# taz.de -- Akzeptanz von Erneuerbaren: Windenergie-Geld kommt nicht bei Gemeinden an
       
       > In Brandenburg werden Gemeinden an den Einnahmen umliegender Windparks
       > beteiligt, um die Akzeptanz zu verbessern. Doch bei der Umsetzung hakt
       > es.
       
 (IMG) Bild: Rotorblatttransport in Brandenburg: Windräder in der eigenen Nachbarschaft sind oft wenig beliebt – es sei denn, sie bringen Geld
       
       Wer einen Brandenburger Bürgermeister erleben will, der sich über neue
       Windanlagen freut, muss zu Jens Hinze nach Mühlenfließ fahren. Die
       950-Einwohner-Gemeinde im Südwesten des Bundeslandes ist einer der
       Spitzenreiter [1][bei den Einnahmen aus benachbarten Windparks]. Insgesamt
       250.000 Euro flossen ihr 2024 zu. Grundlage: ein Landes- und ein
       Bundesgesetz, die Betreiber verpflichten, anliegende Gemeinden zu
       beteiligen.
       
       53 Windräder drehen sich bei Mühlenfließ. Werden die älteren durch neuere
       Anlagen der 7MW-Klasse ersetzt, könnten sich die Einnahmen sogar verdrei-
       oder vierfachen. Hinze ist überzeugt, dass die Energiewende für Dörfer auch
       eine Chance sein kann. „Jetzt müssten die Strompreise nur noch dort am
       günstigsten sein, wo sie produziert werden.“
       
       In Vorträgen erklärt er anderen Gemeinden, wie sie profitieren können. In
       Mühlenfließ haben sie mit dem Geld ihr Gemeindehaus renoviert, Bäume
       gepflanzt und Spielplätze erneuert. Im Wald gibt es nun einen Löschbrunnen
       für die Feuerwehr. Die Stimmung habe sich verbessert, sagt Hinze, das
       Verhältnis zu den Windanlagenbetreibern sei gut.
       
       Das [2][Brandenburger Windenergieanlagenabgabengesetz] ist von 2019. Mit
       10.000 Euro pro neu errichtetem Windrad und Jahr sollen die Anwohner die
       erneuerbaren Energien in der Nachbarschaft schätzen lernen. 2023 ergänzte
       der Bund diese Möglichkeit durch eine Regelung, die auch für Altanlagen
       gilt, den Paragraf 6 EEG.
       
       ## Kein Überblick, keine Kontrolle
       
       Einen Überblick darüber, was die Regeln dem Land insgesamt gebracht haben,
       gibt es nicht. Weder die Landesregierung noch das Amt für Statistik können
       sagen, wie viel Geld wirklich vor Ort ankommt. Dabei sieht das Landesgesetz
       für Verstöße Strafen von bis zu 100.000 Euro pro Windrad vor. Das
       zuständige Ministerium für Wirtschaft, Energie und Klimaschutz erklärt,
       dass es seit 2019 noch kein Bußgeld verhängt habe. Es habe aber auch keine
       Kontrollen gegeben, man würde nur aktiv, wenn Gemeinden Probleme meldeten.
       
       Auf die schriftliche Anfrage bei allen Gemeinden, Städten und Ämtern
       Brandenburgs nach ihren Einnahmen aus dem Gesetz und der Bundesregelung
       seit 2020 schicken 160 ihre Datensätze. Andere Verwaltungen wie das Amt
       Gartz oder das Amt Putzlitz-Berge verweigern die Einsicht, obwohl [3][die
       Behörden nach §4 Landespressegesetz auskunftspflichtig] sind.
       
       Dennoch ergibt sich ein klares Bild: Die Einnahmen der Gemeinden, die auf
       die Anfrage geantwortet haben, sind zusammengerechnet zu niedrig. Aktuell
       fehlend Hundertausende Euro, die eigentlich bis Ende April gezahlt hätten
       werden müssen. Hochgerechnet auf ganz Brandenburg würde das einen Schaden
       im Millionenbereich bedeuten. In einzelnen Gemeinden fehlen bis zu 90
       Prozent der Einnahmen, die ihnen zustehen.
       
       ## Überforderung von ehrenamtlichen Strukturen
       
       Teilweise ist das vor Ort gar nicht klar. Der Amtsdirektor der Region
       Seelow-Land, Steffen Lübbe, bestätigt, dass drei Viertel der ihm
       zustehenden Einnahmen nicht eingegangen sind. „Die Sache mit den Zahlungen
       ist richtig“, sagt Lübbe. „Das ist uns jetzt auch aufgefallen.“ Er wolle
       mit den „Betreibern ins Gespräch“ gehen und bedanke sich für die Recherche.
       
