# taz.de -- Letzte Staffel von „Stranger Things“: Die Nostalgie-Therapie
       
       > Die Erfolgsserie „Stranger Things“ zeigt, wie Outsider-Kids den Horror
       > tragen, den Erwachsene produzieren. Warum uns das so magisch anzieht.
       
 (IMG) Bild: Bekämpfen Monster und werden nebenbei erwachsen: Protagonist*innen in der fünften Staffel von „Stranger Things“
       
       Die letzte Staffel ist noch nicht erschienen, aber trotzdem dominiert
       [1][„Stranger Things“] die Netflix-Charts. Unter den aktuellen Top 10
       befinden sich alle vier Staffeln. Klar, bevor am 27. November die letzte
       Staffel startet, beginnen die Fans ihren Rewatch-Marathon.
       
       Alle wollen zurück nach Hawkins, zurück zum Upside Down und seinen
       schnodderigen, menschenfressenden Tentakel-Wurzeln, zurück zur Asche, die
       Unheil verheißend durch diesen Alptraum schwebt und nach Atemmasken sehnen
       lässt. Warum zieht uns das an?
       
       Als die Serie 2016 erschien, war sie sofort ein Ereignis, [2][laut Netflix]
       sogar erfolgreicher als das damals beliebte „House of Cards“. Die Menschen
       wandten sich ab vom betrügerischen Egomanen im Weißen Haus, hin zu einem
       Haufen Kinder. Wie konnte diese Serie das Zugpferd von Netflix werden,
       obwohl die Zwillingsbrüder Matt und Ross Duffer (Idee und Produktion)
       vorher niemand kannte? Obwohl so viele der größtenteils recht unbekannten
       Schauspieler*innen in der ersten Staffel gerade mal Teenager waren?
       
       Bringen Kinder in Serien nicht eher Kinder vor den Bildschirm – und nicht
       ausgewachsenen Menschen? Nicht, wenn die Schauspieler*innen so
       hervorragend sind und sich ganz und gar nicht kindlichen Monstern
       entgegenstellen, die mit den Charakteren wachsen durften.
       
       Immer schwerer wurden ihre Prüfungen: neue und zerfließende Freundschaften,
       schmerzende Liebe, das Verlassen der Kindheit und der – teils stützenden,
       teils zerdrückenden – Familien, die unglaubliche Anstrengung Jugendlicher,
       sich gegen Erwartungen zu stemmen und sich einen Platz zu erstreiten, den
       sie mit ihrem tatsächlichen Ich füllen wollen, das angeblich zu verträumt,
       zu nerdig, zu dumm, zu schwul, zu weiblich, zu rebellisch ist.
       
       ## Wie eine Psychotherapiestunde
       
       Stück für Stück werden die Freund*innen härter, weniger naiv, aber immer
       bleiben sie idealistisch: Noch sind die Protagonist*innen eben nicht
       erwachsen. Das ist der grundlegende Zauber von „Stranger Things“. Während
       die Charaktere älter werden, altert auch das Publikum, teilt
       Entwicklungsaufgaben.
       
       Dass das funktioniert, hat schon „Harry Potter“ bewiesen. Bei „Stranger
       Things“ gilt das auch für Erwachsene: Über diese Serie nachzudenken, fühlt
       sich an wie eine Psychotherapiestunde, nur dass das Fachpersonal ersetzt
       wurde mit anderen Fans des Monsters in der Popkultur.
       
       Was passiert in der Serie? Eine Gruppe von Jungs (ja, es sind [3][die
       1980er Jahre] und es ist eine Erzählung von zwei Männern) spielt gerne das
       Spiel „Dungeons & Dragons“, doch plötzlich verschwindet einer der Jungs,
       Will (Noah Schnapp), auf dem Weg nach Hause. Er ist auf der Flucht vor
       einem Monster ins „Upside Down“ geraten, einer Parallelwelt, die unserer
       ähnelt, aber auf eine groteske, verzerrte Weise. Wie der Alptraum, der
       einen bereits seit der frühen Kindheit begleitet.
       
       Will versucht, sich dort vor dem Monster zu verstecken und seine Freunde
       versuchen, ihn zu finden, ebenso wie seine alleinerziehende, panische
       Mutter Joyce (zuerst verängstigt, dann furios: Winona Ryder), der von der
       Kleinstadtgesellschaft psychische Krankheiten nachgesagt werden.
       
