# taz.de -- Autorin El Hor erhält Werkausgabe: Sehnsucht läuft ins Leere
> Sie nannte sich El Hor und provozierte die Gesellschaft um 1900 mit
> grotesker, tieftrauriger Kurzprosa. Nun wurde die Identität der Autorin
> enthüllt.
(IMG) Bild: Nächtliches Eislaufen in Wien, um 1910
Wie viel Sehnsucht empfinden Orchideen? Will man einer Erzählung El Hors
glauben, so sehnen sich die „seltsamen Blumen“ ständig. Von ihrem Platz im
langweiligen, künstlich beleuchteten Blumenladen aus verzehren sie sich
nach dem dunklen Dickicht des Urwalds, „wo sie bestimmt sind, über tausend
Gefahren zu blühen“. Wo sie inmitten all der „Todesmöglichkeiten“ auf die
Kolibris warten – und auf deren spitze, honigsuchende Schnäbel.
Bereits den Pseudonymen der Autorin ist die Sehnsucht nach einer anderen,
intensiveren Wirklichkeit eingeschrieben. El Hor oder El Ha, das klingt
nach einem Ort jenseits gutbürgerlicher Blumenläden oder der alten
Habsburgermetropole Wien, ihrer tatsächlichen Heimat. „Theaterstraßen!
Theaterfiguren! Theaterleben! Träume, Gedichte, Possen – aber keine
Wirklichkeit“, lästert die Autorin in ihrer Skizze „Wiener Briesel“.
Solche provokanten Skizzen und Kurztexte verfasste El Hor nach 1900,
einige, manche unter diesem, manche unter jenem Pseudonym. Ihre Identität
blieb indes ungeklärt. Dass wir im Jahr 2025 nun endlich wissen, wo die
Autorin lebte und wer überhaupt hinter den Masken steckte, ist Claus Zittel
zu verdanken. Der Stuttgarter Literaturwissenschaftler und Philosoph hat
unter dem Titel „Streichhölzer“ das Werk El Hors neu herausgegeben,
kommentiert und die Identität der Autorin offengelegt.
Lange führte die einzig eindeutige biografische Spur über den
Schriftsteller Paul Leppin. 1922 spekuliert er in einem Artikel in der
Prager Presse über die Identität dieser Autorin, die so unprätentiös über
die „Perversion des Geschlechts“ und die „Qual der Kreatur“ schreibt, und
ist sich dabei sicher: „Es ist eine Frau.“ Gut 70 Jahre später suchte der
erste Herausgeber El Hors, Hartwig Suhrbier, ihre Identität zu enthüllen –
und scheiterte.
Im Nachwort der Werkausgabe „Die Schaukel. Schatten“ von 1991 berichtet er
von seinen umfangreichen Recherchen, auch in Wien. Suhrbier entdeckte, dass
El Hor und El Ha dieselbe Person sind. Als er im Literaturarchiv Marbach
auf die Verträge von El Hors Verleger Hermann Meister stieß, folgte aber
die Enttäuschung: Selbst ihren Vertrag unterzeichnet die Autorin mit
Pseudonym!
## Veröffentlichungen neben Musil und Kafka
Immerhin war über Suhrbiers schmale Werkausgabe etwas Aufmerksamkeit auf El
Hor gelenkt, die in zahlreichen namhaften Zeitschriften Anfang des 20.
Jahrhunderts veröffentlicht hatte, [1][neben jungen Avantgardisten wie
Gottfried Benn, Robert Musil und Franz Kafka.] Zu sprechen scheint El Hor
oder El Ha ausschließlich durch diese Texte, durch Orchideen, den Teufel,
sadomasochistische Frauen oder die leblosen Theatergassen Wiens. Nur: So
sehr die große Unbekannte den Theaterkulissen der Kulturmetropole spottete,
so sehr spielte sie selbst ein Maskenspiel.
Die Maske hat ihr Claus Zittel nun posthum entrissen. Wie Suhrbier
durchforstete der El-Hor-Bewunderer die Nachlässe der Herausgeber. Weil die
Autorin in der Prager Presse veröffentlicht hatte, reiste auch Zittel nach
Prag. Im Zeitungsarchiv entdeckte er nicht nur ein drittes Pseudonym: L. v.
Böheim und darüber weitere Texte. Auch fand er einen Brief an die
Redaktion: Darin bittet die ominöse L. v. Böheim um Zusendung von
Belegexemplaren an ihre Wiener Adresse, an eine gewisse Else Onno. Und
damit nicht genug, denn der Name weist mitten ins Wiener Theaterleben: Else
Onno, El Hor, El Ha, L. v. Böheim war niemand Geringeres als die Frau des
beliebten Burgtheaterschauspielers Ferdinand Onno.
Den hatte die 1883 in Paris geborene Else Sprinkmann möglicherweise in
Berlin kennengelernt, dort in jedem Fall 1905 geheiratet. Ferdinand Onno
begann in Berlin an der Seite des großen Theaterinnovators Max Reinhardt
gerade seine Karriere, die ihn bald ans Wiener Burgtheater führte. Mit
seinen intensiven Charakterdarstellungen erregte und schreckte Onno sein
Publikum. Der große Wiener Provokateur Arthur Schnitzler schätzte ihn als
Darsteller.