       In den Verwaltungsbereich Seelow-Land fällt auch das Dorf Lietzen.
       Einwohner und Gemeindevertreter zeigen, wo sich die Windräder auf den
       Feldern drehen. Eigentlich müsste das hier die Haupteinnahmequelle des
       Dorfes aus dem Windabgabegesetz sein. Doch statt 35.000 Euro kamen nur
       2.700 Euro an. Dabei muss die Gemeinde momentan jeden Cent sparen, um nicht
       in die Haushaltssicherung zu fallen.
       
       Bei der testweisen Konfrontation von vier Windanlagen-Betreibern mit der
       Recherche geben zwei zu, sie hätten nicht gezahlt – unabsichtlich. Ein
       Versehen, das die betroffenen Gemeinden 85.000 Euro gekostet hat, die nun
       nachgezahlt werden. Ein Betreiber antwortet, er zahle.
       
       ## Unwillige Betreiber
       
       Der Geschäftsführer des vierten sagt nach einigem Hin und Her zu der
       Aufrechnung, dass er den Gemeinden um seinen Windpark in der Nähe von
       Lietzen 120.000 Euro hätte zahlen müssen: Er unterstütze bereits Vereine in
       der Region. Die Verwaltung sei schuld, weil sie noch keine Bescheide
       verschickt habe. Er habe nicht gezahlt, werde sich seiner Pflicht aber auch
       nicht verweigern.
       
       Die Lietzener finden das alles hochgradig unanständig. „Was uns zusteht,
       müssen wir kriegen“, sagt ein Mann bei der Besichtigung der Anlagen. Der
       Windkraftbetreiber wisse genau, dass [4][die lokalen Strukturen entweder
       ehrenamtlich oder überlastet] seien, ergänzt eine Frau.
       
       Die Expertin Eva Eichenauer von der Fachagentur Wind und Solar berät
       Politik und Kommunen. „Geld ist nicht alles, aber es kann Teil der Lösung
       sein“, sagt sie. Leuten, die sehr stark gegen Wind- und Solarprojekte sind,
       werde auch eine finanzielle Beteiligung nicht weiterhelfen. „Viele Leute
       haben aber gar keine richtige Haltung. Bei denen kann Geld die Stimmung
       positiv beeinflussen.“
       
       Die Recherche erstaunt Eichenauer. Für sie liegt die Lösung allerdings nah:
       Sie argumentiert für mehr Transparenz. Am Mittwoch stimmte der Landtag in
       Potsdam ein neues Erneuerbare-Energien-Sonderabgabegesetz ab. Eine hier
       ursprünglich geplante Transparenzpflicht, die für Überblick und bessere
       Kontrolle sorgen sollte, war allerdings im letzten Entwurf wieder
       gestrichen worden – „Bürokratieabbau“.
       
       Transparenzhinweis 1: Die Recherche wurde gefördert und unterstützt von
       Netzwerk Recherche und der gemeinnützigen Umwelt-Förderorganisation Olin
       gGmbH. 
       
       Transparenzhinweis 2: Gegenüber einer ersten Version ist in diesem Text der
       Passus über den entstandenen Schaden präzisiert.
       
       19 Nov 2025
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Wendland-Wo-sich-der-Widerstand-dreht/!6095540
 (DIR) [2] https://www.landtag.brandenburg.de/de/gesetz_zur_zahlung_einer_sonderabgabe_an_gemeinden_im_umfeld_von_windenergieanlagen_(windenergieanlagenabgabengesetz_-_bbgwindabgg)/10091
 (DIR) [3] https://recht.nrw.de/lmi/owa/br_bes_detail?sg=0&menu=0&bes_id=4493&anw_nr=2&aufgehoben=N&det_id=492343
 (DIR) [4] /Mit-Kultur-gegen-die-Landflucht/!6102396
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Fabian Dietrich
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt Klimawandel
 (DIR) Energiewende
 (DIR) Windkraft
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) GNS
 (DIR) Vögel
 (DIR) Erneuerbare Energien
 (DIR) Energiepolitik
 (DIR) Solarenergie
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Erneuerbare Energien: Zugvögel erkennen Gefahr durch Windrotoren
       
       Die Tiere vermeiden Windkraftanlagen in Bewegung „mehr als bisher
       angenommen“. Das ergibt eine Studie im Auftrag der Windbranche.
       
 (DIR) Für Marktlenkung und Akzeptanz: Australien verschenkt Solarstrom
       
       Australische Haushalte sollen mindestens drei Stunden pro Tag kostenlosen
       Zugang zu Solarstrom erhalten – auch, wenn sie keine Solarzellen haben.
       
 (DIR) Gebremstes Wachstum bei Erneuerbaren: Trotzdem nicht aufzuhalten
       
       Die Erneuerbaren sind nicht aufzuhalten. Aber Katherina Reiche sollte jetzt
       besonders auf die Finger geschaut werden.
       
 (DIR) Solarstrom für Mietshäuser: Chance für eine soziale Energiewende
       
       Technisch ist Solarstrom für Mietshäuser möglich, doch der politische Wille
       fehlt. Man sollte sich daher von der Bürokratie nicht abschrecken lassen.