# taz.de -- Das Dreiländereck war mal Vierländereck: Am höchsten Punkt der Niederlande
> Auf dem Vaalserberg treffen sich Deutschland, Belgien und die
> Niederlande. Das sonst so flache Land erhebt sich hier auf immerhin 322,5
> Meter.
(IMG) Bild: Immer einen Besuch wert: der „Drielandenpunt“, das Dreiländereck an einem Wintertag
Die Lage beginnt verwirrend. Im niederländischen Städtchen Vaals gleich
neben Aachen fährt man, wie zwei Schilder untereinander ausweisen, den
Viergrenzenweg hoch zum „Drielandenpunt,“ also dem Dreiländereck. Vier,
drei? Können die nicht zählen in [1][Vaals]? Auflösung später.
Der Viergrenzenweg geht über viele Kurven und sogar eine scharfe Serpentine
(in Holland!) hoch. Noch eine lange Rechtskurve, und wir nähern uns dem
Punkt, wo wir dem Himmel so nah sein werden wie nirgends in diesem sonst so
pannekoekenflachen Land. Wir landen auf einem weiten, laubbewaldeten
Hochplateau und die Lage wird schnell komplex.
Um ein Ensemble von drei alten Grenzsteinen stehen vier Frauen und wähnen
sich am Ziel. „Ist das hier das Dreiländereck?“, fragt eine. Nein, das ist
Hollands höchster Punkt, der „hoogste punt“ mit 322,5 Metern, steht auch
dran. Und hier ist man eben ein paar Zentimeter höher als der exakte
Ländertreffpunkt, keine 50 Meter weiter, wo drei Fahnen wehen. Menschen
stehen Schlange und zücken ihre Smartphones. B, D und NL sind auf einer
kreisrunden Betonfläche genau markiert. „Guck mal“, ruft ein Junge
beglückt, „ich stehe mit einem Fuß in Belgien, mit dem anderen in
Deutschland und kann Holland anfassen!“ – und klick.
Der größte Teil gehört zu den Niederlanden. Deren Geschäftsleute sind hier
auch emsig zugange: Frittenbude, Eiscafé, Restaurant, gegenüber die
„Taverne de Grenssteen“, ein großer Kinderspielplatz, ein großes
Hainbuchen-Labyrinth. Daneben ein riesiger bewirtschafteter Parkplatz für
viele Hundert Autos und Busse.
## Immer noch höher hinaus
An der belgischen Seite steht der „Tour Boudouin“, der sich als „höchster
Turm am Dreiländereck“ bewirbt. Wenn man schon oben ist, will man offenbar
immer noch höher hinaus. Zwei Wanderer sind nicht so überzeugt: „Das Ding
sieht ja aus wie ein Gefängniswachturm.“ Am Turm prangt ein großes
Reklameschild – für Brand-Bier aus den Niederlanden. Grenzüberschreitend
ist auch das holländische [2][Amstel Gold Race], einer der
Frühjahrsklassiker der Radprofis, das hier oben entlangführt. Noch im Mai
sind hier die Stars Tadej Pogačar und Jonas Vingegaard langgesaust.
Gleich hinter dem Boudouin-Turm startet die Venntrilogie, ein Wanderweg
durch das belgische [3][Hohe Venn]. Hier beginnt auch der Ravel-Radweg 60
Kilometer nach Lüttich, weitgehend auf alten Eisenbahntrassen. In der
Imbissbude gibt es die deutlich besseren Fritten, gebrutzelt im
Belgien-typischen Rinderfett. Aus dem Lautsprecher erklingt gerade „Africa“
von Deuce – ja warum zu den drei Ländern nicht noch ein Kontinent dazu?
Die geschichtsbewussten Belgier haben hier zudem zwei Denkmäler für die
Opfer der Kriege errichtet und einen Quader aus Metallresten des einstigen
elektrischen Todeszaunes aus Stacheldraht („Via Dolorosa“) aufgebaut. Mit
diesem Zaun sicherten die verhassten deutschen Besatzer das Land ab 1914 zu
den neutralen Niederlanden ab, von hier über 350 Kilometer bis zur Nordsee.
