# taz.de -- Tagebuch aus Moldau: Schwul in Chișinău
       
       > Homophobie gehört sowohl zum sowjetischen Erbe in der Republik Moldau als
       > auch zur religiösen Gegenwart. Und sie ist ein Teil von Moskaus
       > Kulturkampf.
       
 (IMG) Bild: Wo EU und Nato als Ausdruck eines schwulen Europas gelten: Demonstrantin in Chișinău, Oktober 2024
       
       Franz sagt: „Ich möchte einfach nur diesem Umfeld entkommen.“ Franz ist
       jung. Und schwul. Seine Heimat [1][Moldau] hatte er schon einmal verlassen.
       Doch nur kurz. Im Nachbarland [2][Rumänien] konnte er kein Arbeitsvisum
       bekommen. Nun ist er wieder zurück. „Das ist der Pädophile!“, rufen sie,
       „Schwuchtel", nennen sie ihn. „Lass uns die Jungs holen und ihn
       verprügeln!“ Die Schulkinder rennen hinter ihm her.
       
       „Jeden Tag bin ich nervös, weil ich das Gefühl habe, dass meine Tage
       gezählt sind“, sagt Franz. Er ist [3][Social-Media-Influencer]. Ich folge
       ihm seit zwei Jahren auf Instagram und TikTok, und es fällt mir zunehmend
       schwerer, nur Beobachterin zu bleiben. Er wird wegen seiner langen Haare
       schikaniert, wegen der Röcke, die er trägt, oder wegen des Make-ups, das er
       auflegt. In seinen Kanälen veröffentlicht er immer wieder die
       Morddrohungen, die er erhält.
       
       Ende vergangenen Jahres haben ihn drei Männer zusammengeschlagen, ganz nahe
       seines Wohnhauses. Franz hat den Angriff telefonisch gemeldet, der Polizist
       sagte ihm: „Die Rettung eines Ertrinkenden liegt in den Händen des
       Ertrinkenden selbst.“ Der Polizist warf Franz vor, die Angreifer nicht
       verfolgt zu haben. Ein anderer junger Polizist schrieb ihm von seinem
       privaten Account aus einen Kommentar: „Wenn ich dich sehe, schlage ich dir
       ins Gesicht.“
       
       [4][Homophobie in der Republik Moldau] hat ihre Wurzeln in der sowjetischen
       Vergangenheit. Da stand Homosexualität unter Strafe. Später wurde der Hass
       auf alles Queere durch den Einfluss der orthodoxen Kirche verstärkt. Nach
       dem Zusammenbruch der UdSSR wurde die Kirche in der moldauischen
       Gesellschaft noch einflussreicher.
       
       ## Kirche und Kreml im Kulturkampf
       
       Die [5][Metropole in Moldau], die der [6][russisch-orthodoxen Kirche]
       untersteht, sieht in der LGBTQ+-Gemeinschaft eine Bedrohung der
       „christlichen und traditionellen Werte“. Weiter angeheizt wurde die
       Homophobie in den vergangenen Jahren durch pro-russische Politiker,
       insbesondere im Wahlkampf. Sie stellen die queere Community als „inneren
       Feind“ Moldaus dar. Sie treten mit dem Versprechen an, „LGBT-Propaganda“ zu
       verbieten, sobald sie an die Macht kommen.
       
       Bei den letzten [7][Parlamentswahlen am 28. September 2025] hat die
       Mehrheit der Bevölkerung für eine pro-europäische Zukunft gestimmt, also
       für die Regierung. Zum Glück. Aber die Homophobie ist nach wie vor
       vorhanden.
       
       Der [8][Kreml] führt seinen Kulturkrieg in Moldau weiter. Moskau möchte den
       europäischen Kurs des Landes torpedieren. Es will das Land in seiner
       Einflusszone halten. „Das soll zur neuen Norm in der EU werden – dieses
       Europa voller gottloser Ideologien“, schreibt einer der Hass-Kommentatoren
       auf Franz' Social-Media-Seite. Solche Postings sind eine direkte Folge der
       russischen Propaganda, die in letzter Zeit immer beharrlicher westliche
       Werte mit der LGBTQI+-Gemeinschaft in Verbindung bringt, ja, sie
       gleichsetzt.
       
       Die proeuropäische Regierung der Staatspräsidentin [9][Maia Sandu] wurde
       mit der Hoffnung auf einen echten Wandel erneut gewählt. Jetzt muss sie
       handeln. Demokratie bedeutet, alle Menschen zu schützen, auch Queere, auch
       Franz. Wer sich wegduckt oder die Schuld allein dem Kreml und der
       prorussischen Opposition zuschiebt, verrät diese Hoffnung.
       
       [10][Daniela Calmîş] ist eine unabhängige Journalistin aus der Republik
       Moldau. Sie ist Teilnehmerin des [11][Osteuropa-Workshops der taz Panter
       Stiftung].
       
       Aus dem Russischen von [12][Tigran Petrosyan]. 
       
       Durch Spenden an die [13][taz Panter Stiftung] werden unabhängige und
       kritische Journalist:innen vor Ort und im Exil im Rahmen des Projekts
       „Tagebuch Krieg und Frieden“ finanziell unterstützt.
       
       17 Oct 2025
       
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 (DIR) Daniela Calmîș
       
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