# taz.de -- Besuch vom Zeitreisenden: Wie funktionieren Lust und Liebe in der Zukunft?
       
       > In der Zukunft sorgt ein moderner Haarreif für Aufsehen. Der hilft der
       > nicht nur bei Schlafproblemen, sondern sorgt auch für sexuelle
       > Befriedigung.
       
 (IMG) Bild: Wie Lust und Liebe in der Vergangenheit funktionierte, ist bekannt, aber die Zukunft ist offen
       
       Felix und ich sitzen in der Küche, essen Plätzchen und lassen uns vom
       Radio bedudeln, in dem Ed Sheeran und [1][Mariah Carey uns vorsingen,] wie
       romantisch Weihnachten doch sei.
       
       „Romantik ist tot“, sagte ich zu meinem zeitreisenden Freund, während ich
       dem Glühwein zusehe, wie er in der Mikrowelle seine Runden dreht. „Von
       jeder Zeitschrift grinst eine halbnackte Frau, im Internet bin ich nur
       einen Mausrutscher vom nächsten Porno entfernt, die Jugendlichen lernen in
       der Schule alles über Sex und Verhütung – aber was [2][ist mit Consent],
       Romantik, Zärtlichkeit, Erotik?“
       
       „Glaubst du, dass wir uns in hundert Jahren wieder Schmachtbriefe
       schreiben, die Minne singen oder gegenseitig Gedichte vorlesen?“, fragt
       Felix, der zwar aus der Zukunft kommt, sich aber nicht entscheiden kann,
       welches Plätzchen er zuerst in sich hineinstopfen soll.
       
       „Nein … aber … schön wär’s ja schon irgendwie“, sage ich. „Heute bekommen
       die jungen Männer auf Social Media von selbsternannten Pick-up-Artists
       Tipps, wie sie ‚jede rumkriegen‘, während den Frauen Produkte vorgeschlagen
       werden, die [3][K.-o.-Tropfen im Getränk] erkennen sollen. Ich verstehe
       total, dass viele Hetero-Frauen [4][lieber mit ihren Freund*innen, Katzen
       und Büchern zusammenleben] als mit toxischen Männern. Aber ich habe
       Bedenken, wie das weitergeht: mit den Incels, der Manosphere, den einsamen
       Männern, die Frauen hassen. Ich sehe da ein riesiges Problem für unsere
       gesamte Gesellschaft.“
       
       „Ach was, auf den Kapitalismus ist Verlass!“, erwidert Felix. „Bald kommt
       die erfolgreichste Erfindung des 21. Jahrhunderts auf den Markt: MrBAId.“
       
       „Klingt wie ein Badreiniger.“
       
       „Ist aber ein Sextoy mit transkranieller Magnetstimulation und
       KI-gestütztem Coaching.“
       
       „What the fuck?“
       
       „So ungefähr! MrBAId ist ein Wearable, das du wie einen Haarreifen trägst.
       Er stimuliert die Hirnzellen so, dass du das Gefühl hast, berührt zu
       werden. Gleichzeitig kannst du dir sicher sein, dass über den
       Knochenschallkopfhörer niemand außer dir seine Stimme hört. MrBAId wird von
       Anfang an als vollwertiger Partnerersatz für alleinstehende Männer
       konzipiert. Er gibt dir das Gefühl, gehalten, gestreichelt und, ja, auch
       gefickt zu werden.“
       
       „Aber das ist ja nur sexuelle Befriedigung? Was ist die große Revolution?“,
       frage ich Felix.
       
       „MrBAId ist noch viel mehr. Er hört dir zu, ohne dass du dir die Blöße
       geben müsstest, deine Sorgen einem echten Menschen zu gestehen. Er ist ein
       ausgezeichneter Gesprächspartner, interessiert, einfühlsam und
       psychologisch mit allen Wassern gewaschen. Außerdem singt er dich in den
       Schlaf, spendet dir Trost und therapiert ganz nebenbei deine seelischen
       Wunden. Denn sexuell befriedigte und emotional stabile Menschen sind viel
       eher bereit, die Hinweise eines Coaches anzunehmen – zumal wenn dieser ihre
       intimsten Gedanken und Wünsche kennt. MrBAId hat nämlich ein doppeltes
       Geschäftsmodell: Für körperlich befriedigte und charakterlich gebildete
       Kunden veranstaltet die „MrBAId Company“ Dating-Events. Keine [5][schnelle
       Wisch-und-weg-Onlinepartnervermittlung], sondern Offline-Rendezvous mit
       KI-Matching aufgrund von Myriaden gesammelter Daten.“
       
       „Hast du auch so ein Ding?“
       
       „Natürlich! Jeder hat das.“
       
       „Und wann kann ich das kaufen?“
       
       „Wenn sich die Deutsche Gesellschaft für Psychologie und Bosch endlich zu
       einer Produktkooperation entscheiden.“
       
       12 Dec 2025
       
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