# taz.de -- Medienkonzentration: Deshalb taz
       
       > Wirklich unabhängige Medien werden in den nächsten Jahren immer
       > wichtiger, findet der US-amerikanische Bestsellerautor Dave Eggers.
       
 (IMG) Bild: Für Dave Eggers gibt es Menschen, die offen sind, sich informieren und sogar inspirieren lassen und auch dafür brauche es die taz
       
       Dieser Text ist einer von dreizehn exklusiven Beiträgen, die die taz von
       deutschen und internationalen Autor*innen für ihre [1][letzte gedruckte
       Tageszeitung vom 17. Oktober 2025] bekommen hat. Anlässlich des ersten
       Jahrestages dieser Ausgabe veröffentlichen wir den Essay nun auch online. 
       
       Gestern habe ich mit einem 23-jährigen Hochschulabsolventen telefoniert.
       Ich hatte ihn noch nie getroffen, aber er war der Sohn eines alten Freundes
       und brauchte einen Rat. Er hatte gerade sein Studium abgeschlossen und
       wollte wissen, ob und wie er als Schriftsteller, Redakteur oder Journalist
       in der Medienlandschaft des Jahres 2025 leben könnte. Diese erscheint
       derzeit bestenfalls apokalyptisch.
       
       Mir ist bewusst, dass der Rest der Welt unser Land, die USA, und unsere
       Medien mit Entsetzen und Furcht betrachtet. Kommentatoren werden am
       helllichten Tag erschossen. [2][Talkshowmoderatoren werden aus dem Programm
       genommen], weil sie Witze machen, die dem Präsidenten nicht gefallen. Die
       staatliche Finanzierung für unzählige öffentlich-rechtliche Radio-,
       Fernseh- und akademische Programme wird gestrichen. Zeitungen und
       Zeitschriften sterben massenhaft, da das seit 150 Jahren vorherrschende
       Werbemodell durch das Internet zerstört wurde. Bald wird Tiktok einem
       Trump-freundlichen Milliardär gehören, der versprochen hat, die Plattform
       so zu regulieren, dass nur noch ihm genehme Meinungen verbreitet werden.
       
       Und doch bleibe ich hoffnungsvoll und habe versucht, diesen jungen Mann
       ebenfalls davon zu überzeugen. Denn mehr als je zuvor in den letzten 80
       Jahren wird eine unabhängige Presse unerlässlich sein, damit die
       demokratischen Nationen der Welt diese Epoche überstehen, in der
       erschreckend viele Demokratien erneut mit dem Faschismus liebäugeln.
       
       Seit einiger Zeit habe ich die Theorie, dass in jedem Land, egal wie
       industrialisiert oder politisch frei es ist, gut 40 Prozent der Bürger den
       Faschismus der Demokratie vorziehen würden, wenn dies bedeuten würde, dass
       ihre Positionen – vor allem in Bezug auf Einwanderung und Kriminalität –
       ohne Reibungsverluste durchgesetzt würden. Ich bezeichne diese Gruppe als
       die „Faschistischen 40“. Die USA erleben gerade die erste Phase, in der es
       dieser historisch (manchmal nur knapp) unterdrückten Wählergruppe endlich
       gelingt, Macht zu erlangen und auszubauen.
       
       Die „Faschistischen 40“ interessieren sich nicht für eine freie Presse. Die
       „Faschistischen 40“ wollen keine gegensätzlichen Meinungen – das wäre zu
       chaotisch. Tatsächlich, so betonen sie, könnten unterschiedliche Meinungen
       sogar zu politischer Gewalt führen. Besser sei es, würden wir mit einer
       einzigen, einheitlichen Stimme sprechen, und zwar mit den Worten unserer
       Führer, die es schließlich am besten wüssten.
       
       Die „Faschistischen 40“ sind froh, wenn sie maskierte, bewaffnete Männer
       auf den Straßen sehen, die Einwanderer oder diejenigen, die wie Einwanderer
       aussehen, entführen und verschwinden lassen.
       
       Die „Faschistischen 40“ stehen der Inhaftierung von Demonstranten und dem
       Einsatz des Militärs in Städten, die nicht für ihren Führer gestimmt haben,
       optimistisch gegenüber. In den USA sind die „Faschistischen 40“ bereit,
       sich anzupassen, falls Trump aufgrund nationaler Unsicherheit oder einer
       von ihm inszenierten Krise die Wahl 2028 absagt.
       
       Ich kann nicht erklären, warum eine Demokratie wie die unsere – die älteste
       der Welt – von 40 Prozent ihrer Einwohner zugunsten einer Autokratie
       aufgegeben werden würde. Ich kann nur sagen, dass die Anziehungskraft des
       Faschismus eine viszerale, instinktive Sache ist, während die Akzeptanz der
       Demokratie in ihrer ganzen Komplexität einen wachen und flexiblen Geist
       erfordert. Wir brauchen mehr Menschen mit dieser Haltung, aber es erfordert
       Arbeit, offen und einfühlsam zu bleiben, und ständige Weiterbildung.
       
       Es ist daher kein Wunder, dass US-Faschisten, wie Faschisten überall, alles
       tun, um [3][Bildung zu verhindern]. Das ist schlecht fürs Geschäft.
       Kürzlich wurde berichtet, dass der Anteil der Republikaner im
       US-Repräsentantenhaus mit einem Hochschulabschluss einer Eliteuniversität
       auf 15 Prozent gesunken ist. Vor fünfzig Jahren waren es noch 40 Prozent.
       Die Rechte wird gleichzeitig dümmer und stärker.
       
       Die einzige Hoffnung gegen die „Faschistischen 40“ ist es, die „Mittleren
       20“ zu beeinflussen. In den USA gibt es einen Block von 40 Prozent
       zuverlässig informierter liberaler Wähler. Dann gibt es die „Mittleren 20“:
       Wechselwähler, die zuerst Reagan, dann Clinton, dann Bush I und II und
       schließlich Obama gewählt haben. Sie sind formbar. Sie hören zu. Und es
       gibt sie überall auf der Welt. Sie sind offen dafür, informiert, überzeugt
       und sogar inspiriert zu werden.
       
       Deshalb ist das Fortbestehen der taz so wichtig. Ob auf Papier oder auf
       Bildschirmen: In den kommenden Jahren, in denen die Medienkonzentration
       immer weiter zunehmen wird, werden wirklich unabhängige Medien immer
       wichtiger. Denken Sie daran: Der größte Teil der Macht, die Autokraten in
       Politik und Medien haben, ist die Macht, die wir ihnen gegeben haben.
       
       Wann immer möglich, sollten wir uns daher von den Medienkonzernen abwenden,
       die sich allzu oft den Autokraten beugen und so schnell zu Staatsmedien
       werden. Stattdessen sollten wir unsere Zeit, unser Geld und unsere
       Aufmerksamkeit denen widmen, die darauf bestehen, frei, unabhängig und
       furchtlos zu bleiben.
       
       Das habe ich diesem 23-Jährigen gesagt. In vielerlei Hinsicht ist dies eine
       schreckliche Zeit, um in den Journalismus und das Verlagswesen
       einzusteigen. Aber genau das macht diese Arbeit so dringend. Schreckliche
       Zeiten brauchen aufgeklärte Köpfe, sagte ich ihm, und drängte ihn, sich dem
       Kampf anzuschließen.
       
       17 Oct 2026
       
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