# taz.de -- Film „Chaos und Stille“: Sie steigt dem Haus aufs Dach
       
       > Eine Frau will raus und nach oben: „Chaos und Stille“ ist ein
       > kompromissloser Film über Neue Musik – und Darmstadt.
       
 (IMG) Bild: Edgar Reitz (l) und Anatol Schuster vor der Premiere des Films „Leibniz – Chronik eines verschollenen Bildes“ im Februar in Berlin
       
       Klara (Sabine Timoteo) steigt aufs Dach. Das Mehrfamilienhaus, zu dem das
       Dach gehört, auf das sie steigt, gehört ihr. Sie räumt ihre Wohnung,
       verschenkt ihren Flügel, hebt viel Geld bei der Bank ab, eine Frau will
       nach oben und damit raus aus allen Bezügen. Da, auf dem Dach, liegt sie
       dann bei Sonne und Regen, bei Tag und bei Nacht. Warum sie das macht,
       bleibt eher im Vagen. Das Haus, dem sie aufs Dach steigt, liegt in
       Darmstadt, Südhessen, hier spielt „Chaos und Stille“, was schön ist, viel
       mehr deutsche Filme sollten in deutschen Städten spielen, die
       kriegszerstört, stinknormal und nicht einmal Hauptstädte sind.
       
       Anatol Schuster, der Regisseur, ist in Darmstadt geboren. Er hat auf die
       Stadt keinen touristischen Blick. Seine Figuren sind viel unterwegs, hier
       fährt die Tram, da sieht man Tauchkurswerbung im Fenster, ein
       Dirty-Harry-Graffito am Kino, dort steht das ganz und gar typische
       Mietshaus – der Weltkulturerbestolz der Stadt, das Jugenstilviertel
       Mathildenhöhe, kommt dagegen nicht vor. Dafür jede Menge Darmstädter, von
       der Straße gecastet, als Fans der Dach-Aus(f)steigerin, nach und nach fast
       eine Sekte, oder als Gegner,. Man zerreißt sich auf Hessisch das Maul.
       
       Berühmt ist Darmstadt unter einschlägig Interessierten immerhin für die
       Ferienkurse, das alle zwei Jahre stattfindende Festival für Neue Musik.
       Hier hakt „Chaos und Stille“, ein Film, der ziemlich unberechenbar hier und
       da ein- und da und dort aushakt, dann doch mit einiger Begeisterung ein. Im
       Haus, das Klara gehört, leben nämlich Jean (Anton von Lucke) und seine Frau
       Helena (Maria Spanring). Ihnen hat Klara den Flügel geschenkt, Helena ist
       Pianistin (und verdient Geld als Klavierlehrerin), Jean ist Komponist für
       Neue Musik, ein hartes Brot. Aber so kommt viel Neue Musik in den Film. Und
       auch alte, denn bei Beerdigungen, für Jean ein Geigenjob, hören die
       Lebenden und die Toten doch lieber Barock.
       
       „Chaos und Stille“ war nur einer von zwei Filmen von Anatol Schuster, die
       in diesem Jahr einen (kleinen) Kinostart hatten. Der andere war der
       exzellente „Leibniz – Chronik eines verschollenen Bildes“, da zeichnete
       Schuster als Co-Regisseur neben [1][Edgar Reitz]. Reitz ist eine Art
       Mentor, Schuster war zweiter Regieassistent bei „Die andere Heimat“. Und an
       Reitz’ epochales Generationenporträt „Die zweite Heimat“ aus den frühen
       neunziger Jahren fühlt man sich schon wegen der vielen Neuen Musik durchaus
       erinnert.
       
       Aber Schuster macht doch sein eigenes, manchmal ziemlich kauziges Ding. Zu
       sagen, dass „Chaos und Stille“ sprunghaft sei, ist noch untertrieben. Vom
       unterprivilegierten Wunderkind, das das Klavierspielen an einem
       Stoff-Keyboard gelernt hat, zum Intendanten-Arschloch, das den Senderetat
       für Neue Musik streicht: alles drin. Auch ein Psycho-Professor als
       Klara-Versteher, den der wunderbare Michael Wittenborn spielt. Oder ein
       Obdachloser mit Aluhut, der den Autoverkehr in den Straßen Darmstadts
       unsicher macht. Oder ein Mann, der Sex mit Klara hat, dann aufs Dach seines
       eigenen Hauses steigt und dabei tödlich verunfallt.
       
       Nicht alles, was hier passiert, macht bei Licht betrachtet viel Sinn. Die
       Tonfälle wechseln ganz unmoduliert, was passiert und wie es gezeigt wird,
       ist mal komisch, mal prätentiös, mal grotesk und ein paar Mal zu oft wird –
       wie schon im Titel – nicht sonderlich subtil über den Sinn des Lebens
       philosophiert. Eines macht der Film aber nicht: einen Kompromiss. Das
       Potenzial zum Sentiment schneidet der Schnitt einfach ab. Die Musik ist
       toll, aber niemals gefällig. Hier macht einer, kurz gesagt, genau das, was
       er will. Hebt ab und bleibt doch sehr geerdet: in Darmstadt.
       
       7 Nov 2025
       
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