# taz.de -- Klimakrise in der Literatur: Können Bücher uns retten?
       
       > Am Mittwoch beginnt die Frankfurter Buchmesse. Immer mehr Autor*innen
       > schreiben über das Leben auf einem erhitzten Planeten.
       
 (IMG) Bild: Gar nicht fiktiv, sondern ganz real: Zwei Frauen mit Baby fliehen vor Staub- und Windsturm in Neu-Delhi, Indien im April
       
       Leipzig taz | Sie habe gar kein Buch über die Klimakrise schreiben wollen,
       sagt die nigerianische Autorin Abi Daré. Eigentlich hatte sie von Frauen,
       Mädchen und [1][sozialer Ungleichheit in ländlichen Regionen von Nigeria]
       erzählen wollen.
       
       „Aber je tiefer ich vordrang, desto mehr erkannte ich, wie der
       Umwelt-Kollaps alles durchdringt“, meint Daré. In ihrem Roman „And so I
       Roar“ (dt. Und so brülle ich) muss die 14-jährige Adunni aus der Stadt in
       ihr Dorf zurückkehren, um an einem Ritual teilzunehmen, das ihr Dorf von
       den Auswirkungen des Klimawandels schützen soll. Daré gewann damit in
       diesem Mai den ersten „Climate Fiction Prize“. Der Preis wurde ins Leben
       gerufen, um Literatur zur Klimakrise und damit auch die Krise selbst mehr
       in die den Fokus zu rücken.
       
       Diese fiktive Klimaliteratur hat auch einen Namen: Climate Fiction oder
       kurz Cli-Fi. Die Bezeichnung ist eine Anlehnung an Science Fiction und die
       dazugehörige Kurzform Sci-Fi. Climate Fiction ist noch ein relativ junges
       Genre, 2008 wurde es von dem Reporter Dan Bloom geprägt.
       
       Zuerst fielen darunter vor allem Geschichten, die – oft dystopische –
       Zukunftsbilder von einer Welt mit fortschreitendem Klimawandel zeichneten.
       Einige der Cli-Fi-Erzählungen sind auch genauso fantastisch wie Sci-Fi.
       Andere, wie „Das Flugverhalten der Schmetterlinge“ von Barbara Kingslover,
       das beschreibt, wie Klimaveränderungen Monarchfalter beeinflussen, sind
       sehr viel näher an der Realität.
       
       ## Ein Platz für Klimagefühle wie Angst und Trauer
       
       Der Autor Uwe Laub hat im vergangenen Jahr den Verein Climate Fiction
       Writers Europe gegründet. Er meint, Climate Fiction sei in der
       deutschsprachigen Literaturszene „völlig unterrepräsentiert“ und viele
       Verlage würden „grüne Themen“ meiden. Das will Laub ändern. Für die
       Frankfurter Buchmesse, die am Mittwoch beginnt, [2][hat er deswegen eine
       Podiumsdiskussion organisiert].
       
       Die Geschichten, die Laub selbst schreibt, finden oft im Setting der
       Klimakrise statt – beispielsweise der Bestseller-Thriller „Sturm“ von 2018,
       in dem es um Wettermanipulationen geht.
       
       Für die Literaturwissenschaftlerin Julia Hoydis, die an der Universität
       Graz zu Klimawandel-Narrativen in kulturellen Darstellungen forscht, ist
       das Genre wichtig: „Kommunikation zum Klimawandel scheitert seit Jahren,
       Literatur kann Menschen anders und emotionaler erreichen“, meint sie.
       Climate Fiction könne auch ein Raum sein, in dem Klimagefühle wie Angst und
       Trauer einen Platz finden.
       
       Das Genre boomt richtig, es gibt immer mehr literarische
       Veröffentlichungen, die die Klimakrise in den Mittelpunkt stellen.
       Aufmerksamkeit bekommen haben beispielsweise das 2023 erschienene
       „Umlaufbahnen“ von Samantha Harvey oder „Das Ministerium der Zeit“ von
       Kaliane Bradley, das im vergangenen Jahr erschien. Auffällig ist, dass
       CliFi mittlerweile oft zeitlich viel näher an der Gegenwart spielt als
       klassische SciFi-Geschichten.
       
