# taz.de -- Die Deutschen und ihre Vergangenheit: Geschichtskuscheln
       
       > Das Befassen mit der eigenen Vergangenheit ist deutscher Volkssport. Aber
       > nicht, um aus ihr zu lernen, sondern, um sich hinter ihr zu schützen.
       
 (IMG) Bild: Ach, die deutsche Geschichte kann so schön sein, vor allem, wenn sie einfach an uns vorbeizieht, ohne Handlungsbedarf im Heute
       
       Die Deutschen sind ein Volk der Historiker. Sie sind auch vieles andere,
       Meister der schlechten Laune, selbstgefällige Rechthaber, Hausmeister ohne
       Sinn für Stil, Geschmack oder Timing. Im Wesen der Geschichte aber kommen
       sie ganz zu sich, hier finden sie ihr Wärmekissen, sei es in der eigenen
       Schuld oder in der Weltabgewandtheit, die immer dann zum Problem wird, wenn
       es darum geht, die eigene Provinzialität aufzugeben.
       
       Sie benutzen die Geschichte also in doppelter Hinsicht: Zum Schutz vor sich
       selbst und zum Schutz vor der Welt und ihren Widersprüchen. Geschichte, das
       hat sich in den vergangenen Jahren gezeigt, wird damit zu einem Lineal, mit
       dem sich moralische Verwerfungen sehr gut glätten lassen. Im Feuerschein
       der eigenen Verbrechen bleibt auf mirakulöse Weise vor allem das eigene
       gute Gewissen unangetastet.
       
       In stilleren Zeiten fiel das nicht zu sehr auf, da war der [1][9. November]
       ein verregnetes Ritual, bei dem sich kurz alle einig sein konnten, dass der
       deutsche Judenmord eine schlimme Sache war – bevor am [2][11. November der
       Karneval begann], die fünfte Jahreszeit, wie sie es nennen, das banale
       Bacchanal eines leutseligen Völkchens, das nicht mal feiern kann, ohne
       Orden zu verleihen.
       
       Was ist das also für eine Lücke, in die man stößt, in die man fällt, wenn
       man sich die Deutschen und ihren Umgang mit der Geschichte näher anschaut?
       Wie schaffen sie es immer wieder, mit großer Bravour über die Historie zu
       sprechen und dabei so wenig zu sagen? Und warum bleibt die Geschichte schön
       an ihrem Platz, in der Vitrine der Vergangenheit, während draußen die Welt
       zerfällt?
       
       ## Jenseits der Ratlosigkeit auf den Aufstieg der AfD reagieren
       
       Wacheren Zeitgenossen wie etwa dem Aktionskünstler Philipp Ruch lassen
       diese deutschen Widersprüche keine Ruhe: Er gründete gerade einen „Rat der
       Geschichte“, um mit historischer Weitsicht politische Voraussicht zu
       betreiben – sehr konkret geht es ihm darum, herauszufinden, wie das, was
       wir über den Aufstieg Hitlers zur Macht wissen, der heutigen Politik helfen
       kann, jenseits der Ratlosigkeit und der Apathie auf den Aufstieg der
       [3][AfD] zu reagieren.
       
       Im Gorki-Theater versammelte sich am vergangenen Wochenende dieser „Rat der
       Geschichte“, um darüber zu diskutieren, wie es der US-amerikanische
       Historiker Daniel Ziblatt ausdrückte, warum Demokratien nicht durch äußere
       Bedrohung scheitern, sondern durch inneren Zerfall, eher durch das
       Verhalten der Demokraten als der Antidemokraten – etwa das Achselzucken,
       mit dem gerade die Berliner SPD gegen ein [4][AfD-Verbotsverfahren]
       stimmte.
       
       Kann man also aus der Geschichte lernen? Überraschend oft hört man nun hier
       und da: Nein, nein, so einfach ist es nun auch nicht. Das Mantra lautet:
       Geschichte wiederholt sich nicht. Offen bleibt jedoch, ob sie sich einfach
       anders anzieht, wenn es draußen Winter ist oder Sommer, oder 1933 oder 2026
       und man nicht doch etwas erfahren könnte, über die Möglichkeiten, sich
       gegen Faschisten zu wehren, wenn man die Geschichte auf Gegenwart und
       Zukunft anwendet.
       
       Das ist die Idee von Thomas Weber, einem deutschen Historiker, der in
       Großbritannien lehrt. Das lässt ihn schon mal anders auf die Geschichte
       schauen – es sind besonders oft Akademiker*innen, die im Ausland arbeiten
       und die einen klareren Blick auf die deutschen Verhältnisse haben. Was
       nicht überraschend ist, weil das Wesen des Provinzialismus ist nun mal die
       Provinzialität.
       
       ## Das Ende von Politik
       
       Weber, der mit Ruch zusammen gerade das für die Erkundung der gegenwärtigen
       historiografischen und politischen Widersprüche wichtige Buch „Wenn das
       Gestern anklopft“ herausgegeben hat, will eine „angewandte
       Geschichtswissenschaft“ etablieren, so wie es sie vereinzelt schon in den
       USA etwa gibt, „Applied History“ heißt das dort. Das Ziel: Wissen wird zum
       Werkzeug, zur „Waffe“, wie es Ruch nennt, für die Demokratie.
       
       Ganz anders und seltsam ahistorisch hat gerade ein anderer Historiker
       gezeigt, wie Geschichte nicht für die Gegenwart zu erschließen ist. Karl
       Schlögel führte ausgerechnet in seiner Rede zur Verleihung des
       Friedenspreises des Deutschen Buchhandels vor, wie man einerseits mit
       vielen Worten wenig sagt und andererseits Geschichte durch mythologisches
       Denken der Auswegs- und Alternativlosigkeit ersetzt. Oder, in seinen
       Worten: „Dann aber kam Russlands Besetzung der Krim.“
       
       Für die Zeit nach 1989, die für das Verständnis des Konflikts in der
       Ukraine und der europäischen Gegenwart so entscheidenden neunziger Jahre,
       hat Schlögel einen halben Absatz und einige abfällige Bemerkungen übrig –
       wer sich mit dem verpassten Frieden nach dem Ende des Kalten Krieges
       beschäftigt, versteht nicht, so Schlögel, dass Putin eine „Gestalt des
       Bösen“ ist und es so kommen musste, wie es kam. Schlögel benennt damit sehr
       direkt das Ende von Politik, er diskreditiert auch seine eigene Zunft.
       
       Schlögels manichäische Intonation hat etwas Anti-Intellektuelles und passt
       damit in die Zeit. Seine Rhetorik hat nichts mit der Frage zu tun, wie man
       zur Kriegsschuld Putins steht – die etwa auch jemand wie die
       US-Historikerin Mary Sarotte nicht in Frage stellt, die dennoch in ihrem
       Buch „Nicht einen Schritt weiter nach Osten“ mit großer Genauigkeit die
       Widersprüche der westlichen Russlandpolitik analysiert.
       
       Schlögel führt damit die doppelte Gestalt der Geschichte vor: Vergangenheit
       wird benannt, um Gegenwart zu legitimieren. Das hat wenig von Wissenschaft
       und mehr von Ideologie. Es musste so kommen, Nachdenken ist für Nörgler,
       Zweifel zwecklos. Schlögel liefert damit eher ein Narrativ als eine
       Erklärung – und führt damit letztlich ab absurdum, was er doch vorgibt zu
       verteidigen: die europäischen Werte. Geschichtsschreibung aber, so
       verstanden, ist das Gegenteil von Aufklärung.
       
       13 Nov 2025
       
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