       Ob zu Recht oder weil sie eine Frau ist, die Vollzeit arbeitet, trotzdem in
       Armut zwei Kinder großzieht und das, weil sie sich davor von ihrem
       missbräuchlichen Mann getrennt hat, ist unklar. Gleichzeitig taucht ein
       Mädchen auf, das aus einer Forschungseinrichtung entflohen ist: Eleven
       (Millie Bobby Brown) oder El, wie die Jungs sie nennen, nachdem sie sie
       finden und einigem Hin und Her –„Ih ein Mädchen“ – in ihre Gruppe
       aufnehmen.
       
       Auch Telekinetikerin El kennt die Welt, in der Will sich befindet. Sie war
       es, die im Labor, unter den Schmerzen von Experimenten und
       Beziehungsentzug, die Tür dorthin geöffnet hat.
       
       Während es in der ersten Stafel darum geht, Will aus dem Upside Down zu
       holen, El vor den Schergen der Laborbetreiber zu retten und dafür zu
       sorgen, dass möglichst wenige Jugendliche vom Monster gekillt werden,
       weitet sich der Horror in den folgenden Staffeln aus.
       
       ## Gruselige Bildgewalt von Stephen King
       
       Die Monster – benannt nach Kreaturen aus „Dungeons & Dragons“ – werden
       zahlreicher, vielgestaltiger und blutrünstiger. Sie streifen durch Hawkins,
       und haben immer wieder Jugendliche im Visier, gerne wenn sie Außenseiter
       sind, weil sie keusch oder queer leben oder besonders viel Sex haben. Die
       Jugendlichen müssen ins Upside Down, um es zu bekämpfen, wo sie es doch am
       liebsten verschließen würden. Doch immer, wenn sie kurz davor sind, muss El
       den Spalt doch größer machen, um ihre Freund*innen zu retten. Es gibt
       kein Leben ohne Schrecken.
       
       Das Upside Down ist die gewaltgewordene Angst vor dem, was uns festhält,
       tötet oder geistig und seelisch zerstört. Nicht umsonst wird zuerst ein
       schwuler Teenager in dieses Reich entführt, der davor bereits von
       Mitschüler*innen ebenso wie von Erwachsenen angefeindet wird. Die
       Gesellschaft will ihn schwach darstellen und macht ihn damit zum Opfer der
       Monster, die nur die Queerfeindlichkeit der Kleinstadt widerspiegeln.
       
       Während El versucht, das Upside Down zu versiegeln, fördern Erwachsene
       diesen Horror auch noch mit Experimenten, um darin nach einer Waffe für den
       Kalten Krieg zu suchen. Auf die Regierung kann man sich nicht verlassen.
       
       Die gefährliche Parallelwelt ist eine Trope des 1980er- und
       90er-Teenage-Horrors. Doch „Stranger Things“ ist nicht nur geprägt vom
       Erzählton und der gruseligen Bildgewalt von Stephen King, auch von Steven
       Spielbergs Sanftmut des fantastischen Abenteurfilms wie in den „Goonies“
       und „E.T.“. Herbstwälder, Jungs auf Bonanzarädern, Versteckspiele in
       Highschool-Gängen.
       
       Diese 80er-Jahre-Party zieht nicht nur die an, die sie erlebt haben. Sie
       verbindet Generationen. Vielleicht, weil auch die Duffer-Brüder die 80er
       nur als Kleinkinder erlebt haben. Vielleicht wegen der zirkulären
       Wiederkehr von Popkultur. Oder weil die Musik der 80er, Walkmans und
       Spielhallen nie vergessen wurden. Oder wegen der Sehnsucht nach dem
       Smartphone-freien Leben.
       
       Die Nostalgie ergreift nicht nur die Kinder von damals. [4][Menschen, die
       in den 80ern jung waren, schauen die Serie seit 10 Jahren gemeinsam mit
       ihren Kindern]. Nostalgie ist nicht nur an Gegenstände, Farben, Klänge
       gebunden.
       
       Es ist auch die Erinnerung an die eigene Entwicklung, egal in welchem
       Jahrzehnt. An eine Zeit, in der man sich von der kindlichen Unschuld
       verabschiedet. In der noch nicht entschieden ist, wie man die Schule
       beendet und was danach passiert. In der jeder Tag eine Herausforderung ist,
       die existenzieller und größer ist als die Steuererklärung oder der nächste
       Urlaub.Egal ob die Herausforderung darin liegt, jemanden um ein Date zu
       bitten oder einen mordenden Monsterhund zu töten.
       
       26 Nov 2025
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Johannes Drosdowski
       
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