Mehrere Tausend Flüchtende kamen durch Starkstromschläge elendiglich ums
Leben.
Auf der östlichen deutschen Seite ist hier oben nichts als Wald, der „Öcher
Bösch“. Geht man die Waldwege herunter ins vier Kilometer entfernte Aachen,
kommt man am blickdichten FKK-Gelände vorbei (laut Website „Zufahrt mit dem
Auto nur über die Niederlande oder Belgien möglich“), an einem
Mountainbiketrail, der Nabu-Station und ein paar schönen alten Gehöften.
## Ein Land als Provisorium
Lange war die Lage auf dem Vaalserberg noch komplexer als heute. Von 1816
bis 1919 gab es einen vierten Staat: Das winzige Kuriosum Neutral-Moresnet,
das ab 1830 – als Belgien gegründet wurde – mit seiner Spitze das Drei- zu
einem Vierländereck machte.
Das Land war als Provisorium entstanden, weil die Königreiche Preußen und
Niederlande auf dem Wiener Kongress wegen der ergiebigen Zinkminen Anspruch
auf das Gebiet stellten. Das Provisorium existierte über 103 Jahre, bis der
Zipfel nach dem Ersten Weltkrieg Belgien zugesprochen wurde.
Zwischenzeitlich gab es Postkarten mit dem Text „Wo sich vier Länder
küssen.“
Die einst vier Grenzen sind allgegenwärtig hier oben. Auf dem belgischen
Teil ist die „Kussstelle“ heute noch durch eine leicht abgeänderte
Pflasterung markiert und mit Tafeln erklärt. Das Labyrinth vermarktet sich
(Eintritt 14,50 Euro) seit vergangenem Jahr als „Vierlandenpunt
Experience“. Inmitten des Irrgartens ist als Ziel der hölzerne Amikejo-Turm
aufgebaut – Amikejo heißt auf Esperanto „Ort der Freunde“ und bezeichnete
einst das Unikum Neutral-Moresnet. Die weltweite Esperanto-Bewegung hatte
1908 sogar beschlossen, an diesem „Kreuzungspunkt der Völker“ ihre
Weltzentrale einzurichten –wozu es durch den Überfall der Deutschen dann
nie kam.
Neutral-Moresnet sei, tönt es aus Lautsprechern am Labyrinth, „ein Land,
dessen Geschichte vergessen wurde“. Das ist ziemlicher Blödsinn, denn unten
im ostbelgischen Ort Kelmis dokumentiert das schnuckelige Museum im
ehemaligen Jugendstil-Direktionsgebäude der Minengesellschaft die
Vergangenheit sehr detailliert. Da gibt es auch das „Four Country Story
Beer“.
## Vierländer-Schnapsgläser und Kaffee namens „Tasz“
Das Labyrinth aber ist ein wahrlich herausforderndes Terrain, in dem man
sich gern eine Stunde lang freudig verlaufen kann. Im Shop gibt es Salz-
und Pfefferstreuer in Grenzsteinanmutung, die Vierländer-Schnapsgläser und
einen Kaffee mit Namen „Tasz“, angeblich „gebrannt auf dem
Dreiländerpunkt“.
Als Belgien 2010/11 weltrekordige 541 Tage ohne Regierung war, gab es
Fantasien, das Land womöglich aufzuteilen. Flandern zu den Niederlanden,
die französischsprachige Wallonie zur Grande Nation – und das kleine
deutschsprachige Ostbelgien rund um Eupen? Wohin, zu Deutschland? Aus
historischen Gründen: Niemals! Lieber an Luxemburg im Süden andocken, hieß
es. Dann wäre wieder ein kussbereites Vierländereck entstanden aus NL, LUX,
FRA und D.
Zurück zum „hoogste punt“, den everestösen 322,5 Metern. „Der halbe Meter
ist sehr wichtig“, hat eine Tourismusmanagerin der Gegend mal gesagt, „denn
wenn man nicht so viel hat, muss man auf Kleinigkeiten großen Wert legen.“
Wobei der höchste Punkt hier ja nur bis 2010 war: Seitdem gehört
Sint-Maarten in der Karibik offiziell zum Königreich der Niederlande und
damit auch der Vulkan Mount Scenery mit stolzen 870 Metern. Auf dem
Vaalserberg findet sich also nur der höchste Punkt der kontinentalen
Niederlande.