Die Texte seiner Frau Else Onno wiederum tragen Titel wie „Das Publikum“,
„Pantomime“ oder „Die Probe“ und strotzen vor Anspielungen auf das Theater;
mal mit pikantem Spott, mal gibt die Bühne bloß El Hors typischer Lust- und
Todessehnsucht Raum. So auch in einem ihrer faszinierendsten Prosatexte,
„Das Abenteuer“. Bereits der Auftakt zeigt all ihr Talent, alltagsnahe wie
groteske Begebenheiten zu schildern: „Er saß in einem Theater, ganz vorn im
Parkett. Es war Pause, und er saß auf der Sitzlehne mit dem Rücken zur
Bühne und starrte ins Publikum. Er sah aus wie ein Hund.“
Protagonistin der kurzen Erzählung ist eine Frau. Sie spürt den
hasserfüllten, „ingrimmigen“ Blick des hässlichen Hundemannes – und ist
verzückt. Lachend stellt sie sich vor, wie es wäre, würde der Mann „gleich
laut bellend über die Sitzreihen springen und ihr die Kehle durchbeißen“.
## Pointierte Kurzprosa
Wie es weiter geht? Überraschend, lakonisch, brutal. El Hor liebt die
pointierte Kurzprosa – wie Franz Kafka, Robert Walser oder der von ihr als
„wiener Orientale“ gefeierte Kaffeehausliterat Peter Altenberg. Manche
ihrer Porträts brauchen nur wenige Zeilen, um die Lesenden mit grausamen
wie betörenden Szenarien zu konfrontieren.
Wie ihre Nachfolgerin im Geiste [2][Elfriede Jelinek] beschäftigen El Hor
dabei besonders die Möglichkeiten weiblicher Sexualität. Zu einer Zeit, in
der Hysterie verschwenderisch oft diagnostiziert wurde und Otto Weiningers
misogynes Lebenswerk „Geschlecht und Charakter“ (1903) Bestseller war,
bewegten sich ihre aufreizend geschriebenen Texte fernab des Mainstreams.
„Er verstand nicht mit Prinzessinnen umzugehn, darum habe ich ihn getötet“,
konstatiert die Protagonistin der Erzählung „Die Närrin“ über ihren
ehemaligen Liebhaber, den sie auch ihren „Sklaven“ nennt. Für den Mord
zahlt die „Närrin“ aber einen hohen Preis und soll hingerichtet werden. Oft
sind die Texte El Hors von einer tiefen Traurigkeit gekennzeichnet. Die
Sehnsucht ihrer Außenseiterfiguren, ob es Närrinnen oder seltsame Orchideen
sind, läuft meist ins Leere. Die Gesellschaft um 1900 sanktioniert
gnadenlos, gerade, wenn es um die Lust von Frauen geht.
## Kein Foto der Autorin aufgefunden
Else Onno wollte El Hor bleiben. Für den detektivischen Herausgeber Claus
Zittel war das Reiz und Herausforderung: „Das Suchen ist zum Mäusemelken“,
liest man im amüsanten wie spannenden Nachwort. Neben den Entdeckungen
bleiben viele Leerstellen. So konnte Zittel kein Foto der Autorin finden.
Während ihr illustrer Ehemann viel auf der Bühne fotografiert wurde, gibt
es keine Fotografien, die ihn jenseits seiner Rollen zeigen und auch keine
Privatfotos der Familie Onno. Überhaupt lebte das Ehepaar weitab des Wiener
Burgrings im südlich gelegenen Meidling, von 1914 bis zu seinem Tod.
Else Onno starb 1963, ihr Mann 1969. Nur ein Jahr später folgte ihr Sohn
Max Onno: Er erlitt einen Schlaganfall auf Sylt. Er war gerade dabei, einen
Vortrag über sein Fachgebiet der Botanik zu halten. Was ihm seine Mutter
wohl von ihrer Faszination für Orchideen mitgegeben haben mag?
Von El Hor, El Ha, L. v. Böheim oder ihrem bürgerlichen Namen, unter dem
sie einige durchaus spöttische Reiseimpressionen und sogar Gedichte
veröffentlichte, war nach 1923 nichts mehr zu lesen. Kann es womöglich
sein, dass sie bis zu ihrem Tod vor allem das tat, was in einem
Nachlassdokument steht – „Haushalt“? Das wäre ernüchternd, würde aber zu
ihrem sehnsüchtig-traurigen Porträt der Orchideen passen, die statt im
Urwald am Ende nur im Schaufenster verbleiben. Und dort „langweilten sie
sich entsetzlich“.
Für El Hors Werk gilt natürlich das Gegenteil: für sensible Gemüter
vielleicht entsetzlich, aber niemals langweilig.
29 Dec 2025
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