut zusammen, kooperieren und sind sogar
Freunde. Nur in ihrer Heimat nicht.
17 Dec 2025
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## AUTOREN
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