# taz.de -- Talk zur WM-Qualifikation: Der große Kick der kleinen Länder
       
       > Es ist kein Größenwahn, dass die Färöer von einem Sieg über Kroatien in
       > der WM-Quali geträumt hatten. Und Gibraltar von einem Triumph über
       > Tschechien.
       
 (IMG) Bild: Da schien die Welt noch veränderbar zu sein: Färöer-Spieler bejubeln das 1:0. Am Ende ging das Spiel 1:3 für Kroatien aus
       
       Das ist natürlich doppelt ärgerlich für die [1][Färöer Inseln]. Nicht nur,
       dass die Kicker der zu Dänemark gehörenden Inselgruppe mit 1:3 gegen
       Kroatien verloren. Zu allem Überfluss hat auch [2][Gibraltar] eine
       1:2-Niederlage gegen Montenegro einstecken müssen. Und das, obwohl beide
       Teams hochmotiviert ins Spiel gingen und jeweils 1:0 vorne lagen.
       
       Es gibt viele (eigentlich: alle) Fußballexperten, die achselzuckend
       feststellen, dass sich wahrlich niemand über Niederlagen von Gibraltar oder
       der Färöer Inseln wundern muss; das Gegenteil sei halt die Überraschung.
       
       Einerseits ist das richtig. Aber andererseits leben wir im Jahr 2025. Und
       da lohnt es sich, ein wenig Färöer-Mathematik zu studieren. Die hat
       Nationaltrainer Trainer Eyðun Klakstein entwickelt: Hätten die Färöer gegen
       Kroatien wenigstens ein Unentschieden geholt, und wäre Gibraltar mit
       Chancen ins heutige Spiel gegen Tschechien gegangen, dann würden die Färöer
       in den Play-offs mit guten Aussichten um ihre erste WM-Teilnahme spielen.
       
       Woher kam dieser Optimismus über eine eventuelle gibraltarische Stärke? Aus
       der eigenen Erfahrung. Die Färöer hatten nämlich selbst vor vier Wochen
       gegen Tschechien 2:1 [3][gewonnen].
       
       ## Kleine Stiche gegen große Fußballländer
       
       Wer will, kann also in dieser WM-Qualifikation bemerkenswert viele kleine
       Risse in der bisherigen Architektur des europäischen Fußballhauses
       erkennen. Gucken wir hin:
       
       Belarus trotzt beim 2:2 in Kopenhagen Dänemark einen Punkt ab.
       
       Finnland verliert zu Hause 0:1 gegen Malta.
       
       Bosnien und Herzegowina haut das einst fußballstolze Rumänien mit 3:1 weg.
       
       Belgien muss beim 1:1 in Kasachstan einen Punkt lassen.
       
       [4][Kosovo] gewinnt in Slowenien 2:0.
       
       Irland schlägt Portugal 2:0, wobei Ronaldo noch Rot sieht.
       
       Und Luxemburg hält eine Halbzeit das 0:0 gegen Deutschland.
       
       Wenn viele Zufälle zusammenkommen, sind es bekanntlch keine Zufälle mehr.
       Ein oder zwei Überraschungsergebnisse an einem derart großen
       WM-Quali-Spieltag hat es immer gegeben; sie machen den Fußball attraktiver.
       Aber diesmal fällt auf, dass es immer mehr große oder früher einmal große
       Fußballnationen gibt, die sich der Herausforderung durch die Auswahlteams
       kleiner Länder nicht oder nur schwer erwehren können. Und es fällt auf,
       dass diese vermeintlich Kleinen mit äußerst großer Motivation in ihre
       Spiele gehen.
       
       ## Die Färöer-Mathematik
       
       Es ist die Färöer-Mathematik. Warum eigentlich sollte Gibraltar nicht gegen
       Tschechien gewinnen, hat sich Eyðun Klakstein gefragt? Wir haben die doch
       auch besiegt.
       
       Wir leben im Jahr 2025. [5][Nationalstaaten], die ihre Grenzen dichtmachen,
       sind die Normalität. Und innerhalb dieser Staaten macht die jeweilige
       Mehrheitsgesellschaft für sich geltend, die bessere, wichtigere und in
       jedem Fall tonangebende soziale Gruppe zu sein. Das wiederum macht es für
       Gruppen, die nicht zu dieser herrschsüchtigen Mehrheitsgesellschaft
       gehören, auf einmal plausibel, etwas Eigenes haben zu wollen – einen Staat
       oder wenigstens eine Fußballnationalmannschaft.
       
       Die Färöer, das Kosovo und auch Gibraltar haben voll anerkannte
       Nationalmannschaften, aber sie sind als Staaten nicht Teil der UN. Doch sie
       wissen, wie wichtig Sport und Kultur für die Anerkennung sind. Die
       erfolgreiche Teilnahme am European Song Contest ist so etwas wie die
       Aufnahme diplomatischer Beziehungen. Bei einer EM mitzukicken, ist die
       Vorstufe für EU-Beitrittsverhandlungen. Und die Qualifikation zu einer WM
       ersetzt den Sitz in der Uno-Vollversammlung.
       
       Die Färöer wissen das. Sie nutzen den Fußball schon lange für den Zweck
       ihrer staatlichen Unabhängigkeit von Dänemark. 1988 kamen sie in die Fifa,
       1990 sorgten sie mit einem 1:0-Sieg über Österreich dafür, dass die Welt
       endlich die Färöer kennenlernte.
       
       Für das Kosovo läuft seit 1993 eine Nationalmannschaft auf, etwa seit dem
       Kampf um staatliche Anerkennung. Seit 2016 ist es Fifa-Mitglied, und im
       ersten offiziellen Länderspiel gewann das Kosovo 2:0 über – Tärää! – die
       Färöer Inseln.
       
       Da ist es übrigens weder Wunder noch Zufall, dass das Fifa-Mitglied
       Palästina seinen Kampf um staatliche Anerkennung in diesen Tagen mit
       Länderspielen gegen Katalonien und das Baskenland austrägt.
       
       In den kleinen Ländern weiß man, wie wichtig Fußball ist. Die großen
       Staaten glauben jedoch immer noch, ihre Stärke hätte nichts mit den
       Zufällen des runden Balls zu tun.
       
       17 Nov 2025
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) [4] /Kosovo/!t5007964
 (DIR) [5] /Fussball-und-Nationalismus/!6020860
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Martin Krauss
       
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