Winterlich kurios war es am Vaalserberg 1992. Es hatte ergiebig geschneit,
und so entstanden für mehrere Tage Loipen, man skilanglief und rodelte,
stapfte durch Winterlandschaften. Der Begriff „Niederländische Schweiz“,
sonst nur durch umliegende Hotels und Fachwerk-Cafés mit Namen wie
Alpensicht oder Edelweiß bestätigt, machte auch meteorologisch Sinn.
Kurzerhand schaffte das Fremdenverkehrsbüro unten in Vaals 400 Leihskier
und -schuhe an. Wegen Schneemangels wurden sie seitdem nie mehr gebraucht.
## Europäische Symbolik bleibt
Jeder macht hier oben sein Ding, aber europäische Symbolik bleibt. Der
wirtschaftlich-kulturelle Zusammenschluss „Euregio Maas-Rhein“ bekam zum
10-jährigen Bestehen 1986 einen massiven Gedenkstein und lädt bis heute
gern in die Grenssteen-Taverne zu Vorträgen und Meetings. Vor der
Europawahl 2024 gab es auf dem Berg Kundgebungen, zum Europatag am 9. Mai
dieses Jahres kam einige EU-Prominenz, im Oktober machte die Initiative
„Pulse of Europe“ eine Demo. In den 1980er Jahren sollte genau auf dem
Dreiländerpunkt ein dreiteiliger Europa-Turm entstehen. Die edle
Gemeinschaftsidee scheiterte indes an den Gebirgen dreierlei staatlichen
Baurechts.
Ein paar zehntausend BelgierInnen besuchen im Jahr den Vaalserberg, rund
100.000 Deutsche, aber eine Million aus den niederen Landen. Einmal auf den
höchsten Berg kraxeln, das ist fast eine Lebensaufgabe für Menschen, die
als maximale Erhebung sonst nur Dünen kennen.
Die Geografie beflügelte vor 15 Jahren Kino-Enthusiasten aus dem
benachbarten Heerlen. Jedes Jahr laufen eine Woche lang in Kinos von
Maastricht, Heerlen, Aachen beim [4][Dutch Mountain Film Festival] die
absurdesten Dokumentationen über die Berge der Welt, die schönsten und
verrücktesten Spielfilme zum Thema. „Der Berg symbolisiert die ungezähmte
Natur, das Unerwartete, das Unkontrollierte“, schreiben die Organisatoren,
„der Bergfilm erzählt visuell vom Kampf des Menschen mit der (vertikalen)
Wildnis.“
Ein Kampf auch schon bei 322,5 Metern: Deshalb haben die Festivalfreaks die
„Webcam Mt. Vaals“ bei der Berghütte Halverwege installiert. „Ab sofort
können Sie selbst sehen, ob die Wetterbedingungen für Ihre Expedition
günstig sind.“ Dazu gibt es gemeinsame, grenzüberschreitende Wandertouren
während des Festivals, mal „Aachener Gipfelsteig“ genannt oder „Dutch
Mountain Trail“, der „über Seven Summits“ führt, wo „die Höhenluft nie
ausgeht“. Bei den Touren kann man zur Weinprobe bei den vielen Winzern der
Gegend einkehren. Der Klimawandel hat das Skilaufen rund um den Vaalserberg
gemeuchelt, aber die niederländischen Weine werden immer besser.
9 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://de.wikipedia.org/wiki/Vaals
(DIR) [2] https://de.wikipedia.org/wiki/Amstel_Gold_Race
(DIR) [3] https://de.wikipedia.org/wiki/Hohes_Venn
(DIR) [4] https://www.dmff.eu/
## AUTOREN
(DIR) Bernd Müllender
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reiche Menschen – und eine sehr dezente EU-Außengrenze zu besichtigen.