# taz.de -- 1 Jahr Seitenwende: Radikal zusammenbleiben
       
       > Emotionale Verbundenheit zahlt sich aus: Ein Jahr nach Druckschluss der
       > Werktagsausgabe sind uns mehr als 86 Prozent der Leser:innen treu
       > geblieben.
       
 (IMG) Bild: Viele Herzen für die taz: Die letzte gedruckte Werktagsausgabe wurde am Abend des 16. Oktober 2025 in der taz-Kantine gefeiert
       
       „Die taz macht endlich wieder mal was Radikales“, schrieb der Spiegel vor
       gut zwei Jahren, als das Projekt Seitenwende vom taz-Verlag offiziell
       verkündet wurde. Ein Jahr darauf meldeten wir Vollzug und stellten am 17.
       Oktober 2025, als erste überregionale Tageszeitung in Deutschland, [1][den
       Druck unserer werktäglichen Ausgabe nach 46 Jahren ein] – zugunsten einer
       reinen [2][E-Paper-Ausgabe].
       
       Zwischen angespannt und neugierig beobachtet die deutsche Medienlandschaft
       seither, was passiert. Denn: „Über kurz oder lang werden sich auch andere
       Verlage von der gedruckten Tageszeitung verabschieden“, prognostiziert
       Kommunikationswissenschaftler Bernd Blöbaum von der Universität Münster
       gegenüber der taz. Der Branchenverband BDZV rechnet sogar damit, dass es
       bis 2040 keine gedruckten Tageszeitungen mehr geben wird.
       
       Die taz vollzog den radikalen Schritt in wirtschaftlich guten Zeiten.
       Gleichzeitig behielten wir mit der wochentaz ein Printprodukt bei und
       stärkten unseren Onlineauftritt. Die E-Paper-App, die es schon zuvor gab,
       wurde generalüberholt und in ihrer Handhabung vereinfacht.
       
       Doch viele taz-Leser:innen waren trotzdem skeptisch. Leute schrieben uns,
       dass sie sich ein Leben ohne Zeitungsrascheln am Frühstückstisch nicht
       vorstellen könnten. Wir antworteten, es seien doch die inneren Werte, die
       zählten, also: der taz-Journalismus selbst.
       
       ## Überwartungen noch übertroffen
       
       Das bestätigten in einer schon 2023 durchgeführten Befragung auch 81,4
       Prozent der Abonnent:innen, die angaben, nach dem Druckschluss bei uns
       bleiben zu wollen. Geschäftsführer Andreas Marggraf sagt, man sei dennoch
       lieber vorsichtig von im besten Fall 70 Prozent Treuequote ausgegangen.
       „Wir hatten aber auch einen worst case von 40 Prozent, der auf Zahlen von
       Regionalzeitungen basierte, die schon auf rein digital umgestellt hatten“,
       sagt Marggraf.
       
       Damit es dazu nicht kommen würde, beteiligte sich nahezu das gesamte Haus
       Monate vor dem Stichtag an Beziehungspflege zu den Leser:innen: Als
       Seitenwendetour tingelten taz-Teams durchs ganze Land, eine Telefonhotline
       wurde eingerichtet. Die Botschaft war: Wir wollen, dass ihr bleibt, damit
       wir bleiben können.
       
       Die Care-Arbeit hat sich gelohnt: Ein Jahr nach der Umstellung haben die
       Zahlen unsere Erwartungen weit übertroffen. Mehr als 86 Prozent der
       taz-Abonnent:innen sind ihrer Zeitung treu geblieben – ob als
       Leser:innen der digitalen Ausgabe oder in Kombi mit der wochentaz, die
       weiterhin samstags auf Papier erscheint.
       
       Dass so viele dabeigeblieben sind, „überrascht mich überhaupt nicht“, sagt
       Bernd Blöbaum, der die taz seit den 1990er Jahren beforscht und von einer
       extrem soliden Beziehung zwischen ihr und ihrem Publikum berichtet. „Diese
       Wertschätzung ist nicht an die Form, sei es Papier oder sei es digital,
       gebunden. Sondern an die journalistischen Inhalte und die
       genossenschaftliche Organisation, die Unabhängigkeit von partikularen
       wirtschaftlichen Einflüssen sichert.“
       
       ## Radikaler Unterschied
       
       Das Hauptziel der Seitenwende sieht Geschäftsführer Marggraf als erreicht
       an: Die taz schreibt auch im ersten Jahr nach Druckschluss keine roten
       Zahlen, [3][wie es ohne die Einstellung des werktäglichen Drucks gewesen
       wäre.] Im Gegenteil: Die Ertragslage hat sich wesentlich verbessert. Doch
       die Umstellung hat das Haus viel Kraft gekostet. Vor allem die Aboabteilung
       litt zwischenzeitlich unter einer extremen Belastung, weil zeitgleich zur
       Seitenwende ein neues System eingeführt wurde. Auch das Ziel, Produktion
       und Layout zu entlasten, sei noch nicht ausreichend erreicht, so Marggraf.
       „Dieser Prozess war aufwendiger als gedacht und benötigt auch noch eine
       Nachjustierung“.
       
       Und: Um notwendige neue Abonnent:innen längerfristig zu halten, müsse
       man „mehr Bindungsmaßnahmen“ aufwenden.
       
       Empirisch gesehen dürfte das der richtige Weg sein. Die „emotionale
       Verbundenheit“, so Medienforscher Blöbaum, „unterscheidet die taz von
       vielen anderen Medien hierzulande“. Und zwar radikal.
       
       17 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Sunny Riedel
       
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