       Der Bestseller „Das Ministerium für die Zukunft“ von Kim Stanley Robinson
       wurde 2020 veröffentlicht und spielt im Jahr 2025. Es diskutiert die Frage,
       ob Klimaschutz den Einsatz von Gewalt rechtfertigt und fühlt sich an vielen
       Stellen fast hyperrealistisch an.
       
       ## Realität überholt Fiktion
       
       Weil die Klimakrise eine zunehmend größere Rolle in unserem Leben spiele,
       sei es logisch, dass sie auch in der Literatur wichtiger werde, meint
       Wissenschaftlerin Hoydis. „Klima ist nicht nur ein wissenschaftliches
       Thema, sondern auch ein kulturelles, das viel mit unserem Miteinander zu
       tun hat“, sagt sie.
       
       Die mehr als 50 Autor*innen von Climate Fiction Writers Europe arbeiten
       deshalb daran, Geschichten zur Klimakrise bekannter zu machen. Neben dem
       Auftritt auf der Buchmesse bereitet der Münchner Verein einen
       Schreibwettbewerb vor. Uwe Laub ergänzt: „Die wenigsten Menschen kaufen
       hochkomplexe Sachbücher, aber wenn man die Klimakrise in eine spannende
       Geschichte packt, dann bleibt schon was hängen.“
       
       Wie groß der Einfluss von Cli-Fi als Ergänzung zu klassischer
       Wissenschaftskommunikation tatsächlich ist, steht nicht fest: [3][Eine
       Studie] kam zu dem Ergebnis, dass die Lektüre von Cli-Fi kurzfristig sowohl
       die Überzeugung erhöht, dass der Klimawandel real und menschengemacht ist,
       als auch das Bewusstsein für die Risiken verstärkt, die damit einhergehen.
       Langfristig lasse dieser Effekt aber nach. Hinzu kommt: Häufig erreicht
       Cli-Fi laut Hoydis oft Menschen, die sich sowieso schon mit dem Thema
       beschäftigen.
       
       Aktuell überholt die Realität an einigen Stellen schon die Fiktion – die
       Klimakrise liegt nicht mehr in ferner Zukunft, häufigerer Starkregen oder
       ungekannte Dürren und Hitzewellen sind längst da. Eine Hitzewelle in
       Indien, wie sie „Das Ministerium für die Zukunft“ beschriebt, hat im
       vergangenen Jahr [4][tatsächlich] mehr als 700 Menschen getötet.
       
       Literaturwissenschaftlerin Hoydis fragt sich deshalb, wie lange man Cli-Fi
       als Genre überhaupt noch klar abgrenzen kann. Texte, die mit der Gegenwart
       oder der Zukunft zu tun haben, müssten schon jetzt fast unausweichlich die
       Klimakrise thematisieren. „Die warnende Funktion von Cli-Fi rückt deswegen
       in den Hintergrund“, meint sie.
       
       Auch die Möglichkeit, die Klimakrise etwa noch mit technischen Lösungen
       aufzuhalten, werde seltener beschrieben. „Stattdessen beschreibt Literatur
       jetzt immer mehr eine Welt mit Adaptation, in der die Überlebenden
       klarkommen müssen“, sagt Hoydis. Was sie allerdings vermisst – und da
       kommen Fiktion und Realität wieder näher zusammen – sind hoffnungsvollere,
       utopische Erzählungen von einem positiveren Ausgang der Klimakrise.
       
       13 Oct 2025
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Krise-in-Nigeria/!6099473
 (DIR) [2] https://uwelaub.de/de/19-10-2025-frankfurter-buchmesse/
 (DIR) [3] https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/17524032.2020.1814377
 (DIR) [4] https://www.downtoearth.org.in/climate-change/seeing-red-india-had-over-700-heat-deaths-in-2024-much-higher-than-official-toll-claim-scientists
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Lisa Kuner
       
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